Von R. Strothmann

Agha Khan gilt als einer der reichsten Männer der Erde. Um ihn ist der Glanz und das Geheimnis eines Königs aus dem Märchen. Und es geht die Sage – die wahr sein soll –, daß er in seiner prächtigen Körperfülle buchstäblich mit Gold und Geschmeiden aufgewogen wird, wenn er gelegentlich in seiner Heimat Indien weilt. Es erhöht Neugier und Anteilnahme, daß dieser Märchenfürst von Zeit zu Zeit durch äußerst fortschrittliche Handlungen von sich reden macht. Seine späte Heirat mit der Begum, der Miß France von 1930, war eine ebensolche Weltsensation wie kürzlich die Heirat seines Sohnes Ali Khan mir der amerikanischen Filmschauspielerin Rita Hayworth. In diesen Tagen nun jagten sich die Meldungen, daß Agha Khan mit seiner Frau in der Nähe von Cannes an der Riviera im Auto um Juwelen und Bargeld im Werte von 200 Millionen Francs beraubt wurde, daß eine Belohnung von 20 Millionen Francs ausgesetzt wurde und daß der Schaden voraussichtlich durch eine Versicherung bei Lloyds in London gedeckt sei. Agha Khan als den leiblichen Nachkommen des Propheten Mohammed schildert hier der Orientalist Professor Dr. Strothmann, Hamburg.

Mohammed Schah aus Bombay, mit dem doppelten Fürstentitel Agha Khan, der sich zumeist in Europa aufhält, ist in europäischen Sportskreisen bekannt als Rennstallbesitzer, bei Diplomaten als Präsident einer der letzten Völkerbundsversammlungen. Seinem Stammbaum nach ist der Agha Khan leiblicher Nachkomme des Propheten Mohammed in neunundvierzigster Generation, seiner Amtsstellung nach Oberhaupt einer Sekte, die heute zurückblickt auf anderthalb Jahrtausend härtester kriegerischer und literarischer Kämpfe, bald im machtvollen Glanz, meist im geheimnisvoll mystischen Dunkel ständig wiederholter Martyrien.

Der Prophet Mohammed, der im Jahre 632 gestorben ist, hat durch eine schlichte monotheistische Religion mit einem massen-erziehenden Kultus und Gesetz, vor allem aber durch seine Kriegszüge (arabisch: Razzien) den islamischen Staat gegründet, den dann die Kalifen, das heißt Nachfolger, über den gesamten Vorderen Orient erweiterten. Einen Sohn hinterließ er nicht, hat aber bis heute sehr viele leibliche Nachkommen, Scherifen oder Saijids genannt, aus der Ehe seiner Tochter Fatima mit seinem Vetter Ali. Dieser ist erst an vierter Stelle Kalif geworden, wurde aber schon nach noch nicht fünf Jahren Regentschaft am 26. Januar 661 ermordet. Eine legitimistische Partei (arabisch: Schia) vertrat den Grundsatz, daß nur leibliche Nachkommen Mohammeds Kalifen sein könnten (mit mehr geistlichem Titel auch Imam genannt). Darum ist die gesamte Islamgeschichte durchsetzt mit Aufständen des Geschlechtes Ali. Gleich sein Sohn Husain wurde, am 10. Oktober 683 von Regierungstruppen bei Kerbela am Euphrat erschlagen. Sein Grab daselbst ist noch heute ein heiliger Wallfahrtsort.

