Von Wolf Schirrmacher

Der Äther scheint eine Domäne der Sowjets geworden zu sein. Im Bereich der Kurzwellensender hört man ihre Propaganda in allen Sprachen. Aber dieses Feldgeschrei des kalten Krieges täuscht. Die Propagandabatterien des Westens sind jetzt zum Angriff übergegangen, um die Sprecher Moskaus auf der ganzen Front in die Defensive zu drängen. Amerikanische Großstationen stehen tiefgestaffelt in Berlin, München, Tanger und Großbritannien und werden von 25 Sendern der BBC und Radio Athen, Ankara und Teheran unterstützt. Die größte Durchschlagskraft haben die über 30 Kurzwellensender in den USA und SuperStationen in Manila und auf Honolulu, die den Fernen Osten und Sibirien eindecken.

Die Propagandisten des Kremls haben ihre Angriffe jahrelang mit der größten Selbstverständlichkeit in allen Weltsprachen ausgesandt. Heute haben sie alle Hände voll zu tun, um die Durchlöcherung des „Eisernen Vorhangs“ zu verhindern. Ihre stärksten europäischen Störsender stehen im Raume von Moskau und Charkow, die fernöstlichen bei Chabarowsk und Wladiwostok. Aber auch die Inlandstationen müssen neuerdings mehrfach ihr Tagesprogramm unterbrechen, auf andere Wellen übergehen und sich an den Abwehraktionen beteiligen. Da das Störgeräusch nur selten ganz genau abgestimmt werden kann, wird es von den Sowjets über mehrere Wellen moduliert. So zieht es auch viele „unschuldige“ Stationen in Mitleidenschaft, ist in seiner Wirkung aber abgeflacht. Demgegenüber haben die Amerikaner mit einer neuen Senden technik die Stimme des Sprechers so gehärtet, daß sie die Störungen übertönt.

„Mögen die Radiobastarde in den Hinterhöfen New Yorks sich noch so anstrengen“, schrieb das Gewerkschaftsblatt „Trud“ „sie werden den Fortschritt der befreiten Völker nicht aufhalten können. Ein altes russisches Sprichwort lautet: Das, Gekläff eines Dorfköters stört den Marsch der Karawane nicht.“ Diese Bemerkung entbehrt nicht einer gewissen, allerdings unfreiwilligen Selbstironie, denn gerade die sowjetischen Sender versuchen in erster Linie mit Hundegebell zu stören. Außerdem bilden Sturmglocken, Motorengedröhn und Sirenengeheul die Geräuschkulisse des Wellenkrieges zwischen Ost und West,-der auf der nächsten Vollversammlung der UNO zur Sprache kommen soll.

Die amerikanische Presse stellte mit sensationellen Schlagzeilen, wie „Rundfunkkrieg voll entbrannt“, „Sowjets nehmen Fehdehandschuh auf“, „Stimme Amerikas völlig eingedeckt“, die Lage so dar, als sei ein Durchbruch durch die Störmauer trotz Mobilisierung von über 60 Sendern so gut wie unmöglich. Die Moskauer Regierung habe einen Störbetrieb von insgesamt 150 000 Kilowatt aufgebaut und dafür neun Millionen Dollar ausgeworfen, mehr als das Jahresbudget für den gesamten amerikanischen Auslandsrundfunk. Aber die russischen Störmanöver wurden nicht umsonst aufgebauscht und das eigene Licht nur zu dem Zweck unter den Scheffel gestellt, um beim Kongreß Stimmung für die Bewilligung noch größerer Summen zu machen. In Wirklichkeit ist es den Sowjets unmöglich, die aus allen Himmelsrichtungen kommende und ständig die Wellenlänge wechselnde „Stimme Amerikas“ durch Störsender auszuschalten. Denn die Kurzwellen, die steil in den Raum ausgestrahlt werden, sich dann an den leitenden Schichten der oberen Erdatmosphäre, der sogenannten Heaviside-Schicht, brechen und Hunderte von Kilometern von ihren Sendern entfernt auf die Erde zurückkehren, erfordern eine sehr komplizierte Abwehrstrategie. Sie wandern in Sprüngen um den Erdball, wobei die Wellenberge jeweils eine „tote Zone“ bilden, in der die Sendung überhaupt nicht gehört werden kann. Je kürzer die Wellen sind, desto weiter erstreckt sich die tote Zone. So bleibt die 15-Meter-Welle bis zu 2000 Kilometer unhörbar, kommt aber in 3000 Kilometer Entfernung plötzlich sehr lautstark herein. Je kürzer die Wellen sind, auf denen „angegriffen“ wird, desto weiter müssen sich auch die Störsender absetzen, um auf dem gleichen Meterband ebenfalls genau in der angegriffenen Region aufzutreffen.

Auf dem 30- bis 50-Meter-Band können die Amerikaner vom Ural aus erfolgreich gekontert werden, aber die Sendungen, die auf dem 13- oder 15-Meter-Band von den USA ausgestrahlt werden und im Raum von Moskau einfallen, müssen aus dem östlichen Sibirien gestört werden. Das Dilemma der Sowjets besteht nun darin, daß Tag und Nacht ganz verschiedene Bedingungen für die Wellen herrschen, da die reflektierende Wirkung der Heaviside-Schicht von den ultravioletten Strahlen der Sonne abhängig ist. Die 10- bis 20-Meter-Wellen werden bei Nacht nicht weitergeleitet. So kommt eine Sendung, die auf diesen Wellen mittags in New York gestartet wird, gut über den Atlantik und kann im westlichen Rußland, wo es im gleichen Augenblick 20 Uhr ist und noch Tageslicht herrscht, sehr gut gehört werden. Die Störsendung aus Wladiwostok aber kommt nicht bis Moskau durch, da zu dieser Zeit in Sibirien Nacht ist und die 10- bis 20-Meter-Wellen nicht arbeiten. So sind in diesem Falle die Bemühungen der Sowjets, einen Störvorhang vorzuziehen, zum Scheitern verurteilt, was von Peilstellen in den USA und amerikanischen Beobachtern in Moskau bestätigt wird.

Wer aber hört diese Sendungen in der Sowjetunion? Darüber gehen die Meinungen sehr auseinander. Nach einer Information des USA-Außenamtes gibt es in den UdSSR etwa vier Millionen Kurzwellenempfänger. Bei den amerikanischen Sendungen sollen sich stets zahlreiche Nachbarn und Neugierige einfinden. Die Polizei schritt bis jetzt nicht ein, vermutlich, um die Popularität dieser Programme nicht noch zu erhöhen. Bedell Smith, der frühere USA-Botschafter in Moskau, behauptete, daß acht Millionen Russen regelmäßig der „Stimme Amerikas“ lauschten.