Für 24 Stunden präsidierte er Europa. Es war „der größte Tag“ seines Lebens. Denn jener alte Mann, dessen gesprochenes Wort noch immer die Suggestivkraft der wenigen ganz großen Parlamentarier Europas besitzt (obwohl seine einst mächtige Partei, die Radikalsozialisten, zahlenmäßig fast zur Bedeutungslosigkeit zusammengeschrumpft ist) und den Freunde und Gegner den „lebenslänglichen Bürgermeister von Lyon“ nennen, ist ein Staatsmann von abendländischem Format; überzeugt von der Zukunft dest alten Kontinents; Edouard Herriot, letzter bürgerlicher Franzose und erster französischer Europäer zugleich.

Der grand old man der Vierten Republik begann wie so viele französische Politiker, wie Laval, Painlevé und Léon Blum, als Gymnasialprofessor. Schon vor Jahrzehnten begab er sich aus dieser Sphäre des reinen Geistes auf das politische Parkett. Trotzdem verließ den Humanisten nie sein Glauben an die Moral in der Politik, Wo immer Dogmen aufzutauchen drohten, gleich ob nationalistischer, sozialistischer oder klerikaler Art, zog er, der „treueste Diener der Toleranz“, mit allen, ihm zulässig erscheinenden Mitteln gegen sie zu Felde. Und doch scheint es heute zuweilen, als ob Resignation ihn ergriffen hätte.

Wenn der traditionelle Trommelwirbel und der Ruf „Monsieur Le President“ in der Nationalversammlung verhallt sind, steigt die vierschrötige Gestalt mit dem mächtigen Haupt unter der eisgrauen strähnigen Mähne die Treppe zur präsidentiellen Estrade empor; langsam, müde, sich schwer auf das Geländer stützend. Vielleicht haben seine Kritiker recht, die wissen wollen, daß Herriot den Traum, eines Tages als Präsident von Frankreich ins Elysée einzuziehen, noch immer nicht ausgeträumt hat; fest steht jedenfalls, daß ihn im täglichen Leben die Last seiner 77 Jahre geradezu körperlich bedrückt. Und lediglich wenn er – zu Häuptern der Deputierten sitzend – hin und wieder hüstelt und wenn das Mikrofon auf dem Präsidententisch versehentlich nicht abgeschaltet ist, klingt sein Räuspern noch wie ein fernes Donnergrollen der Götter auf dem Olymp, die unsterblich hoch oben thronen und ihr Mißbehagen über die durch einen Wortschwall ganz unnötig erregte Luft äußern, weil sie selbst viel mehr zu sagen hätten.

In der Tat: Edouard Herriot ist bereits „unsterblich“. Denn 1946 wurde er fast einstimmig in die Académie Française gewählte und damit in den Kreis der lebenden „Unsterblichen“ aufgenommen. Unter seinen Büchern nimmt eine in fast alle Kultursprachen übersetzte Biographie Beethovens einen besonderen Platz ein. Nicht nur wegen ihres literarischen Wertes – sie berührt die tragische Seite im Leben Herriots: sein Verhältnis zu Deutschland. Auf der Londoner Konferenz über den Dawesplan 1925 hatte er eine geheime zweistündige Unterredung mit Stresemann in den Räumen des Britischen Automobilklubs, die den Anstoß zur Räumung des Ruhrgebietes durch französische Truppen gab. Er setzte sich damit über den Beschluß von Nationalversammlung, Kammer und Kabinett hinweg, daß auf der Konferenz kein „politisches Thema“ behandelt würde, und führte als erster französischer Außenminister nach mehr als zehn Jahren persönliche Besprechung mit seinem deutschen Kollegen, in der er die Gleichberechtigung Deutschlands voll anerkannte und den ersten Stein aus dem Wege der deutschen Wiederkehr nach Europa räumte. 25 Jahre später befreiten die Sowjets diesen Mann aus einem KZ. in der Nähe Berlins. Nur so läßt sich seine heutige tiefe Skepsis gegenüber Deutschland verstehen. Nur so aber auch kann man ein wenig von jenem Großmut verspüren, der ihn in Straßburg bei dem „heiklen Thema“ der Zulassung Deutschlands erklären ließ: „Es ist Sache Deutschlands, selbst auf eine Frage zu antworten, die für uns mehr ein moralisches als ein politisches Problem darstellt.“ C. J.