Von Louis Barcata

Rom, im August

Rom ist überfüllt. Niemand wird daran zweifein, der sich an einem dieser Sommertage gegen sieben Uhr abends auf die Piazza Barberini teilt und die lichterflammende Via del Tritone hinabblickt. Unter dem seltsam flaschengrünen Abendhimmel der Ewigen Stadt lodern im Abendwind, der von den Albanerbergen hereinstreicht, die Feuer zahlreicher Lichtreklamen, die alles nun Kauf anbieten, was die Zivilisation heute zu vergeben hat. In einem hellen, grellen Lärm sausen riesige Autos gleichsam lautlos dahin und eine Unmenge gutgekleideter Fußgänger hat es so eilig wie einst die Einwohner von Berlin, jenen Kurt Tucholsky ein niederschmetterndes Zeugnis der Tüchtigkeit ausstellte, als er schrieb: „In Berlin sehen selbst die Hunde so aus, als ob sie ins Büro gingen!“

Nun, auch im heutigen Rom sieht es so aus, als ob ein jeder viel zu tun hätte, als ob er eiligen Geschäften nachspürte und nichts mehr wüßte von dem „dolce far niente“, das doch den Bewohnern dieses Südlandes jahrhundertelang als Leitfaden diente. Und tatsächlich: man muß viel verdienen, um in dieser Stadt des übertriebenen Luxus, in dieser Stadt, in der sich manchmal an einem einzigen Tag rund 100 000 Amerikaner aufhalten – bei 250 000 Amerikanern in ganz Europa –, halbwegs nobel leben zu können. Die fielen Statistiker, die sich nach Gallups Art mit der Erfassung des öffentlichen Lebens in Italien geschäftigen, haben nicht nur herausbekommen, daß in Rom im Tagesdurchschnitt des ersten Halbjahrs 1949 200 000 Dollar „schwarz“ gewechselt worden sind, sondern auch, daß das Durchschnittseinkommen des Römers um fast 30 v. H. höher ist als dasjenige der anderen Italiener. Weiter hat man eruiert, daß mehr als 30 v. H. aller Römer über ein Nebeneinkommen verfügen und daß nahezu 40 v. H. aller in der Hauptstadt amtierenden Staatsangestellten offen zugaben, ihr Beamtengehalt bilde nur den kleineren Teil ihrer Einkünfte. Wie diese Einkünfte aussehen, kann man an folgenden Zahlen ermessen: Ein ungelernter Arbeiter kommt auf sieht mehr als 60 000 Lire monatlich, was etwa dem Wert von vier Konfektionsanzügen, oder 150 Liter Öl, oder zehn Paar Schuhen entspricht. Ein besserer Rechtsanwalt braucht etwa 500 000 Lire monatlich. Und auch damit kann er sich nicht allzu große Sprünge leisten. Erst zum Leben der Millionenverdiener, die es natürlich auch gibt, gehört wie.selbstverständlich eine Villa am Meer, eine luxuriöse Stadtwohnung, eine. „feine“ Kanzlei und eine Geliebte, ohne die sich der großbürgerliche Italiener irgendwie armselig oder deklassiert vorzukommen scheint.

Die Gattinnen und Freundinnen reicher Geschäftsleute und Industrieller auf der Via Veneto, wo Doney das beste Schokoladeeis der Welt verkauft, und die Diplomatenfrauen und amerikanischen Filmschauspielerinnen in den Sport- und Modegeschäften der Via Condotti mit radgroßen Sommerhüten, livrierten Chauffeurs und Luxusrunden bilden die aufreizende Fassade eines in Wohlleben gebetteten Rom. In dieser Welt spielen die Preise von Waren und Wohnungen keine Rolle. Für ein Paar Ferragamo-Schuhe wird das Monatsgehalt eines Buchhalters bezahlt, für einen drahtlosen Auto-Telefonanschluß werden Minister bemüht, und für eine Einladung bei dem italo-amerikanischen Milliardär Rudy Crespi werden lautlose, aber oft gefährliche Intrigen gesponnen. Wenn Rudy Crespi in seinem Renaissance-Palast empfängt, kosten allein die Rosen, die in den Sälen herumstehen, viele Millionen Lire, was jedoch bei einem Mann, der täglich dreißig Millionen einnehmen soll, natürlich wenig ausmacht. Aber dieses „mondäne“ Rom mit den künstlichen Bassins in den Gärten wundervoller Barockvillen, mit farbigen Springbrunnen und „Seefesten“ auf Gummibooten, mit Kabinen für Opiumraucher, mit seiner süßlich verderbten Mischung von Grande Monde kosmopolitischer Langeweile und modernem internationalem Hetärentum ist durchaus: nicht charakteristisch für die Ewige Stadt von heute. Es ist ein örtliches Krebsgeschwür auf dem Körper einer an sich gesunden, hart arbeitenden und lebhaft pulsierenden Großstadt.

Die Kehrseite der Luxusstadt sieht anders aus. Wer etwa zehn Jahre abwesend war, wird über die unerhört gesteigerte Vitalität erstaunt sein. Noch im Jahre 1940 hat Rom nicht mehr als 1 200 000 Einwohner gehabt; weitere 400 000 zogen in die Stadt, als die Bombardierungen Italiens begannen. Heute nimmt man an, Rom zähle nicht weniger als 2 Millionen Bewohner. Die Stadt selbst hat sich dabei baulich seither fast nicht vergrößert, wohl aber durch den Krieg viel Wohnraum eingebüßt. So wirkt es zwar vielleicht etwas übertrieben, doch nicht gänzlich unglaubwürdig, wenn die Kommunisten behaupten, daß mindestens 300 000 Römer nicht in Wohnungen, sondern in Erdhöhlen am Rande der Stadt hausen, und daß mindestens weitere 100 000 Familien zum Schlafen, Wohnen, Kochen und Leben nur einen einzigen Raum zur Verfügung haben.

Wo wohnen nun in dieser überfüllten Stadt die Neuvermählten? Denn in Rom finden jeden Monat etwa 400 Hochzeiten statt. Durchschnittlich nur 70 von diesen 400 Paaren verfügen über ein eigenes „Appartement“. 82 v. H. aller Jung- – vermählten müssen sich bei ihren Verwandten einmieten. Und öfters als man glaubt ist es ein dunkler Winkel in einem Keller der Peripherie, wo das junge Glück beginnt, wo eine Familie begründet wird. Da die Armen offenbar leichter bereit sind, zusammenzurücken als der Mittelstand, hat die römische Wohnungsnot hier ein merkwürdiges Ergebnis gezeitigt. Die Zahl der Eheschließungen in Rom nimmt bei der Arbeiterschaft, den kleinen Handwerkern und untergeordneten Angestellten dauernd zu, während sie in den bürgerlichen Kreisen zurückgeht. Im Jahr 1948 haben übrigens 8 v. H. aller Heiratenden die Ehe vor dem Standesbeamten geschlossen, was eine fast unglaubliche Revolution darstellt, denn noch 1939 fanden 99 1/2 v. H. aller Eheschließungen ausschließlich vor dem Pfarrer statt. Allerdings muß man bedenken, daß sich bei den letzten Wahlen mehr als 30 v. H. der Römer zu Parteien mit deutlich antireligiöser Tendenz bekannten.