Von Henry Hemmer

Sie sind nicht relationiert!“ sagte mein junger Freund, der surrealistische Maler, und führte mich zu dem Mittwochs-Teetisch seines Künstlerzirkels, damit ich im neuen Berlin etwas bekannt werden und es leichter haben solle.

Ich wurde in ein hochherrschaftliches Aussichtsatelier geleitet, strotzend von Modernität, blitzend vor Sauberkeit, in musealer Ordnung mit neuzeitlichen Bildern, Tongefäßen, Plastiken angefüllt. Mein erstes Gefühl war: schnell noch mal rauslaufen, die Schuhe abwischen und die Krawatte richten; dann begriff ich, daß hier der innere Mensch einer Prüfung standzuhalten hätte. Bist du Surrealist? schienen alle Bilder an der Wand, schienen die Augen im Atelier mich zu fragen, und – ach – ich wußte es nicht.

Der Präses des Zirkels, ein olympischer Gent von der Feder, nickte mir lächelnd zu. Ich hätte jetzt eine zündende Bemerkung machen, meine Zugehörigkeit zu dem neuesten Kunstcredo dokumentieren müssen;-aber mein armer Geist, an Haushaltsprobleme in meiner Spitzwegmansarde gekettet, konnte sich nicht so schnell zu den geforderten Höhen aufschwingen.

Wissen Sie, Erlauchter, daß ich für Künstlerische namentlich der feuchtfröhlichen Sorte ein ungewöhnliches Vortraining besitze, sagte ich (leider nur zu mir selber), als die Tennisbälle einer kleinen Kunstdebatte umherzuspringen begannen. Ich bin in meinem langen Leben vollwertiges Mitglied vieler exzentrischer Kunstgemeinden gewesen ich habe – immer wieder vor die unsanfte Alternative gestellt: „Kannst du nicht mit, dann häng dich auf“ – meinen Glauben sechs- oder siebenmal gewechselt; aber im Urgrund gehöre ich noch immer dem glanzvollen ersten Kreise an, in dem ich meine Lehrjahre absolviert habe. Damals, am Peter-Altenberg-Tisch, der das alte Wien beherrschte, galt es als eine Todsünde, mit fertigem Wissen herumzuwerfen, statt irgendwo einen Zipfel vom lebendigen Leben zu erfassen. Literaturgrößen aus dem „Reich“, nachdem sie erfolgreich im Burgtheater aufgeführt worden waren, erlebten hinterher an unserem Tisch im benachbarten Löwenbräu ein Fiasko, wenn sie zu debattieren versuchten – statt aperçus von sich zu geben, statt P. A.-Raketen aufsteigen zu lassen, die Seele der Frau beleuchtend, das flutende Leben oder unsere Hausmarke von romantisch angehauchtem (sur-) Naturalismus.

Sehen Sie, mein Herr vom Olymp, sagte ich – nein, wollte ich sagen –, auch damals in der glücklichsten Stadt der glücklichsten Epoche der Weltgeschichte war das Leben, so wie es ist, für einen Kunstjünger nicht zu ertragen: Wir strebten hinauf, wir strebten hinab, wir strebten hinein von einem Nachtlokal ins andere... Und hier sitz ich armer Schwärmer nun verwaist; denn sie liegen allesamt im Grabe, die Geister, mit denen ich die Rätsel der Welt zu lösen versucht habe bei soviel Bier, Wein und selbst Champagner. Mir wurde ganz trübselig zumute. Ich dachte an meinen rechten Stammtischgenossen, den armen Friedell, der uns jetzt die längst fällige Kulturgeschichte des Fin de siècle schreiben müßte und sich zum Fenster hinausgestürzt hat, als zwei SA-Leute bei ihm erschienen, die nur hinter einem Mädchen her waren; ich dachte an meinen linken Stammtischnachbarn, den virginiarauchenden Polihistor Fränkl, der mir immer alles erklärte, so daß ich gar nicht zu denken brauchte, und der versehentlich bei einer Razzia mit aufgegriffen, in einem Prager Gefängnis zugrunde gegangen ist. Ich dachte an den großen Schwärmer und die Angeschwärmten, die längst alle dahingegangen waren oder sich grauhaarig mit Lebensmittelkarten herumärgerten; ich dachte an die versprengten Berliner Kreise und die vielen anderen verwehten Stammtischgenossen – da nahte licht und hell die Tochter des Hauses und reichte mir eine Tasse Tee mit Zucker und Liebreiz.

Die Debattenbälle ruhten jetzt, es fiel wie von ungefähr das Wort Australien. Australien, wo ich an einem porterbiertrinkenden lyrisch-puritanisch-beachcomberhaft eingestellten Stammtisch, den sogenannten „Casuals“ gesessen und gegen den Puritanismus gewettert habe, der jetzt bei den Angelsachsen einer so grausigen Erotik Platz gemacht hat, daß ich ihn gern wieder zurück hätte. In Australien, wurde behauptet, gebe es mangels Dienstboten keinerlei Art von Lustigkeit; die Leute säßen am Abend gelangweilt in ihren Häusern und gähnten. Welch eine Gelegenheit für mich zu einer berichtenden Einführungsrede, dachte ich und sprach laut und vernehmlich: