Ich habe neulich Felizitas wiedergesehen. Es war eine traurige Begegnung, denn Felizitas war in einem entsetzlich ramponierten Zustand. Sie war mit einer rosa Wollmütze und einem grünroten Ringelstrumpf bekleidet. Außerdem hatte sie eine Schnur um den Hals, an der ein Schnuller baumelte. Das war alles. Daß sie nur einen Strumpf anhatte, konnte man niemanden zum Vorwurf machen, denn sie besaß nur noch ein Bein. Mit ihren strahlend blauen Augen, die sie auch im Liegen offenhalten konnte, wenn man sie beim Zubettbringen nach einem geheimnisvollen Ritus herumschwenkte, sah sie mich vorwurfsvoll an. Sie hatte ein Recht dazu, denn wenn ich mir auch heute immer und immer wieder sage, daß ich sie im Winter vor zwei Jahren weggegeben habe, weil das kleine Mädchen keine einzige Puppe hatte, so bin ich doch zutiefst davon überzeugt, daß es eigentlich dabei um das halbe Pfund Speck ging, was mir die Mutter des kleinen Mädchens für Felizitas versprach.

Felizitas war die letzte einer langen Reihe, und ich habe sie wie alle ihre unzähligen Brüderchen und Schwesterchen sehr geliebt. Ich glaube, sie war auch die schönste; eine herzbeklemmend süße Mischung aus Rosa und Blond, mit langen schwarzen Wimpern vor den Vergißmeinnichtaugen, die sich nur schlossen, wenn man das Herumschwenken unterließ. Felizitas war eine ganz moderne Puppe, ein sogenanntes Knutschbaby. Ich bin froh, daß ich noch gerade klein genug war, als die Knutschbabys aufkamen. Sie hatten einen ganz weichen Körper, der nach einiger Zeit so weich wurde, daß er an zu schlottern fing. Dann wurde er mit allerlei Flicken von unseren Sommerkleidern neu aufgefüllt, so daß das Innere von Felizitas wohl heute noch darüber Auskunft geben könnte, was wir in jenen Jahren getragen haben. Da Felizitas ein Baby war, kam sie hin und wieder auch auf die Welt. Meine Schwester und ich gingen mit einem Koffer, einer Handtasche und einem Südwester bewaffnet auf Reisen. Kaum waren wir weg, betraten zwei Engel den Schauplatz der Handlung. Das waren wir auch, jedoch diesmal mit einem Seidenschal, erwachsenen diesmal mit hohen Absätzen und großen Haarschleifen ausgerüstet, wie es unserer Vorstellung von Engeln entsprach. Wir legten Felizitas und das Pendant dazu in ihren Taufkleidern aufs Sofa und entfernten uns mit Halleluja. Dann kamen wir von der Reise zurück und schlugen freudig die Hände über dem Kopf zusammen wegen der inzwischen angelangten Kinderchen.

Felizitas hatte ungezählte Geschwister, von denen zu ihren Zeiten aber nur noch wenige übrigblieben waren. Verschollen, zerbrochen, verloren, begraben, verschenkt... Einer, Bubi Wassertrinker mit Namen, war zwangsweise ausrangiert worden, eben wegen seiner Fähigkeit, Wasser zu trinken. Er war aus Gummi und wir nahmen ihn vorzugsweise mit in die Badewanne, wo er sich voll Wasser pumpte; das spuckte er, wenn man ihn auf den Bauch drückte, in scharfem Strahl wieder aus, meistens an die Tapeten oder über den gedeckten Eßzimmertisch. Eine blieb in der Straßenbahn sitzen und ward nicht mehr gesehen. Das war Gretchen.

