Tode historische Betrachtung der deutsch-französischen Beziehungen – deren freundschaftliche Gestaltung immer wieder als Voraussetzung für den Wiederaufbau Europas bezeichnet wird verweilt gewöhnlich besonders eingehend und sorgenvoll im Raum der deutsch-französischen Sprachgrenze. Im Hinblick hierauf ist die Tatsache, daß der französische Ministerpräsident Robert Schuman aus eben diesem Gebiet stammt, von gar nicht zu unterschätzender Bedeutung. Er kennt, das wechselvolle Schicksal seiner Heimat teilend, wie kein anderer Staatsmann – Vielleicht wie kein anderer Franzose –, Geschichte und Kultur beider Völker, ihre gegenseitigen Vorurteile und die ganze Last ihrer historischen: Erfahrungen und Erinnerungen.

In Luxemburg geboren, wohin sein Vater nach dem Kriege 1870/71 „ausgewandert“ war, kam er noch als Kind nach Metz und war bis zu seinem 33 Lebensjahr deutscher Staatsangehöriger und während des ersten Weltkrieges deutscher Offizier. Er hat nicht, wie viele Metzer, unter dem deutschen Regime in Frankreich studiert, sondern an den Universitäten München, Bonn und Berlin. Im Jahre 1919 wurde Schuman als Abgeordneter des lothringischen Moseldepartements in die Kammer gewählt. Er hielt es damals für seine vornehmste Aufgabe, seine Heimat in organischer Weise in das französische Staatsgebiet einzugliedern, was keineswegs einfach war, denn das laizistische Frankreich hatte nicht immer Verständnis für das religiöse Empfinden der Lothringer. Robert Schuman selbst ist tiefgläubiger Katholik, der auch heute noch seine Tagesarbeit mit einem Kirchenbesuch in aller Frühe beginnt. Schuman besitzt die Zähigkeit seines lothringischen Volksstammes, aber er ist frei von jener Starrköpfigkeit, die nach Napoleons Wort vom „tête carrée“ eine Eigentümlich-, keit der Lothringer sein soll. Robert Schuman ist kein eigensinniger, sondern ein gediegener. Kopf, der nüchtern und objektiv, klug und psychologisch denkt und handelt.

Politisch aktiv hervorgetreten ist er. erst während des zweiten Weltkrieges. Als die französische Bevölkerung vor den anstürmenden deutschen Armeen flüchtete, wurde er 1940 Staats-, Sekretär für das Flüchtlingswesen im Kabinett Reynaud. Auch nach der Kapitulation Frankreichs behielt er noch unter Marschall Pétain dieses Amt und suchte das Leid, das über sein Volk und Vaterland hereingebrochen war, zu lindern. Als jedoch die Regierung sich der Kollaboration mit Hitler beugte, flüchtete er aus Vichy. Die Gestapo verfolgte und verhaftete ihn. Sieben Monate wurde er in einem Keller in Metz festgehalten und dann nach Neustadt an der Haardt gebracht, von wo er jedoch 1942 entweichen konnte. Es ist charakteristisch für Schuman, daß er nie von seinen eigenen Leiden unter dem Hitler-Regime spricht und daß er frei ist von jeder Art Ressentiment,

Seine politische Laufbahn nach dem Kriege begann der bisherige Anwalt Robert Schuman als Finanzminister im Kabinett Bidault. Seine Rolle als Ministerpräsident, im Herbst 1947 begönnen, war nur von kurzer Dauer. Nachdemdie Sozialisten im Juli 1948 seinen Rücktritt erzwungen hatten, übernahm er unter André Marie, das Außenministerium, das er auch heute noch leitet. Schuman ist bemüht, die Politik seines Landes aus den alten Geleisen der französischen Rheinpolitik heraus und einer konstruktiveren Idee entgegenzuführen. „Die, Sieger des ersten. Weltkrieges haben ernste Fehler in der Behandlung Deutschlands gemacht“, bemerkte er bei der Tagung der UNO und neulich in Straßburg: „Etwas Dauerhaftes entsteht nur, wenn das Volk, selbst überzeugt ist. Alles Zwangsweise ist zum Zusammenbruch verurteilt.“

Hans-Siegfried Weber