Der bittere Weg nach Kargopol

II. Abtransport ins Konzentrationslager – Vom General-Ingenieur zum Zwangsarbeiter

Von Iwan N. Minischki

Während der Sowjetvertreter im Genfer Sozialrat der UNO fortfährt, den englischen Beschuldigungen gegenüber zu behaupten, daß es Zwangsarbeit in der Sowjetunion nicht gebe, sondern daß der sowjetische Strafvollzug in den „Besserungslagern“ der humanste der Welt sei, schildert Iwan N. Minischki, den die Säuberung der Jahre 1937/38 von einer der höchsten. Positionen der sowjetischen Militär- und Wirtschaftsbürokratie bis in den Keller des Lubjanka-Gefängnisses gstürzt hatte, den Fortgang seines Leidensweges nach seinem „Geständnis“. Er führte in eines der riesigen Arbeitslager am Polarkreis, deren Existenz der Genfer Sowjetdelegierte erst in diesen Tagen wieder mit verlogener Entrüstung offiziell dementiert hat.

Mit den gleichen Mitteln, jedoch in Variationen, zwangen die NKWD-Beamten ungezählte Leute zur Selbstbezichtigung und zu Geständnissen phantastischer Art.

„Waren Sie in der chinesischen Gesandtschaft?“ fragte der NKWD-Mann den Chinesen, der bei uns in der Zelle saß. Er war Arbeiter in einer Moskauer Wäscherei.

„Jawohl“, sagte der Chinese Seresha, „ich mußte mein Visum verlängern.“

Der Unteruchungsrichter schrieb ins Protokoll:

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„Gab dem chinesischen Gesandten Spionagenachrichten.“

„Erlauben Sie mal“, widersprach Seresha. „ich habe den chinesischen Gesandten nie gesehen, ich sprach bloß mit einem dort arbeitenden Russen. Das war so ein Sekretär.“

Ohne lange nachzudenken ergänzte der Untersuchungsrichter im Protokoll: „Außerdem versorgte der Angeklagte auch den Sekretär mit Informationen.“ Seresha konnte nicht schreiben und weigerte sich, seinen Daumenabdruck auf das Protokoll zu setzen. Zwei, drei Schläge ins Gesicht, dann erschienen einige NKWD-Soldaten, und der Daumen des Chinesen wurde mit Gewalt als Ersatz für die Unterschrift auf das Protokoll gedrückt.

„Herr Hitler Mussolini“

Bei uns in der Zelle saß auch ein Perser. Er hieß Aschim und handelte mit Lumpen. Man beschuldigte ihn, vor seinen Käufern Hitler und Mussolini gelobt zu haben. Nach einigen Hieben auf den Kopf gab er diese „Sünde“ zu. Aschim war ein einfacher, außerordentlich gutmütiger und naiver Mensch. „Sehen Sie, wie leicht ich davongekommen bin“, prahlte er. „Zwei Schläge in die Fresse, und alles war wunschgemäß erledigt. Was geht mich Herr Hitler Mussolini an. Niemals habe ich früher von dem Herrn etwas gehört, und ich lasse mir für diesen Kerl nicht das Fell über die Ohren ziehen. Wenn die NKWD es für richtig hält, daß ich Hitler Mussolini gelobt habe, – bitte sehr, dann habe ich ihn eben gelobt.“

Wir machten den Perser darauf aufmerksam, daß Hitler und Mussolini zwei verschiedene Personen sind.

„Ob das eine, zwei oder drei Personen sind, ist mir vollkommen gleich, jedenfalls ziehe ich es vor, in ein Konzentrationslager zu gehen, als hier wie der Genosse Turok zum Krüppel geschlagen zu werden.“

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Der gute Aschim kam jedoch nicht so leicht davon, einige Wochen später wurde er erneut vorgenommen und kehrte leichenblaß und zitternd in die Zelle zurück. Dieses Mal war er geschlagen worden, weil sein Geständnis erlogen war.

„Bürger Untersuchungsrichter“, flehte Aschim, „Sie haben mir doch selbst die Geschichte von Hitler Mussolini erzählt. Ich wußte ja gar nicht, was das für Genossen sind.“

„Du hast mir mit deinem Hitler Mussolini nur Unannehmlichkeiten gemacht“, unterbrach ihn der NKWDist, „du dummes Viehstück, du iranischer Esel!“

Aschim war mit allem einverstanden.

„Weil du eben ein iranischer Esel bist, hättest du von Hitler Mussolini das Maul halten sollen. Hier unterschreib, daß du den iranischen Zaren verherrlicht hast!“

„Jawohl, Bürger Untersuchungsrichter. Ich habe den iranischen Zaren verherrlicht. Das ist ein prächtiger Mensch!“

Aschim unterschrieb auch die Sache mit dem Schah von Persien und wurde zu fünf Jahren Konzentrationslager verurteilt.

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In dieser Zeit standen der NKWD vermutlich nicht genug „qualifizierte Arbeiter“ zur Verfügung, darum war die „Produktion“ nicht immer ganz einwandfrei, und manche Protokolle enthielten einen völligen Unsinn, was aber die Standardurteile von 5 bis 10 Jahren Konzentrationslager nicht beeinflußte.

Auf diese Art werden in der UdSSR massenhaft Spione und andere politische Verbrecher fabriziert. Die Bearbeitung der Verhafteten wurde nach einer einheitlichen Methode durchgeführt. Jeder einzelne hatte jedoch seinen mehr oder minder originellen „Roman“, je nach seiner Spezialität, seinem Arbeitsplatz, seiner Nationalität und so weiter; in der Hauptsache hing jedoch die Buntheit des Romans von/der Erfindungsgabe des betreffenden NKWD-Untersuchungsrichters ab.

In der Folge k^m das Leben in unserer Zelle in einen ruhigen Lauf. Aber am 8. Mai 1938 wurde die Monotonie unterbrochen. Ich wurde von neuem zur Vernehmung gerufen. Natürlich befürchtete ich, daß mein Quälgeist, Kasjukoff, inzwischen den ganzen Unsinn meines Geständnisses erfaßt habe und mit Folterungen zur Erpressung neuer Geständnisse beginnen würde.

In dem Kellerraum erwartete mich tatsächlich Kasjukoff.

„Nun, Minischki, wie fühlen Sie sich?“ fragte er und bot mir sogar einen Sitzplatz an. Die ursprüngliche Feindseligkeit seiner Rede war verschwunden.

„Ich wollte noch einige Fragen an Sie stellen“, fuhr er fort und begann ein vollkommen neues Protokoll zusammenzustellen. „Bestätigen Sie die von Ihnen gemachten Aussagen? Sie werden sich entsinnen können, daß Sie zugegeben hatten, Mitglied einer antisowjetisch-trotzkistischen Spionageorganisation innerhalb der bulgarischen Sektion der Komintern gewesen zu sein. Antworten Sie!“

„Falls Sie durchaus die Wahrheit wissen wollen, so ist es ganz selbstverständlich, daß ich meine Aussagen von damals keineswegs bestätigen kann.“

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Widerrufenes Geständnis

Ohne Widerspruch notierte Kasjukoff im Protokoll folgendes: „Ich ziehe meine am 3. April dieses Jahres gemachten Angaben, daß ich Mitglied einer antisowjetischen Spionageorganisation bei den Komintern gewesen bin, zurück.“

„Und warum haben Sie falsche Angaben gemacht?“ war die nächste Frage.

Welche Gemeinheit, dachte ich und sagte laut: „Sie wissen genau, mit welchen Mitteln Sie meine Geständnisse erpreßt haben. Oder haben Sie vergessen, daß ich bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen und von ihnen zur Unterschrift Ihrer Erfindungen gezwungen wurde?“

„Ja, sehen Sie, Minischki“, sagt Kasjukoff, „daß hier geschlagen wird, ist ja allgemein bekannt. Aber das können wir doch nicht im Protokoll erwähnen. Ich gebe Ihnen eine halbe Stunde Zeit zum Überlegen. Denken Sie mal darüber nach, wie Sie am besten auf diese Frage antworten.“

Darauf ging er davon und schloß mich ein.

„Ich bin nicht in der Lage, etwas anderes zu erfinden“, sagte ich zu Kasjukoff, als et wiederkam. Er hörte mich gar nicht zu Ende an und schrieb ins Protokoll, daß ich die Aussagen unter der Einwirkung und dem Einfluß der schweren Gefängnisverhältnisse gemacht hätte. Ich setzte meine Unterschrift unter das Protokoll

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Über die plötzliche Änderung der Methoden waren ich und meine Leidensgefährten naturgemäß verblüfft. Einige meinten, der Vorsitzende der NKWD (Jeshoff) sei abgelöst und durch Berija ersetzt worden. Das entsprach allerdings den Tatsachen, aber in der Folge haben sich die Verhältnisse bei der NKWD nicht geändert.

8 Jahre Arbeitslager

Einige Wochen später stürzte um Mitternacht ein Gefängniswärter in die Zelle 449 und gab mir den Befehl, mit Gepäck herauszukommen. Im Korridor erwarteten uns schon einige Häftlinge. Es ist schwer zu sagen, womit sich die NKWD-Leute eigentlich tagsüber beschäftigen. Jedenfalls müssen sie in der Nacht sehr eifrig arbeiten. Wir wurden wieder in die unterirdischen schalldichten Räume geführt, an die ich auch jetzt noch nur mit Entsetzen denken. kann. Dort war eine Masse von Leuten versammelt ... 600, 800, vielleicht auch 1000. Die Urteile wurden bekanntgegeben! Auch mir wurde ein Fetzen Papier eingehändigt, darauf stand außer meinen Personalien, mit Maschinenschrift geschrieben, kurz und klar:

Verfügung OSO NKWD UdSSR Iwan Nikolajewitsch Minischki wird zu acht Jahren Haft in einem Arbeitsbesserungs-Lager wegen KRT verurteilt.

Das war also das Ergebnis des NKWD-„Gerichtsverfahrens“. Eine Kleinigkeit. Man wird verschickt. Auf 8 Jahre in ein Zwangslager. Und sie halten es nicht einmal für nötig, auf dem Urteil genau die Behörde zu nennen, die so rücksichtslos mit den Schicksalen von Millionen Menschen spielt. „Verurteilt von OSO wegen KRT!“, weiter nichts. Eine bemerkenswerte Prozedur, Vereinfachung bis zum äußersten. Man könnte es vielleicht verstehen, wenn es sich um eine Strafe von acht oder vierzehn Tagen handelte. Aber acht Jahre, acht Jahre! ...

In einer einzigen Nacht im Laufe weniger Stunden wurden annähernd 1000 der gleichen Urteile nur im Gefängnis Tagan bekanntgegeben! 1000 neue Opfer! Und wie viele gleichlautende Urteile mögen in der gleichen Nacht in der Lubjanka, der Butyrka, im Leffortschen Gefängnis verlesen worden sein! Wie viele Menschen wurden in der gleichen Nacht in den zahlreichen Verließen der NKWD in der Provinz Tür viele Jahre ihrer Freiheit beraubt. In der Provinz, wo an Stelle der OSO irgendwelche „Dreimännerkomitees“ über das Schicksal und das Leben der Menschen entschieden.

Wie soll man diese Verkürzungen „OSO“, „Dreimännerkomitee“, „KRT“, entziffern? „KRT“, das bedeutet Konterrevolutionäre Tätigkeit. „Dreimännerkomitee“, das sind drei Vertreter der NKWD in dem betreffenden Gebiet, welche die Aufgabe haben, „wichtige Staatsangelegenheiten“ zu regeln, „OSO“ ist schon schwieriger zu erklären. Das ist eine Versammlung hoher NKWD-Beamter in Moskau, Um die Wichtigkeit dieser Versammlung hervorzuheben, wird sie „besonders wichtige Konferenz“ genannt. Wer an dieser Konferenz teilnimmt, ob sie überhaupt stattfindet und welche Angelegenheiten dort behandelt werden, bleibt in ewiges Dunkel gehüllt. Mit welcher „Genauigkeit“ die NKWD arbeitet, ist am besten an meinem Beispiel zu sehen. Nachdem man mich durch Schläge und Folter bis an den Rand des Irrsinns gebracht und gezwungen hatte, ein Geständnis über meine angebliche Spionagetätigkeit abzulegen, wurde ich zu acht Jahren Zwangsarbeit für „KRT“, also „konterrevolutionäre Tätigkeit“ verurteilt.

Der bittere Weg nach Kargopol

Jeder unbefangene Mensch wird natürlich diese Art des Gerichtsverfahrens in der UdSSR unbegreiflich finden und vielleicht sogar an der Wahrhaftigkeit meiner Schilderungen zweifeln. Unwillkürlich wird jeder fragen, ob denn im Reiche Stalins keine Verfassung besteht, in welcher der Schutz der Persönlichkeit festgelegt ist.

Selbstverständlich besteht in Rußland eine Verfassung, und sie wird sogar die „Stalinsche“ genannt. Allein sogar in dieser Verfassung sind den Organen der staatlichen Sicherheit gleichzeitig Gerichtsbefugnisse eingeräumt, und so kann jede „OSO“, jedes „Dreimännerkomitee“, durchaus legal Urteile fällen und die menschliche Persönlichkeit nach Belieben verhöhnen. Es bestehen in der UdSSR allerdings auch in großer Zahl die verschiedenartigsten Gerichte. Es gibt: Volksgerichte, Stadtgerichte, Gebiets-, Kreis- und Gouvernementsgerichte, Appellations- und Kassationshöfe. Man kann alle diese Institutionen gar nicht aufzählen. Aber diese Behörden sind bis zum äußersten mit Arbeit überlastet. Sie müssen nicht nur alle Zivilstreitigkeiten schlichten, sondern auch Strafen für das verspätete Erscheinen am Arbeitsplatz, schlechtes Arbeiten und unzulängliches Benehmen verhängen und außerdem alle Kriminalfälle erledigen. In den Konzentrationslagern waren zum Beispiel alle Verwaltung- und Wirtschaftsposten vorwiegend von Kriminalverbrechern besetzt, und die Leiter der sogenannten „Erziehungsarbeit“ in den Lagern rekrutierten sich ausschließlich aus kriminellen Elementen. Um das Dekorum zu wahren und zu Propagandazwecken wird eine geringe Anzahl der politischen „Verbrecher“ auch durch die Gerichte abgeurteilt, weitaus die meisten Fälle – und zwar Millionen – werden ausschließlich von den Abteilungen der NKWD bearbeitet.

Der Stützpunkt Nummer 54

Nach der Verlesung der Urteile wurden wir auf die verschiedenen Blocks des Tagan-Gefängnisses in große Zellen verteilt und warteten drei Wochen auf den Tag unseres Abtransportes in das Konzentrationslager.

Am 16. Juli 1938 wurden wir eines Nachts in den Hof des Gefängnisses geführt, es war eine Gruppe von 500 bis 600 Menschen. Wir wurden zuerst auf Lastwagen verladen, dann in der Station Rotepresni auf Eisenbahnwaggons umgeladen und in einer entsetzlichen Fahrt in nördlicher Richtung abtransportiert. Nach zwei Tagen waren wir bereits 1250 Kilometer von Moskau entfernt und der Zug bewegte sich in Richtung des Archangelsk-Gebietes. Am 20. Juli 1938 hatten wir das Ziel erreicht. Vor uns lag ein freier Platz, der vielleicht 150 Meter breit und 300 bis 400 Meter lang war. Dieser – Platz war durch einen hohen Stacheldrahtzaun gesichert, in Abständen von 200 bis 250 Schritt erhoben sich hohe Wachttürme. Man sah zahlreiche Holzbaracken, welche planlos hier und da errichtet waren. Begrenzt wurde dieser Platz von einem Urwald, der aus Tannen, Birken und Kiefern bestand.

