Die einzigen, die in Westdeutschland noch unter dem Gesetz des unconditional surrender stehen, sind die Jäger. Sie wandern mit Spazierstöcken durch ihre Reviere, zahlen geduldig seit Jahren ihre Jagdpachten dafür, daß sie gelegentlich zusehen dürfen, wie die Besatzungmächte ihr Wild dezimieren, und zeigen in der Jagdpresse ungewöhnlich viel Galgenhumor über ihre erzwungene jagdliche Impotenz. Erleichtert wurde diese Einstellung, weil die bisherige Rechtlosigkeit ihren einzigen Grund darin zu finden schien, daß die speziellen Sportgeräte der Jäger, Büchsen und Flinten nämlich, leichter hätten mißbraucht werden können, als Tennis- oder Golfschläger.

Nun sind jedoch Mitte Juli für die britische Zone Verordnungen der Militärregierung über Waffenbesitz und Jagdausrüstung erlassen worden, aus denen die Öffentlichkeit mit Befremden entnehmen muß, daß offensichtlich nicht Sicherheitsgründe allein das bisher geltende radikale Jagdverbot bedingt haben. Denn der einleitende Satz der Verordnung Nr. 190 über das Jagdrecht teilt uns mit: „Die Militärregierung betrachtet das Jagen von Wild und das Angeln von Fischen als Rechte, die den Mitgliedern der Be-Satzungsstreitkräfte zu ihrer Erholung zustehen.“ Aus der Gesamtheit der Bestimmungen ergibt sich, daß ein „ausschließliches“ Recht damit gemeint ist; denn die wenigen Deutschen, denen es gelingen, wird, den Papierkrieg um die Waffen- und Jagdscheine und die Beschaffung einer Jagdwaffe schließlich zu gewinnen, dürfen doch nur mit den englischen Tagdsyndikaten mitjagen, die für jeden Bezirk gebildet werden.

Niemand mißgönnt den Beamten und Streitkräften der Besatzungsmacht ihre Erholung, in unseren Jagdrevieren, genau so wenig wie auf unseren Sportplätzen. Aber was würde man sagen, wenn die Militärregierung etwa sämtliche Tennisplätze der Zone beschlagnahmte, gleichviel, ob sie sie braucht oder nicht, oder alle Seebäder? Das aber geschieht jetzt mit den deutschen Jagdrevieren. Angesichts der vielen Schwierigkeiten politischer und wirtschaftlicher Art, die sich zwangsläufig immer wieder zwischen uns und unserer Besatzungsmacht auftun, hatten wir gehofft, daß wenigstens die sportliche Sphäre, und insbesondere die Jagd, das geeignete Feld für den Beginn einer Art Kameradschaft hätte sein können. Was uns in der englischen Jagdverordnung noch kurz vor Bildung einer westdeutschen Regierung aufgetischt wird, ist aber mit sportlichem fair-play und mit Rechtlichkeit schwer vereinbar. Das Jagdrecht ist ein untrennbarer Bestandteil des Grundeigentums, in der Weise, daß der Grundeigentümer es nur in Gestalt eines Jagdausübungsrechtes an einen Jagdpächter weitergeben kann. Mit dem endgültigen Entzug des Jagdrechts führt die Militärregierung in der ganzen britischen Zone eine Teilenteignung durch, die zivil- und verfassungsrechtlich nicht vorgesehen und daher angreifbar ist, und zweifellos auch angegriffen werden wird. Daß die Enteignung ausdrücklich ohne jede Entschädigung erfolgt, macht diesen Eingriff in deutsche Rechtsverhältnisse noch schwerwiegender.

Wäre es nicht klüger gewesen, und hätte der Erholung der wenigen bona fide Jäger der Besatzungsmacht genau so gut gedient, wenn man eine ausreichende Anzahl von Jagdrevieren für sie sichergestellt, alle übrigen aber den deutschen Jägern zurückgegeben hätte, wie es in der französischen Zone geschehen ist? Anstatt Zehntausende deutscher Jäger aus allen Schichten der Bevölkerung, die seit Jahren vergeblich auf Wiederzulassung zu ihrem Lieblingssport warten, zu verbittern und ihren Glauben an die englische Sportlichkeit zu erschüttern, ganz zu schweigen von den Millionenwerten, die der Wirtschaft durch die Ausschaltung der Jagd entgehen.

Fast ebenso störend für die englisch-deutschen Beziehungen wie die Fortnahme des Jagdrechts in den vier Ländern der britischen Zone ist die Regelung der Segelbootfrage, über die diesen Sommer unnötige und unerfreuliche Kontroversen mit den Engländern entstanden sind. Es ist weder mit sportlichen noch mit rechtlichen Begriffen vereinbar, wenn Hunderte unserer besten Boote aus Privatbesitz erst beschlagnahmt und dann offiziell enteignet werden, wobei die deutsche Feststellungsbehörde auch noch angewiesen ist, den vor der Währungsreform ermittelten Altwert den ehemaligen Besitzern nur zu einem Zehntel in DM gutzuschreiben. Wundert man sich da noch über die Weigerung der Deutschen, heute Regatten gegen ihre eigenen lachten unter englischen Besitzern zu segeln, die diese Boote auf solche Weise in ihre Hand gebracht haben? Während die amerikanische Besatzungsmacht die ursprünglich beschlagnahmten Boote längst ihren deutschen Eigentümern wieder zurückgegeben hat.

Wir sind in den Fragen der Jagden und der Jachten der Besatzungsmacht gegenüber solange machtlos, als wir keine Regierung haben und das Besatzungsstatut noch nicht in Kraft ist, das keinerlei Handhabe für derartige Enteignungsaktionen bietet. Es wäre sicherlich zu begrüßen, wenn durch eine Anfrage im Unterhaus einmal geklärt würde, ob hier nicht kleine Interessentengruppen innerhalb der Besatzungsmacht sich Privilegien verschafft haben und so die Atmosphäre beeinträchtigen, an deren Klärung und Sauberkeit England und Deutschland ein gleich großes Interesse haben. C. D.