Von Christoph Dönhoff

Bei dem nächtlichen Brand, dem kürzlich das Hauptzelt des Zirkus Belli in Heidelberg zum Opfer fiel, war der alte Elefant "Ceylon" der Held der Nacht. Inmitten ängstlich brüllender Tiere und kopfloser Menschen bewahrte er souveräne Ruhe, half beim Fortschieben gefährdeter Wagen, rettete die Raubtierkäfige, und stellte seine Hilfsaktionen auch dann noch nicht ein, als er eine peinliche Brandwunde auf seinem faltigen Hinterteil davongetragen hatte.

Wir wissen nicht, ob "Ceylon" vor 50 oder 60 Jahren in der Gefangenschaft geboren wurde oder ob seine Mutter ihn noch in irgendeinem Dschungel in Burma, Indien oder Ceylon zur Welt gebracht hat. Das ist auch gleichgültig. Denn der alte "Ceylon" ist keineswegs ein Unikum. Es gibt in Indien zahllose seinesgleichen," die nicht wie er allabendlich Kunststückchen vorzuführen brauchen, sondern mitten in einem gesunden und fast natürlichen Arbeitsleben stehen, und die trotzdem – ob in Gefangenschaft oder in Freiheit geboren – diese wunderbare Anpassungsfähigkeit an die menschliche Umwelt, dies Sich-zueigen-machen menschengewollter Aufgaben in erstaunlichem Maße beweisen.

Wir finden ja gewöhnlich – das Zugeständnis ist beschämend – daß Tiere durch den Umgang mit Menschen dümmer und lebensuntüchtiger werden. Mit Ausnahme vielleicht des Hundes – und auch darin mögen wir uns täuschen – sind alle Haustiere nur noch Karikaturen und Plagiate ihrer Vettern aus der freien Wildbahn. Man vergleiche etwa die stupide Hausente mit der hell wachen Wildente, man vergleiche unseren physisch sympathischen aber recht verblödeten Speckproduzenten mit den vielen Arten von Wildschweinen in aller Welt, oder die stumpfsinnige weidende Kuh mit den starken, selbstbewußten Persönlichkeiten der Wildrinder. Wir haben unseren Haustieren den Existenzkampf abgenommen, die Sorge um die Erhaltung des Individuums und der Art; damit sind sie nicht nur zu Arbeits- oder Produktionssklaven geworden, sondern ihre Umwelt und ihr Sozialempfinden – so etwas gibt es in den Tierwelt – sind jämmerlich verarmt.

Ganz anders verhält es sich mit den Arbeitselefanten in Indien. Sie sind und bleiben, die intelligentesten Helfer der Menschen. Sicherlich spricht es mit, daß ihre Domestizierung gemessen an der der Haustiere erst jüngsten Datums ist. Sie gehören noch nicht lange genug in den Lebenskreis des Menschen, um schwerwiegende Zeichen derVerbildung und der Lebensuntüchtigkeit aufzuweisen. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach wird das in ferner Zukunft deswegen nicht zu befürchten sein, weil es für den wilden Elefanten in der Freiheit der Dschungel und Urwälder einen Lebenskampf im Sinne der übrigen Tierwelt nicht gibt. Er hat auch in der Freiheit keine Feinde und meidet Gegenden, die ihm Ernährungssorgen bereiten könnten. Aus diesem Mangel an Umweltwiderständen hat sich bei ihm eine von allen übrigen Tierarten sehr verschiedene Wesensart herausgebildet. Er entwickelt auch in der Freiheit ganz besondere, eigenartige Eigenschaften, die ihm im Zusammenleben mit den Menschen zugute kommen und keineswegs so zu verkümmern brauchen, wie die der anderen Tiere. Darum bleibt ein im Urwald geborener Elefant auch nach seiner Gefangennahme und Einordnung in die menschliche Welt sozusagen er selber. Fähigkeiten, die wir an ihm bewundern, und von denen wir glauben, daß er sie in vielen .Generationen des Gefangenseins "erworben" habe, sind natürliche Eigenschaften, die jeder einzelne aus dem Urwald mitbringt und als Haustier nicht verliert.