Das war der Stützpunkt Nr. 54 des Konzentrationslager Kargopol, Abteilung Erzewsk im Gouvernement Archangelsk. In unserem Transport befanden sich auch etwa 150 Frauen im Alter von 17 bis 55 Jahren.

Die Baracken konnten die etwa 1000 Neuankömmlinge nicht fassen, und wir mußten unter freiem Himmel kampieren. Nur ein Teil der Frauen konnte mit Mühe und Not in den Räumlichkeiten, die für die Küchen bestimmt waren, untergebracht werden. Wir spürten die Nähe des Polarkreises. Die Tage waren heiß und lang, die Nächte kurz und bitter kalt. Nach der Tagesarbeit konnten wir nachts nicht schlafen und mußten fortwährend herumlaufen, um den vor Kälte erstarrten Körper warm zu halten.

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Gleich am Tage nach der Ankunft wurden alle, Frauen wie Männer, zur Arbeit gejagt. Wir hatten Stubben zu roden und eine Fläche zu planieren, die für ein Sägewerk bestimmt war. Es herrschte drückende Hitze. Die Sonne stand den ganzen Tag am Himmel und die Temperatur stieg über 40 Grad. Selbst für einen normalen Menschen ist ein so plötzlicher Klimawechsel schwer zu ertragen. Wir aber waren vorher monatelang in dunklen Gefängniszellen eingesperrt gewesen und hatten schier eine Ewigkeit Sonne und frische Luft entbehrt. Aber die Lagerverwaltung nahm nicht die geringste Rücksicht auf unseren geschwächten körperlichen Zustand.

Unter diesen Lebensbedingungen mußte jeder versuchen, einen Strohhalm zu seiner Rettung zu erhaschen. Ich entsann mich meiner medizinischen Ausbildung als bulgarischer Soldat und meldete mich als Heilgehilfe. An Leuten mit medizinischen Kenntnissen herrschte größter Mangel. Infolgedessen hatte ich Glück. Einige Tage leistete ich medizinische Hilfsdienste auf dem Stützpunkt Nr. 54, aber dann wurde ich zur Station Erzeff geschickt und zu Waldarbeiten abkommandiert. 40 Tage fällte ich Bäume und schleppte Balken. Das ist eine schwere und gefährliche Arbeit. Wir trugen die Balken auf den Schultern zum Verladeplatz, sie waren sechs bis acht Meter lang und 30 bis 60 Zentimeter dick. Bis zum Verladeplatz mußten wir eine Strecke von 300 Meter zurücklegen. Ein Balken wurde von sechs bis acht Mann geschleppt. Die Last war unwahrscheinlich schwer und unser Weg ging durch unebenes Gelände, das heißt über Baumstümpfe, Gräben, Wurzeln und so weiter. Die kleinste Unachtsamkeit drohte mit Tod oder Verkrüppelung.

Anfang September wurde ich zur Sanitätsabteilung nach Erzeff abkommandiert. Dort hatte ich vorwiegend die Krankenstatistik zu führen und die Todesfälle zu registrieren. Nach einem Monat war ich Leiter der medizinischen Station des Sägewerks von Erzeff. Ich hatte 300 bis 400 Arbeiter zu betreuen (es wurde in Tag- und Nachtschicht gearbeitet) und außerdem mußte ich noch die Arbeitsbrigaden des Stützpunktes Erzeff inspizieren. Unter meiner Obhut befanden sich insgesamt 1500 bis 2000 Arbeiter, mit Ausnahme der Schwerkranken. Es gab aber täglich Dutzende von Fällen, die ich untersuchen mußte, darunter nicht wenig Unglücksfälle auf den Arbeitsplätzen. Im Winter, der hier im Oktober einsetzte, mußte ich bis zum Gürtel durch den Schnee waten, um die einzelnen Arbeitspunkte zu erreichen. Es war eine schwere Tätigkeit. Und trotzdem war ich mit meiner Arbeit außerordentlich glücklich, denn ich genoß den Vorzug, nachts auf der medizinischen Station bleiben zu dürfen.

