Zwei Dinge werden meine Bücher unpopulär machen“, hat Evelyn Waugh einmal gesagt; „erstens: eine intensivere Bemühung um den Stil, zweitens: mein Versuch, den Menschen in seiner Ganzheit darzustellen, das heißt in seiner Ganzheit zu Gott“. Diese Voraussage hat sich, wie so viele Aussprüche schöpferischer Menschen übersich und ihr Werk, nicht bestätigt. Seit Jahren gehört Waughs 1945 erschienener Roman „Brideshead Revisited“ zu den amerikanischen und englischen Bestsellern. Bei Claassen & Goverts, Hamburg, ist dieses Buch unter dem deutschen Titel „Wiedersehen mit Brideshead“ in der Übersetzung von Hans Bütow erschienen. Mit bitterem Humor gibt Waugh eine herrliche Charakterisierung der exzentrischen Typen und der Lebensweise des „smart set“, der englischen Aristokratie. Charles Ryder – ursprünglich selbst aus angesehenem englischen Adel –, der sich von der Gesellschaft und Gott gelöst hat, schildert seine Freundschaft zu Sebastian, einem Sproß der degenerierten, zum Aussterben verurteilten katholischen Familie Marchmain. Mit allen Lastern der Welt behaftet, der Trunksucht rettungslos verfallen, lebt Sebastian schließlich bei den Padres eines Klosters irgendwo in Spanien. Ein Verlorener für die Menschen, nicht aber für Gott. Wie Claude! im „Seidenen Schuh“ entschuldigt Waugh das sündhafte und lastervolle Leben seines Helden metaphysisch mit der nie abreißenden Verbindung auch des sündigen Menschen mit Gott. Nicht Verzweiflung, sondern göttliche Barmherzigkeit, keine Verdammnis, sondern ewige Gnade prophezeit er Sebastian, den er trotz aller Laster als einen im eigentlichen Sinne einfältigen Heiligen schildert. Eine große Traurigkeit liegt über dem ganzen Buch. Charles Ryder, dem die katholische Welt verschlossen bleibt, verliert am Ende über einem religiösen Disput den letzten, von ihm geliebten Menschen, die Schwester Sebastians, Julia. – Auch in der Übersetzung ist die großartige Prägnanz des Waughschen Stils erhalten geblieben. Seine Phantasie grenzt oft an das Groteske, seine Sitze sind konzentriert, Destillate einer mit scharfem Intellekt reflektierten Beobachtung. Mit dem Gedankenreichtum dieses Romans würden andere Autoren viele Wälzer speisen können.

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„Das Haus in den Dünen“ heißt der von Gottfried Beutel aus dem Französischen übersetzte Schmugglerroman des flandrischen Schriftstellers Maxence van der Meersch, erschienen im Aldus-Verlag, Diez an der Lahn. Photographisch genau, ohne mitleidige Retouche ist das Bild, sparsam und karg wie die Landschaft an der belgisch-französischen Grenze bei Dünkirchen (wo dieser Roman spielt) die Sprache des Buches. Kommentarlos, fast reportageartig schildert van der Meersch das gefahrvolle Leben der Tabakschmuggler seiner Heimat, den ewigen, seit Jahrhunderten täglich wieder ausgetragenen Kampf mit den Zöllnern. Aus Liebe zu Germaine, einem Mädchen aus einem Freudenhaus, und um ihre materiellen Ansprüche erfüllen zu können, gibt Sylvain, ein hoffnungsvoller junger Boxchampion, seine Laufbahn auf und geht zu den Schändern. Zu spät erkennt er, aufgewühlt durch die zarte Liebe zu einem jungen Mädchen, die Fragwürdigkeit seines Lebens und seiner Beziehungen zu Germaine. Er findet nicht mehr zurück und stirbt im Kampf mit den Hütern des Gesetzes. Wie immer die Menschen einer kärglichen Landschaft ungeheuer einfach, schicksalsverbundener als andere und eigentlich ganz unproblematisch leben, das zeigt van der Meersch, selbst den Gestalten seines Buches verwandt, in knapper Form und gleichsam ohne die Stimme zu erheben. Marion Stütze

Es passiert nichts, gar nichts, in den Kindheitserinnerungen „Im alten Estland“ . (K. F. Köhler Verlag) des jetzt siebzigjährigen Freiherrn Otto von Taube; aber es geschieht, daß uns ein sauber und vornehm empfindender Mensch in eine kleine abgeschlossene, sich selbst restlos genügende und deshalb horizontlose Welt hineinführt. In der die Finken eine viel längere Weise und der Flieder einen viel berauschenderen Duft hatten, als die „reichsdeutsche Natur im Frack“, in der man den Luchs – ob seiner Mäßigkeit!–nicht verfolgte und wo es in der Stadt noch Bürger und nicht nur Bürgerliche, wie auf den Gütern noch Adlige und nicht nur Herren mit einem „von“ vor dem Namen gab. Wo man wohl gelegentlich dem vornehmen Bach lauschte, die „Wagnerei“ aber ignorierte, und es musikliebende Herren gab, die sich von der Zweiteiligkeit der Bühne in der „Aida“ – unten singt der hungrige Rhadames, oben tun die mauernden Priester desgleichen – so beeindrucken ließen, daß sie zweiteilige Viehställe bauten: Oben die Rinder, unten Mist und Jauche ... Betulich-ausgeglichene Menschen, die die Enge ihrer Kasten nicht empfanden, herrliche Wälder und Moore mit Geheimnissen, herber Heu- und ein bißchen gerührter Lavendelduft.

Ein „langweiliges“ Buch weil, wie gesagt, nichts passiert. Ein wertvolles Buch, weil es in ihm geschieht, daß man behutsam mit einem Kabinettstück vielhundertjähriger west-östlicher Kulturkristallisation vertraut gemacht wird, das nun spurlos zerrieben worden ist. Dassel