Von unserem südamerikanischen Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

Ist Südamerika gegen den Kommunismus gefeit? Von der Beantwortung dieser Frage hängt für die Vereinigten Staaten mehr ab als die wirtschaftliche Zukunft allein. Wenn der amerikanische Erdteil nicht in seiner ganzen Ausdehnung zuverlässig auf Seiten der Nordamerikaner steht, entfällt ein großer Teil der günstigen strategischen Lage zwischen Weltmeeren, die zu überquerennur eine der amerikanischen überlegene Flotte wagen könnte. Die amerikanischen Pläne gehen bisher dahin, im Kriegsfalle dem Gegner in Europa und Asien entgegenzutreten. Wenn die Vereinigten Staaten jedoch gezwungen würden, sich irgendwo auf amerikanischem Boden in soziale Bürgerkriege einzumischen, wäre ihre Schlagkraft nach außen sehr geschwächt. Besteht nun etwa die Gefahr solcher innerer Unruhen in Südamerika? Die Zahl der Kommunistischen Stimmen läßt kaum einen Zweifel darüber aufkommen.

In Chile betrugen sie fast ein Viertel der Wählerschaft, bevor die Partei vom Staatspräsidenten Gonzalez Videla verboten wurde, der übrigens vorher ausschließlich mit ihren Stimmen die Macht gekommen war. Ihren Einfluß in Brasilien zeigten sie vor drei Jahren, bei der Wahl des Präsidenten Caspar Dutra, der sie inzwischen ebenfalls verbieten ließ. Damals erhielt der kommunistische Kandidat eine halbe Million Stimmen. In Kolumbien, während der letzten panamerikanischen Konferenz in Bogotà, steckten die Kommunisten vor den Augen von USA-Außenminister Marshall einen großen Teil der Stadt in Brand, und sie mußten mit Waffengewalt vertrieben werden. Als vor einigen Monaten Parlamentswahlen in Kolumbien stattfanden, erhielten sie allerdings nur eine verschwindende Stimmenzahl. Hieraus sieht man, daß sich die Stärke der kommunistischen Parteien nicht immer In der Zahl der für sie abgegebenen Wahlzettel äußert. Wer heute vom Kommunismus in Südamerika spricht, darf sich nicht vom Umfang der parlamentarischen Vertretung dieser Partei oder ihrer Betätigung in der Öffentlichkeit leiten lassen. Ihren Einfluß zieht sie aus der festen Organisation, aus der Geschlossenheit und festen plin ihrer Anhänger. Keine andere Partei kann es sich leisten, ohne Rücksicht auf die Meinung ihrer Mitglieder ihre Politik von heute auf morgen zu wechseln, einen Kandidaten, den sie bisher mit größter Erbitterung bekämpft hat, plötzlich bei Wahlen zu unterstützen, weil sie ein kleineres Übel dem größeren vorzieht.

„Tarnen“ heißt das Stichwort für die südamerikanischen Kommunisten, und sie können sich auf ihre Anhänger verlassen, selber wenn diese eine Zeitlang unter einer fremden Fahne mit-(marschieren. Die Disziplin ist fest genug, um sie im geeigneten Augenblick zurückrufen zu können. Es schadet auch nichts, wenn einmal die Partei verboten und jede Propaganda auf Jahre hinaus unterdrückt wird: Manchmal ist es ganz vorteilhaft, nicht so stark- zu erscheinen, um nicht die Unruhe der Gegner vorzeitig oder unzeitig zu wecken.

Die Kommunisten wissen, daß sie in Südamerika die Mehrheit der Stimmen niemals von sich aus bekommen werden, um so verfassungsmäßig an die Macht zu kommen. Aber wo sind sie schon in der Welt durch den Stimmzettel zur Herrschaft gelangt? Dafür haben sie ihre Bundesgenossen, mit denen sie eng zusammenarbeiten können, wie etwa die Parteien verwandter sozialer Programme, die auf nationaler, fast möchte man sagen nationalistischer Grundlage stehen. Dazu gehört beispielsweise in Peru die APRA, die Accion Popular Revolutionärin Americana, Sie hat schon bei Wahlen die Mehrheit aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigt, weil hinter ihr die Massen der Indianer des Hochlandes stehen, ist aber bisher durch die alten überlieferten Parteien, in denen das weiße Element der Bevölkerung überwiegt, immer von der Regierung ferngehalten worden. In Mexiko herrscht seit Jahrzehnten die Sozialrevolutionäre Partei. Auf ihrem linken Flügel haben die Gewerkschaften einen sehr bedeutenden Einfluß, und wenn diese auch den Kommunismus ablehnen, so laufen zwischen ihnen und den kommunistischen Gruppen doch bedeutsame Fäden, die nicht immer erkennbar sind.

Es erhebt sich die Frage, was getan werden könnte, um diese mehr oder minder offensichtliche kommunistische Gefahr wirklich zu bannen, und nicht nur die Parteien zu verbieten und ihre Anhänger aus der Legalität in das Dunkel der Unterwelt zu drücken. Präsident Peron, der heute die stärkste Sicherung gegen den Kommunismus darstellt – obwohl seine Gegner behaupten, die von ihm so gelobten „Hemdlosen“ seien alle im Herzen Kommunisten geblieben –, Peron steht auf dem Standpunkt, nur der nationale Gedanke in Verbindung mit großen sozialen Zugeständnissen und Verbesserungen könne auf die Dauer die Massen der kommunistischen Beeinflussung entziehen. Aber es ist schwer, in der Atmosphäre dauernder Unsicherheit, der Auflösung der alten Formen, der unaufhaltsamen Veränderung der Lebensbedingungen, dergleichen soziale Reformen durchzuführen. Die kommunistische Partei hat Immer die Möglichkeit zu warten bis einmal eine akute Krise kommt. Wir wissen, in wie hohem Maße die Außenpolitik des Kremls von der Überzeugung lebt, die kapitalistischen Länder würden nach der Lehre von Marx in eine Wirtschaftskrise hineinstolpern. In Südamerika ist diese Gefahr besonders groß, weil sich der ganze Erdteil in einem Übergangszustand befindet.

Der Kommunismus ist in Südamerika nicht nur eine soziale und wirtschaftliche Frage, sondern auch ein politisches Problem. Durch ihn hoffen Kreise der Bevölkerung an die Macht zu kommen, die bisher sorgfältig von ihr ausgeschaltet waren. Seit alters her regieren hier nur begrenzte Schichten. Die Massen der indianischen Bevölkerung oder der Schwarzen in Brasilien sind von der Regierung ausgeschlossen. In diese bisher unbeachteten Kreise dringt von außen her die Propaganga aus Moskau. Sie gibt den farbigen Massen ein erhöhtes Selbstbewußtsein. Sie weist auf das eigene Beispiel hin und verspricht im Falle des Sieges die volle Unterstützung. Um so mehr bestehen die Südamerikaner darauf, daß die Vereinigten Staaten ihnen ihrerseits Unterstützung leihen, um den Übergang in neue Lebensformen zu erleichtern. Sollte Nordamerika seine Aufmerksamkeit allzu ausschließlich nach Europa und Ostasien richten und seine südlichen Nachbarn vergessen, dann könnte es einmal unangenehme Überraschungen erleben. Diese Mahnung klingt nicht nur aus zahllosen Presseaufsätzen sondern aus vielen Erklärungen führender Staatsmänner in Südamerika.