In dem Elbestädtchen Hitzacker brachte man auch dieses Jahr wieder an zehn „Sommerlichen Musiktagen“ wertvolle deutsche „Kammermusik aus drei Jahrhunderten“ einer aufnahmefreudigen Hörerschaft nahe Dieser entschlossene Kulturwille ist dankenswert. Auffallend nur, daß die Nachbarschaft der norddeutschen Musikzentrale nahezu übersehen wird: Hitzacker orientiert sich – wie im Vorjahre – hinsichtlich der künstlerischen Oberleitung, der Komponisten und auch der Mitwirkenden – süddeutsch. Damit ist nichts gegen so prächtige Künstler wie den Meisterflötisten Scheck (Freiburg) oder das hervorragend musizierende Köckert-Quartett (München) gesagt. Indes, auch in Hamburg gibt es ja Komponisten und Kammermusiker, die Berücksichtigung verdienen (als einziger glänzte der Hamburger Oboer H. Eggers!). Die Organisatoren sollten bedenken, daß das hart an der Grenze gelegene Hitzacker seinen Musiktagen ein besonderes Profil nur durch regionale Verbundenheit geben kann.

Von diesem Grundsätzlichen abgesehen, bot das Kammermusikfest mit seinem fast exklusiven Niveau manche Anregung – auch verwöhnten Ohren. Die Programme liefen in streng musikhistorischer Folge ab, begannen vor Bach und endeten mit Genzmer. Ein besonderer Höhepunkt: Bachs stilecht musiziertes „Musikalisches Opfer“ in der überfüllten Kirche. Ein Abend sollte den Übergang von der Romantik bis zur Neuzeit verdeutlichen, war jedoch in seinem Bogen von „Weber bis Reger“ zu weit gespannt, so daß sich Brahms und Pfitzner – diese Wegbereiter neuer Kammermusik – mit knappen Liedergruppen begnügen mußten.

Um so nachdrücklicher widmete man sich an den beiden letzten Abenden der jungen Musik, wobei die vielfältige Aufgespaltenheit des zeitgenössischen Schaffens offenbar wurde. W. Geisers Flötensonatine nahm man als Solostudie für das Instrument hin. Gewinnreicher war die Bekanntschaft mit einer Sonatine, ebenfalls für Flöte, von Kurt. Hessenberg, die zwischen Impressionen, und Linearität stehend besser als Suite anzusprechen wäre und in einem kurios – pfiffigen Rondo gipfelte.

Unter den Werken für Streichinstrumente ragte Karl Höllers fis-moll Quartett hervor, eine bedeutende Kammermusikschöpfung und eine Art Fantasie über ein vielfältig abgewandeltes Grundmotiv, das die drei Teile des einsätzigen Werkes in sensitiven und erregten Stimmungscharakteren durchpulst. Blieb der Vollblutmusiker Höller im wesentlichen in jenen Bezirken, die Pfitzner in seinen „Fünf Klavierstücken“ mit der ganzen Intensität seiner schöpferischen Potenz so vielgesichtig zusammenfaßte – M. Rusy’s großartige Pianistenkunst entzündete sich an ihnen ganz hinreißend schön –, so ließ Harald Genzmer in seinem Ersten Streichquartett (einer Auftragsarbeit für Hitzacker) sehr viele Bahnen gewohnter Klangverbindung hinter sich, huldigte im Finale seinem Lehrmeister Hindemith, überzeugte jedoch als klarer Gestalter und elementarer Rhythmiker. Wesentlich stiller gab sich Genzmer in seiner Violinsonate, ebenfalls einem Ergebnis guter konstruktiver Arbeit. F. W.