Aus dem fruchtbaren Alidengeschlecht haben sich bis heute folgende Fürsten in gewisser Selbständigkeit gehalten: der König von Jemen-Südarabien, die Prinzen von Irak zu Bagdad, der König Abdullah zu Amman im alten Ammoniterland jenseits des Jordan und der Scherif von Marokko, ferner, zwar nicht als weltlicher, aber als geistlicher Fürst der Agha Khan. Da im Islam von Mohammed an Religion und Politik ineinandergriffen, verlagerten sich bei den Aliden und ihrem Anhang fehlgeschlagene politische Hoffnungen zum religiösen Glauben hin. Es entstand die Schia als Konfession. Der Tod beim Aufstand oder im Gefängnis wurde zur heiligen Passion für die gläubigen Anhänger. In den Imam wurden besondere göttliche Kräfte hineingedeutet; er wurde zum Abahdi, das heißt Messias, der „dereinst wieder erscheinen wird, die Welt zu erfüllen mit Gerechtigkeit, wie sie jetzt angefüllt ist mit Unrecht“. Das steigerte sich in einigen Kreisen, in denen aus vorislamischer Zeit noch göttergläubige Erinnerungen lebten, bis zur Vergottung der Imame. Naturgemäß bewirkte die weite Verzweigung des heiligen Geschlechtes und das verschiedene Maß des Einflusses fremder Religionsreste verschiedene alidisch-schiitische Richtungen. Dabei scheiden die vorgenannten weltlichen alidischen Fürsten ganz aus; sie sind schlichte, sogenannte sunnitische Mohammedaner; nur beim König (Inam) von Jemen ist das legitimistische Prinzip schärfer schia-artig betont. Der Sohn des sechsten Imam, Musa (= Moses), setzte durch sechs Glieder die Reihe fort bis zum zwölften. Nach seinem älteren Bruder Ismail nennt sich die Sekte der Ismailiten. Mustansir II, der 32ste Imam, verfaßte während des Mongolensturmes ein Erbauungsbuch mit besonderer Betonung des göttlichen Segens für pünktliche Entrichtung des Zehnten, das noch heute, in indische Volksdialekte übersetzt, die großen Einkünfte des Agha Khan sichert.

Als Saijids haben die Islaimiten auch hohe Stadthalterposten in Persien innegehabt. Einer von ihnen, nach, seinem Amtssitz Mahallatigi genannt, floh nach einem unglücklichen Versuch, sich als weltlicher Herrscher selbständig zu machen, 1838 nach Indien, wo seit dem 15. Jahrhundert, auch unter den Hindu, Anhänger gewonnen waren. Sie nahmen diesen 46sten Imam als ersten Agha Khan begeistert auf. Ihm folgte sein Sohn Ali Schah. Da dessen ältester Sohn Schihabeddin (das ist Glaubensleuchte) vorzeitig 1885 starb, wurde der zweite Sohn, der heutige Mohammed Schah, dritter Agha Khan und 48ster Imam. Seine Anhänger werden in Indien meist mit dem persischen Namen Chodschah (Herren) bezeichnet und umfassen etwa 150 000 Personen. Hinzu treten Ismailiten in Persien und Syrien. Unter ihnen finden sich viele wohlhabende Kaufleute auch an arabischen Handelsplätzen und in Ostafrika, wo eifrige ismailitische Mission betrieben wird. Nicht alle Ismailiten allerdings erkennen den Agha Khan als geistliches Oberhaupt an, vor allem die Mustali-Anhänger nicht, die über Jemen nach Indien und Ostafrika gekommen sind. – Die mohammedanische Mehrehe ist heute bei den Chodscha sehr eingeschränkt; theoretisch ist sogar zu Lebzeiten der ersten Ehefrau eine zweite Ehe nicht gestattet und nach Hindu-Art das Erbrecht der Witwe ausgeschlossen; doch sind Ausnahmen zugelassen, erst recht bei Ehen, die in fremdem Land geschlossen werden. Die Verfassung garantiert neben der Selbständigkeit der Einzelgemeinden das durch die Schatzmeister straff auf die persönliche Kasse des Agha Khan zentralisierte Finanzwesen. Politisch fühlen sie sich allen bestehenden staatlichen Verhältnissen gegenüber frei. Bei den innerpolitischen Auseinandersetzungen in Indien sah der Agha Khan das Heil im Anschluß an die Kolonialmacht, der er auch sein Schloß für die Inhaftierung des Hinduführers Gandhi zur Verfügung stellte. Trotz großer Treue zu ihrem Imamats-Glauben sind die Ismailiten für kulturelle, und wissenschaftliche Fragen sehr aufgeschlossen. Gleich nach ihrem Einzug in Ägypten gründeten sie die heute noch als allislamische Universität berühmte Arhar in Kairo. Sie unterhalten eine Reihe von Zeitschriften, die zum Geburtstag des Agha Khan in stattlichen Sonderausgaben erscheinen. Der verstorbene Kronprinz Schihabeddin hat noch sein Buch „Über den wahren Gehalt der Religion“, mit den üblichen Vorwürfen gegen die sunnitischen Mohammedaner, sie hätten Mohammeds Anordnungen für die Nachfolge unterschlagen, auf persisch geschrieben. Sein Bruder und Nachfolger, der Agha Khan selbst, verfaßte englische Bücher und politische Aufsätze. Das von Ismailiten in Bombay gegründete Islamische Forschungs-Institut, an dem auch Gelehrte in Europa mitarbeiten, stattete er mit reichlichen Geldmitteln aus.