Zinsen können als Anreiz für die Kapitalbildungkeine Rolle spielen – dieser Satz ist schon fast zur allgemeinen Überzeugung geworden. Andererseits aber behauptet man, es gebe keinen Unternehmer, der die heutigen hohen Zinsen zu bezahlen vermöchte. Merken diese Leute gar nicht, daß diese beiden Behauptungen einander widersprechen? Wenn der Kapitalzins eine quantiténégligeable geworden wäre, so müßte das doch, nach beiden Seiten hin gelten, Aber das ist gar nicht der Fall. Der Satz „Zins spielt keine Rolle“ ist die Kehrseite der Behauptung „Geld spielt keine Rolle“. In Wirklichkeit ist der Zins überall da, wo Wettbewerb herrscht und wo das Geld das, „begehrteste, Gut“ ist (was im dasselbe hinausläuft), auch heute noch oder weder der Regulator der Kapitaldisposition.

Oder ist es ein Zufall, daß alle Diskussionen über die Investitionsfinanzierung sich, ausschließlich auf Wirtschaftszweige beziehen, in denen sein Wettbewerb herrscht: im Kohlenbergbau, im Kraftwerkbau, in der Wohnungswirtschaft – die diese recht mühsam vor sich gehenden Finanzierungen betreffen Zweige, in denen wir es mit preisgestoppten Produktionen, mit behördlich reglementierten Absatz Verhältnissen zu tun haben. Die Kalkulation bewegt sich hier nicht im Räume der marktmäßigen Möglichkeiten, Und dies ist der wahre Grund dafür, daß hier auch die Kapitaldisposition sich nicht marktmäßig frei bewegen, nicht den Zins anlegen, nicht den Preis für Investitionsgeld bieten kann, der der tatsächlichen Knappheit des nachgefragten, aber kaum angebotenen Kapitals entsprechen würde.

Wie kommt es, daß die einfachsten Wahrheiten die unbeliebtesten sind? Der Zins ist der Preis der Kapitaldisposition. Überläßt man die Preisbildung dem Ausgleich von Angebot und Nachfrage im echten Wettbewerb, so bildet sich der wahre, der richtige Preis, derjenige, zu dem der Markt sich räumt und wieder füllt Setzt man aber den Preis behördlich fest – und zwar, wie es stets geschieht, zu tief–, so findet der Ausgleich von Angebot und Nachfrage nicht statt, aber Übernachfrage wird erzeugt und zugleich Unterangebot, Das ist die Situation des deutschen Marktes der Kapitaldisposition.

Die Nachfrage ist zu einem Teil gar nicht echt. Sie stammt zum größten Teil aus Gewerben, die das Rechnen verlernt haben, die mit unwahren Preisen arbeiten, deren Wirtschaftsrechnung nicht auf richtiger Kalkulation beruht. Das wichtigste und interessanteste Beispiel ist der Wohnungsbau. Hier sind wir so weit, daß echte Nachfrage nach Kapital überhaupt nicht gesteht – weil angesichts des Mietstopps und der aukostenhöhe gar kein Wohnungsbau möglich ist –,’daß aber dafür um so lauter die öffentliche Hand nach Kapital für den Wohnungsbau schreit. Gerade sie aber, die öffentliche Hand, drängt dabei fortgesetzt auf weitere Verfälschung der Proportionen.

Und wie steht es mit dem Angebot? Natürlich wird niemand behaupten, daß die Menschen, wenn sie auf Verbrauch verzichten, wenn sie sparen, es nur des Zinses wegen tun. Aber daß sie es nicht; nur des Zinses wegen tun, besagt doch nicht, daß der Zins ihnen einerlei sei. Er ist einer der Bestimmungsfaktoren; er ist im Augenblick vielleicht nicht der wichtigste – aber daß man ihn deswegen vernachlässigen könnte, ist abwegig. Wenn also jemand heute nicht spart, so vielleicht deshalb, weil er nicht die Zinsen bekommt, die er sich ausrechnet, haben zu müssen.

Kehren wir zu wahren Preisen zurück, auch für die Kapitaldisposition. Der gestoppte Zins erzeugt nur Übernachfrage und Unterangebot Ein armes Land kann sich eben um echte Zinsen nicht herumdrücken. Volkmar Muthesius