Von Fritz Baade, Kiel

Nachdem wir Millionen von Dollar ausgegeben haben, um den Nationalsozialismus in Deutschland zu zerstören, subventionieren wir jetzt den Nationalsozialismus in verschiedenen europäischen Ländern. ... In allen grundlegenden Punkten verfolgt die Labour-Regierung in England heute die ökonomische Straße, welche von den Nazis in den Jahren unmittelbar vor dem Kriege gebaut worden ist. ... Es ist dieselbe Politik einer manipulierten Währung, die künstlich überwertet wird, um die Lebenshaltungskosten im eigenen Land niedrig zu halten. Es ist das System der blockierten Pfunde, eine Kopie des Systems der blockierten Marksorten, welches Dr. Schacht mit solcher Genialität gehandhabt hat. Es ist derselbe Gebrauch einer nicht übertragbaren Währung, um Exporte eines Englands zu erzwingen, welches ebenso wie Deutschland exportieren oder sterben‘ muß. ... Die heutige englische Feindschaft gegen Konkurrenz offenbart sich ... ebenfalls in dem finsteren Prozeß, die konkurrierende deutsche Industrie zu demontieren. Der vorauszusehende Zusammenbruch des Marshall-Plans ist um so katastrophaler, als er, was die Ankurbelung der Produktion betrifft, zweifellos hilfreich gewesen ist. ... Die einzige Lösung für Westeuropa liegt klar und deutlich in dem wirklichen Fortschreiten – und nicht in einem bloßen Lippenbekenntnis – zu einem wirtschaftlichen und politischen Bündnis, welches Spanien und Westdeutschland auf der Grundlage der Gleichberechtigung einschließt. Wenn die Europäer dies nicht von sich aus einsehen wollen, so wird es ihnen. schließlich klargemacht werden müssen, daß dies die unabdingbare Voraussetzung für die Fortsetzung der amerikanischen Hilfe ist.“

Dies schrieb unter dem Titel „Die Sackgasse des Nationalsozialismus“ der bekannte amerikanische Quäker, Rundfunkkommentator und humanitäre Schriftsteller Felix Morley in den „Human Events“ vom 6. Juli 1949. Mit solchen Feststellungen steht Felix Morley keineswegs allein da. Im englischen Unterhaus und in der englischen Presse, besonders auch in der kanadischen Presse wird auf die verhängnisvolle Parallelität zwischen Schacht- und Cripps-Politik seit Monaten hingewiesen. – Mit ganz besonderer Schärfe hat aber der „Economist“ die Tatsache herausgearbeitet, daß gerade in dieser angeblichen Therapie die entscheidende Ursache für die Krankheit des englischen Wirtschaftskörpers: den chronischen, auch durch Milliardensummen amerikanischer Hilfe nicht zu stoppenden Dollarschwund, liegt.

Der von Felix Morley und dem „Economist“ mit fast den gleichen Argumenten vorausgesagte Zusammenbruch der „nationalsozialistischen“ Außenhandels- und Währungspolitik in England ist offenbar eingetreten. Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem der amerikanische Senat den Gesamtbetrag für das zweite Jahr der Europahilfe um 10 v. H., also um etwa 400 Mill. $ gekürzt hat, hat England einen panischen Hilferuf an die OEEC gerichtet und seine Forderung auf Zuteilung von Marshall-Plan-Geldern um 578 Mill. $ erhöht. Das Echo in Amerika ist, wie zu erwarten war, außerordentlich unfreundlich. Die „New York Times“ schrieb am 29. Juli: „Im Kongreß – der dabei Zuschriften aus Wählerkreisen widerspiegelt – und in verschiedenen Abteilungen der Verwaltung verbreitet sich das entmutigende Gefühl, daß die Selbsthilfe und die gegenwärtige Hilfe in Westeuropa in einigen Marshall-Plan-Ländern kaum mehr als ein bloßes Lippenbekenntnis ist und daß England in dieser Praxis an der Spitze steht.“ Mit unzweideutigen Worten macht die „Times“ die englische Regierung darauf aufmerksam, daß durch diese Mehranforderung von 578 Mill. $ die gesamte Bewilligung der zweiten Rate des Marshall-Plans, die keineswegs schon gesichert ist, noch in letzter Stunde gefährdet werden kann. Um überhaupt eine Fortführung der Amerikahilfe zu sichern, müsse England seine Produktionskosten heruntersetzen, die Nationalisierung insbesondere der Stahlindustrie zurückstellen, der Tatsache ins Gesicht sehen, daß Amerika als Geber der Hilfe ein Recht hat, sich gegen politische Methoden zu wenden, welche ihrer Meinung nach zur Verschwendung der Hilfe führen, und eine bessere Zusammenarbeit mit anderen 6Marshalb-Plan-Ländern organisieren. Vor allem aber müsse Schluß sein mit der Politik der zweiseitigen Handelsabkommen.

Diese Sprache ist klar, und sie ist nicht nur an England gerichtet, sondern an alle Marshall-Plan-Länder, Deutschland einbegriffen. Verschiedene westeuropäische Länder haben bereits mit aller Schärfe gegen die englische Neuforderung protestiert und erklärt, daß man es ihnen nicht zumuten könne, die Kosten für die verkehrte Politik Englands zu bezahlen. Mit dieser negativen Erklärung allein ist es aber in dieser akuten Krise des Marshall-Plans nicht getan. Die kontinentaleuropäischen Länder müssen nicht mit einer Lippenerklärung antworten, sondern mit einem klaren einheitlichen Aufbauplan im Geiste sozialer Demokratie an Stelle von einem Dutzend Plänen des nationalen Sozialismus.

Deutschland, das gerade jetzt endlich ein gewisses Maß handelspolitischer und währungspolitischer Selbstbestimmung bekommen soll, darf diese neue Freiheit am allerwenigsten dazu benutzen, die bankrotten Ideen der national isolierten Planung, die England zu seinem Schaden so weitgehend vom deutschen Nationalsozialismus übernommen hat, nun seinerseits wieder von England zu übernehmen. Es gibt sozialistische Länder, zu denen in mancher Beziehung Schweden gehört, die mit einem Minimum von direkten Staatseingriffen, ja mit einem erstaunlich geringen Maß von direkter Sozialisierung in der Produktionssphäre, Planwirtschaft und soziale Demokratie im besten Sinne verwirklicht haben; Vollbeschäftigung, Abschwächung des Konjunkturzyklus, steigenden Anteil des arbeitender Menschen am Sozialprodukt. Dies muß das Vorbild sein für die Weise, wie sich Westdeutschland in dieses neue Europa einfügt. Wir sollten die Kühnheit haben, den anderen europäischen Ländern und vor allem unserem gemeinsamen amerikanischen Geldgeber folgendes Angebot zu machen:

Unter der Voraussetzung, daß die Zerstörungen in Deutschland endlich aufhören und man uns arbeiten läßt,