Zuerst war Gretchen ein Junge gewesen im grünen Rodelanzug, obwohl ich ihn im heißen Sommer geschenkt kriegte, als es nichts zu rodeln gab. Aber weil ich keinen Jungen haben wollte, wurde auf meine dringenden Bitten hin ein Mädchen daraus gemacht mit zwei langen Zöpfen aus echtem Haar. Meine Liebe zu Gretchen war wohl die längstanhaltende und Gretchen hielt ihr nur deswegen so unentwegt stand, weil ihre Glieder jedes Jahr wieder zusammengeflickt wurden. Auch erhielt dieses Puppenkind besonders regelmäßig etwas zu essen. Ich war zwar vor den Spiritusflammen bange und kochte nur „Bloß-sotun“ darauf, aber Gretchen bekam jeden Abend ihre Mischung von Mehl, Zucker und viel Wasser kalt eingelöffelt. Wenn das Essen sehr üppig gewesen war, begann ihr Bauch aufzuweichen und sie mußte hinterher auf der Heizung trocknen. Gretchen war ein Freigeist; alles das, was ich nicht zu tun wagte, tat sie, käme, herrliche Taten: sie stand wieder auf, wenn man sie ins Bett gebracht hatte, sie steckte Therese die Zunge heraus und sagte „dove Therese“, sie lief im Sommer barfuß und zog im Winter keine langen. Strümpfe an, sie warf ihren Suppenteller um, wenn sie nichts mehr mochte, schaukelte sich an den Gardinen und ging nur in die Schule, wenn es regnete oder der Lehrer fehlte. Aber schließlich wurde Gretchen ein Opfer ihres Freiheitsdrangs und emanzipierte sich in der Straßenbahn.

Die kleinste meiner Puppen schlief in einer Walnußschale auf rosa Watte und wusch sich allmorgendlich in dem grünen Schraubverschluß einer Chlorodonttube, so winzig war sie. Es erwies sich als Unmöglichkeit, ihr Höschen zu nähen, und einen Namen bekam sie auch nie. Schließlich wurde sie mit ausgefegt, als sie mit ihren Geschwistern Verstecken spielte und sich unter dem Stanniolpapier einer längst aufgegessenen Praline versteckt hatte. Die größte, Cäcilie mit Namen, konnte richtige Babyschuhe tragen und war so unhandlich, daß man nicht recht etwas mit ihr anfangen konnte. Nur verhauen ließ sie sich wegen ihrer Größe herrlich, und so bekam sie mehr Prügel als alle ihre Geschwister, obwohl sie mit ihren sanften braunen Plüschaugen viel braver aussah als das unternehmungslustige Gretchen.

Aber der beste und liebste von allen war doch Häuschen Knackkopf. Er war, soviel ich weiß, der älteste und erste. Eigentlich war er sogar viel älter als ich, und mein Sohn war er, solange ich denken kann. Seit dem gräßlichen Unglück, als ihm ein Nachbarjunge ein Eierbrikett an seinen Kopf geworfen hatte und dieser geborsten war, trug er den Namen Knackkopf. Wenn man ihn nämlich auf die Nase und auf den Hinterkopf drückte, klaffte sein Kopf unter einem schaurigen Knacken auseinander.

Schön war Hänschen eigentlich nie gewesen. Ich hatte ihn in so-gut-wie-neuem Zustand geerbt: seine Stoffhände waren ein bißchen ausgefranst, und ein Bein war durch einen schön geschnitzten Holzstock, mit dessen Hilfe sich irgend jemand einst seine Pfeife zu reinigen pflegte, ersetzt worden – eine Blumengirlande kündete noch von der einstigen Bestimmung. Sein Körper war aus sandfarbenem, unverwüstlichem Leder, dem ein ganzer Keller voll Eierbriketts nichts hätte anhaben können. Wie sooft aber saß hier auf einem starken Körper ein schöner, aber schwacher Kopf. Ein gewinnend lächelnder Mund, eine reizende Stupsnase, die schon ganz durchgescheuert war, kornblumenblaue Augen, von denen eines alle Farbe verloren hatte, wodurch ein unbeschreiblich freundlich-gerissener Gesamteindruck erzielt wurde, Grübchen, wo überall nur welche hinpaßten und eine Fülle prächtiger Locken, die immer wie frisch gelegt aussahen, weil sie mit dem Kopf eine unlösliche Einheit aus Zelluloid bildeten. Ich glaube, ich habe Hänschen deswegen lieber gehabt als alle anderen, weil ich ihn ohne Unterlaß beschützen und verteidigen mußte. Ständig hatte ich ihn irgend jemand zu entreißen, der mit seinem Kopf knackte, und dauernd war er in Gefahr, armen Kindern geschenkt zu werden. Außerdem setzte ihm meine Schwester mit Vorliebe Brummer in den Kopf, die mit lautem, angstvollem Gebrumm darin umherfuhren. Keine Mutter hat es gern, wenn man ihren Kindern Raupen in den Kopf setzt und Brummer, sind bestimmt ebenso schlimm.