Das Konzentrationslager Kargopol umfaßte etwa 75 000 bis 80 000 Häftlinge und nahm eine Fläche von 30 000 bis 40 000 Quadratmeter ein. Auf dieser Fläche waren die einzelnen Stützpunkte verstreut. Die hauptsächliche Tätigkeit der Häftlinge bestand in Waldarbeiten. Ferner wurden Feldbahnen und Sägewerke gebaut. Auf der Station Wandytsch war außerdem ein großes chemische Kombinat zur Herstellung von Zellulose im Entstehen.

Die Abteilung Erzeff des Konzentrationslagers Kargopol bestand aus vierzehn Stützpunkten, die etwa 28 000 Häftlinge umfaßten. Der Abteilung standen zwei Sägewerke zur Verfügung, die 1938. errichtet waren. Der Stützpunkt Erzeff selbst, in dem ich mich befand, bestand aus etwa 3000 Häftlingen, Der Arbeitstag dauerte zwölf bis vierzehn Stunden. Ein bis zwei Tage im Monat waren arbeitsfrei. Die Sterblichkeit unter den erkrankten Häftlingen war sehr groß und hatte ihre Ursache zum größten Teil in völliger Entkräftung. Ein großer Prozentsatz der Häftlinge litt an Skorbut und anderen Mangelkrankheiten. Die Lagerverwaltung und die sogenannten Umschulungsleiter bestanden ausschließlich aus kriminellen Verbrechern.

Frauenschicksale

Nun möchte ich wenigstens einige Schicksale der Unglücklichen beschreiben, die mit mir zusammen ihr Leben im Konzentrationslager fristeten. Da war zum Beispiel ein junges Mädchen von etwa 22 Jahren. Seine Eltern waren bei Ausbruch der Revolution aus Estland nach den UdSSR gekommen und dieses Mädel, es hieß Schurotschka, war in Estland geboren. Von seinem Geburtsland wußte es natürlich nichts, nur in seinen Papieren war vermerkt, daß es im „feindlichen Ausland“ das Licht der Welt erblickte. Allein diese Tatsache genügte, um das Mädel zu verhaften und wegen „Spionageverdacht“ zu zehn Jahren Zwangsarbeit im Konzentrationslager zu verurteilen. Armes Kind, es ging stets mit verweinten Augen umher und konnte es niemals verstehen, aus welchem Grunde es zu solch harter Strafe verurteilt worden war.

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Die harte Lage der unschuldigen Leute, die jahrelang die schwere Strafe abbüßen mußten, wurde noch dadurch bedeutend verschärft, daß sie zusammen mit kriminellen Verbrechern leben mußten, unter denen sich professionelle Diebe, rückfällige Einbrecher und Prostituierte aller Art befanden. Diese Leute hatten ihre eigene „Moral“. Im Stützpunkt von Erzeff lebten mit uns zusammen annähernd 250 Männer und 30 bis 40 Weiber dieser Art, die ständig alle übrigen Inhaftierten terrorisierten. Da sie von der Lagerverwaltung bevorzugt wurden und besondere Privilegien besaßen, konnten sie straflos stehlen, räubern und Unzucht treiben. Diese kriminellen Favoriten hielten alle Schlüsselstellungen in der Verwaltung und Wirtschaft, des Lagers in Händen. Und bei den schwierigen Lebensbedingungen fiel es den Männern nicht schwer, Frauen und Mädchen, die unter ihre Botmäßigkeit gefallen waren, ihrem Willen zu unterwerfen.

