Hamburg hatte – wohl seit langem einmal wieder – einen großen Theaterabend. Im brausenden herzlichen Beifall stand Albert Bassermann auf der Bühne des nach dem Umbau mit diesem Gastspiel neu eröffneten Theaters am Besenbinderhof, schon beim ersten Auftritt in der Rolle des Pastor Manders in Ibsens „Gespenstern“ ehrend begrüßt, am Schluß von dem an der Rampe sich drängenden, begeisterten Publikum lange und stürmisch gefeiert. Zum ersten Male nach sechzehn Jahren trat der 82jährige auf Einladung des neuen „Broadway“-Tbeaters in Hamburg (das ohne Bindung an eine bestimmte Spielgattung berühmte Gäste präsentieren will) wieder in Deutschland auf. Zürich und Wien, Belgien und Holland hatten ihn früher wiedergesehen und umjubelt. Auch die Jüngeren unter uns kannten wohl seinen Ruhm, aber sie hatten bisher nur Gelegenheit gehabt, den großen Bassermann im Film zu sehen – in zwei Charakterrollen in dem amerikanischen Film „Madame Curie“ und in dem englischen Farbfilm „Die roten Schuhe“. Wer aber diese Hamburger Aufführung erlebte – auch jene traf es jäh, die nur aus Sensationslust gekommen waren –, spürte sofort den Atem großer deutscher Theatertradition, spürte die intensive Suggestionskraft, die von der ehrwürdigen noblen Erscheinung dieses genialen Schauspielers ausgeht und die man auf unseren Bühnen heute sooft vergebens sucht. Sie kommt aus der verschwenderischen Mühelosigkeit der breit hinströmenden Sprechtechnik im liebenswerten Pfälzer Klang, sie kommt aber vor allem aus der vitalen feurigen Erlebnisfülle, mit der dieser große Mime trotz des biblischen Alters den Zuschauer zu innerem Erleben mitreißt.

Auch seine Partnerin und Lebensgefährtin Else Bassermann erreichte durch die eindringliche Echtheit des Tons erschütternde Wirkung. Als Frau Alving war sie mit leiseren Mitteln, mit stiller Güte und aufopfernder Mütterlichkeit die Gegenspielerin dieses kindlich naiven reinen Toren Manders, der in der Bessermannschen Prägung über die Ibsensche Begrenzung der Rolle hinaus wuchs. Diese Kunst ist, fernab allen Startums, Ausstrahlung großer Persönlichkeitswerte; sie entflammte die Mitspieler (Peter Mosbacher als Oswald Alving, Ernst Rottluff als Tischler Engstrand und Ursula Burg als Regine Eng-Strand) zu schöner Leistung und gab der prothematischen Dichtung Ibsens neue Impulse. Die Spielleitung hatte HorstBeck, das naturalistische Bühnenbild schuf Adolf Behrens. fürwahr, ein großer Theaterabend, für den wir dem heimgekehrten Künstler danken. Bassermann wird nach einer neuen Tournee durch Holland weitere Gastspiele in Süddeutschland geben. Später hat er neue Filmpläne in Amerika,

Erika Müller