Gw., London, Mitte August

Der Zins ist seit langem „verdächtig“. Wer heute darauf verzichtet, sein Geld sofort auszugeben oder es zu verstecken, gilt als der Empfänger „arbeitslosen Einkommens“ und wird dafür bestraft: Zinseinkommen unterliegen hoher, oft höchster Besteuerung. Für mildernde Umstände muß der Zinsempfänger die Beweise beibringen. In England, von dessen Sorgen hier die Rede sein soll, wird Zinseinkommen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, grundsätzlich mit dem Höchstsatz der Einkommensteuer, gegenwärtig 45 v. H., belastet.

Schließlich hat man die Vorstellung, das Regulativ des Zinses sei überflüssig, ja schädlich. Seit der Weltwirtschaftskrise hat sich die Auffassung verbreitet, daß in der Verteurung des Geldes die Ursache ständiger Arbeitslosigkeit zu suchen und in der „Politik billigen Geldes“ die Patentlösung für alle Krisen gefunden sei. Das ist so richtig, wie es falsch ist. Mit Hilfe billigen Geldes kann man aus einer Krise herauskommen; man kann damit zeitweise auch aus der Krise herausbleiben aber eine Patentlösung ist es nicht.

England muß dies gegenwärtig praktisch erfahren. Seine Politik billigen Geldes ist zwar nicht gescheitert, sie ist jedoch seit der Pfundabwertung von 1931 derart überanstrengt worden, daß sie nunmehr zumindest urlaubsreif geworden ist. Es wäre der Regierung wahrscheinlich möglich gewesen, Beginn und Dauer des Urlaubs zu bestimmen. Selbst in diesem Sommer, als sich aus der „Dollarkrise“ der kategorische Imperativ zu einer Überprüfung der britischen Wirtschaftspolitik ergab, hätte man wohl noch das Pferd „Cheap Money“ aus dem Rennen nehmen können. Doch in England begnügte man sich noch einmal mit einem Appell an die USA, Überbrückungshilfe zu leisten, um den amerikanischen Absatz in England nicht zu gefährden. Dann mußte der kranke Cripps die „Vertagung der Krise“ bis zum September anordnen. Jetzt hat „Cheap Money“ die Kandare zwischen die Zähne genommen und ist aus dem Feld der wirtschaftlichen Einwirkungen ausgebrochen. Für britische Staatspapiere, die berühmten „goldgeränderten“, hat sich ein Kurseinbruch ergeben, der für entscheidende Pfeiler der Zinspolitik, nämlich die unkündbaren und die langfristigen Gilt-Edged, die schärfsten Rückgänge gebracht hat. Die Effektiv-Verzinsung für diese Werte liegt höher als 3,5 v. H. – gegen 3,15 v. H. im vergangenen Herbst, 2,9 v. H. im Herbst 1947 und 2,6 v. H. im Herbst 1946. Was sich gegenwärtig vollzieht, ist also nicht nur eine Reaktion auf die Dollarkrise. Es handelt sich um die Fortsetzung der Verteurung des Staatsrentenzinses, allerdings in beschleunigtem Tempo. Behutsam geleitet, hätte diese Verteurung wahrscheinlich bei 3,5 v.H. aufgefangen werden können. Der zügelnden Hand entflohen, weiß man nicht, wann der Kurseinbruch sein Ende finden wird. Eine Effektiv-Verzinsung von 4 v. H. ist auf jeden Fall in Reichweite gerückt.

Damit präsentiert sich eine endlose Kette von Fragen an die britische Wirtschaftspolitik. Ein Schatzkanzler – auch wenn er, wie Cripps, zugleich oberster Wirtschaftsminister ist – denkt zunächst an seinen Staatshaushalt. Der Rentenzins trifft zwar nicht die bestehende Staatsverschuldung, solange keine größeren Konversionen fällig sind. Wohl aber werden neue Schulden in ihren Kosten betroffen – etwa die Kompensationen für verstaatlichte Industrien. Bisher hat Cripps zu 3 v. H. verstaatlichen können. Lohnt sich das Geschäft auch noch zu 4 v. H.? Oder soll man so tun, als ob für Verstaatlichungen das Geld billig bleibt? Das wird die Freundschaft der Stahlindustrie nicht gerade gewinnen können.

Dann die kurzfristige Verschuldung: Wird man den Satz für Dreimonatsschatzwechsel bei 1/2 v.H. belassen können? Noch ist die Geldfülle derart, daß man sich nicht zu genieren braucht, nur ein halbes Prozent zu bieten. Doch wie wird es, wenn die Wirtschaft kurzfristig finanzieren muß, weil sie langfristig nichts unterbringen kann? Dann die öffentlichen Aufgaben, allen voran der Wohnungsbau: bisher hat man sich gescheut, ihn einzuschränken, weil man die Reaktion des Publikums (und im Kabinett den Zorn des hitzigen Gesundheitsministers Bevan) fürchtet. Wird es nicht notwendig werden, doch Arbeiter in andere Wirtschaftszweige überzuführen, um die Produktion zu steigern, vor allem die Produktion für den Export?

Damit sind wir wieder bei der britischen Kostenkrise angelangt. Sollte man nicht aus der Not der Vertrauenskrise für den Staatskredit, wie er sich im Ende des billigen Geldes ausdrückt, eine Tugend machen, sollte man nicht den Wirtschaftskredit ruhig so weit versteuern, daß ein Ausleseprozeß unter den Unternehmern einsetzt? Das würde die Vollbeschäftigung – die man sich in England scheut, bei dem richtigen Namen der Überbeschäftigung zu nennen – zwar an den Rändern abbröckeln lassen. Aber könnte es nicht große Vorteile haben, wenn durch Konkurrenz der Unternehmer deren Experimentierlust und durch eine Konkurrenz der Arbeitnehmer deren Arbeitswilligkeit zunehmen würde? Und könnte nicht dann durch eine elastischere Steuerpolitik der Unternehmer angespornt, die Kostensenkung erleichtert, die Produktivität der britischen Wirtschaft erhöht und der heutige britische Lebensstandard tatsächlich erarbeitet (statt wie bisher teilweise durch ausländische Hilfsbereitschaft „auf Pump im Schornstein“ bezogen) werden?

Das Ende vom billigen Geld bedeutet zwar sicher nicht das Ende vom Lied der britischen Wirtschaftsplanung. Aber es könnte doch sein, daß man eine neue Melodie einstudiert, die weniger wie eine Moritat klingt...