Geburten an der Tagesordnung

Das Zusammenleben von Frauen und Männern im Lager war jedoch streng verboten. Als medizinischer Arbeiter hatte ich dennoch genug Gelegenheit, zahlreiche neue Fälle von Geschlechtskrankheiten festzustellen. Außerdem waren Geburten im Lager an der Tagesordnung.

Innerhalb der Lager bestand auch etwas Ähnliches. wie Entbindungsheime. Die werdenden Mütter wurden dorthin gebracht und nach einem Jahr zur Zwangsarbeit zurückgeführt. Über das Schicksal der Neugeborenen wurde nie etwas bekannt. Vermutlich wurden sie in Erziehungsheime gesteckt, um aus ihnen Halsabschneider und sonstige Büttel des System zu machen.

Unter solchen Lebensbedingungen mußte also auch Schurotschka ihre Jugend verbringen. Siemußte wählen, entweder als „Lagerfrau“ ein unwürdiges Leben zu führen oder an Entkräftung allmählich zugrunde zu gehen. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß es eine Menge Frauen in der Art der Schurotschka gab, die trotz der barbarischen Verhältnisse ihre Würde bewahrten und sich sogar in jeder Weise besser benahmen als die Männer. Selbstverständlich gingen diese Frauen – die man nur als Heldinnen bezeichnen kann – dabei physisch zugrunde. Denn zehn Jahre Zwangsarbeit unter diesen entsetzlichen klimatischen Verhältnissen kann kaum jemand durchhalten.

Trotzdem war Schurotschka keine Einzelerscheinung, Ich entsinne mich zweier anderer Mädchen. Sie stammten aus Moskau, 17 und 18 Jahre alt. Das älteste hatte sich durch irgendeinen Zufall ins Moskauer Restaurant „Metropol“ verirrt, das war Anfang 1937. „Metropol“ ist eines der besten Hotels von Moskau. Wunderbar mit Marmor verzierte Säle, Plastiken und Kunsterzeugnisse schmücken das Innere des Gebäudes. In der des großen Saales sprudelt eine Fontäne in phantastischer Beleuchtung, vergoldete Kronleuchter hängen an den Decken und alles schwimmt in Licht ... Das Mädel meinte, in ein Märchenland gekommen zu sein. Es nahm hinter einem kleinen Tisch im großen Saale Platz und bestellte ein Glas Brause. Mit kindlicher Neugierde staunte es über die prächtige Einrichtung. Über das Erlebnis berichtete es seiner besten Freundin, und am nächsten Tag machten die beiden Mädchen zusammen eine Expedition ins Wunderland.

Der Kellner brachte ihnen eine Flasche Mineralwasser und sie genossen eine glückliche Stunde. Nach einiger Zeit kam ein junger Mann an ihren Tisch, der eines der Mädel zum Tanz aufforderte und dann bald mit dem einen, bald mit dem anderen über das Parkett schwebte. Beide waren zwar von ihrem Erfolg berauscht, verließen jedoch bald das Lokal, um rechtzeitig zu Haus zu sein. Sie dachten gar nicht daran, nach dem Namen ihres Tanzpartners zu fragen.

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Lustig plaudernd begaben sie sich auf den – Heimweg. Sie waren aber noch keine 200 Schritt vom „Metropol“ entfernt, als ein neuer „Kavalier“ an sie herantrat, der zunächst ihre Personalausweise verlangte, um sie dann in ein Auto zu setzen und in die „Lubjanka“ abzufahren. Dann mußten sie die üblichen „Bearbeitungen“ durchhalten, die zu einem Geständnis führten. Sie unterschrieben nach langen Folterungen ein Protokoll, in dem sie zugaben, im „Metropol“ mit einem Beamten der rumänischen Gesandtschaft in Moskau getanzt und ihm Spionagenach richten gegeben zu haben. Das Ergebnis des harmlosen Vergnügens waren zehn Jahre Konzentrationslager.

(Wird fortgesetzt)