Die besondere Eignung des Elefanten zum Umgang mit Menschen kommt in den Methoden zum Ausdruck, die in Indien und Insulinde beim Fang und bei der Eingewöhnung von wilden Exemplaren angewandt werden. Beim Einfangen geht es zunächst ohne schwere Aufregungen nicht ab. Bis zu einem Drittel der neuen Fänge gehen im Laufe der ersten Zeit nach der Gefangennahme an Herzschlag oder Überanstrengung ein. Im Laufe etwa eines Jahres wird dann der Elefant an seinen Mahout gewöhnt. Keine Hand darf ihn anfassen, nur mit langen dünnen Bambusruten wird er vorsichtig berührt, bis er sich daran gewöhnt hat. Dann kommt er in ein schweres Gestell aus Buschholz, das etwa ein Meter über dem Rücken des Elefanten einige Querbalken aufweist. Von diesem Balken aus beginnt der Mahout den Elefanten mit den Füßen zu berühren, bis sein Nervensystem es zuläßt, daß der Mensch auf seinem Rücken auf- und abgeht. Erst wenn er soweit eingewöhnt ist, beginnt die Abrichtung zur Arbeit. Elefanten haben einen natürlichen Sinn für gewisse mechanische Gesetze. Wenn man ihnen zuschaut, wie sie sich zu mehreren damit beschäftigen, einen Baum umzuwerfen, der in unerreichbarer Höhe Blüten oder Früchte trägt, dann scheinen sie mit Überlegung die Gesetze der Hebelkraft anzuwenden. Oder wenn sie als Arbeitselefanten Baumstämme aus dem Walde rücken oder aufladen müssen, entwickeln sie ein verblüffendes Verständnis für Gleichgewicht und Schwerkraft. Und da sie sehr gelehrig sind, gelingt es dem Menschen, ihre natürlichen Fähigkeiten weiter auszubilden. In diesem Stadium des Lernens wird mit äußerster Behutsamkeit verfahren. Nicht etwa der Mahout bringt dem Elefanten das Arbeiten bei. Nein, er darf ihn niemals hart anfassen. Das besorgt der sogenannte Kuunkie, der "Schulmeister", das ist ein ausgelernter Elefant, an den der Neuling mit einem Strick gekoppelt ist. Bedarf es der Strafe, dann teilt der Kuunkie sie aus. Ein leichter Schlag mit dem Rüssel für kleine Unachtsamkeiten, ein fester Knuff in die Seite für Faulheit oder Widerspenstigkeit. Die ganze Weisheit der indischen Menschen liegt, in diesem Gedanken, daß nicht der Mensch den Elefanten erzieht und sich dabei möglicherweise seine Feindschaft zuzieht, sondern daß der in die neue Umwelt bereits eingeführte Neuling bei der Umstellung hilft.

Versuche, die indischen Erfahrungen auch bei afrikanischen Elefanten anzuwenden, sind nicht sehr erfolgreich gewesen. Die Hand der Bantuneger ist wohl weniger weich als die der Inder, und die Persönlichkeit der afrikanischen Elefanten spröder und heftiger als die ihrer indischen Vettern. In ihrem Familienleben in der Freiheit der afrikanischen Wälder und Savannen bemerkt man davon allerdings nur wenig. Ich habe viele Jahre hindurch bei großen und kleinen Herden von wilden afrikanischen Elefanten wieder und wieder beobachten können, daß sie fast sanft und rücksichtsvoll miteinander sind. Sie haben in der Herde eine klare Rangordnung, an die jedes Stück sich ’hält, helfen einander beim Umbrechen von Bäumen zur Futterbeschaffung, stützen Kranke oder Verwundete, und erziehen ihre Jugend. Wir könnten in mancher Beziehung von ihnen lernen.