R. K. N. Zürich, im August

Im Film-Festival in Locarno wollte man zu Deutschland freundlich sein, und hißte seine Farben. Stolz wehte die Flagge Schwarz-Weiß-Rot von einem Flaggenmast. Niemandem fiel etwas auf, man meinte es gut mit Deutschland und kannte seine Farben nicht besser. Anders bei der internationalen Musterschau in Dornbirn. Dort hatte man das dumpfe Gefühl, daß irgend etwas mit Schwarz-Weiß-Rot nicht stimmte, faßte größeres Zutrauen zu Schwarz-Rot-Gold und hißte es. Stolz wehte also die Fahne Schwarz-Rot-Gold von einem Flaggenmast. Bis der Alliierte Kontrollrat einschritt. Was man sich in Dornbirn eigentlich dächte? Es gäbe keinen deutsches Staat und also keine deutsche Flagge, wo käme man hin, wenn Schwarz-Rot-Gold wehte? Also verschwand die Flagge, und die erstaunten Vorarlberger sahen statt ihrer am nächsten Tag ein Bündel vielfarbiger Fahnen, von denen sie aus den Zeitungen erfuhren, daß sie die der deutschen Länder seien, deren Existenz dem Kontrollrat unfraglich scheint.

Auch mit den Nationalgesängen hat es heute einige Schwierigkeiten. Immer wieder finden es Deutsche rührend, daß man in der Schweiz ein deutsches Nationallied hört, und bemängeln nur, daß es nicht das Deutschlandlied, sondern das Kaiserlied ist; sie finden, die Schweizer seien nicht im Bilde. Vor solchem Mißverständnis ist zu warnen. Sie sind im Bilde und singen zu der Melodie nicht „Heil dir im Siegerkranz“ sondern „Heil dir Helvetia“. Das Deutschlandlied kann man heute nur noch in Österreich hören. Dort singt man dazu entweder: „Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold“, wenn man dem christlichen Ständestaat anhängt, oder „Gott erhalte, Gott beschütze unsren Kaiser, unser Reich“, wenn man zu einer der eben gegründeten monarchistischen Parteien gehört, oder „Deutschland, Deutschland über alles“, wenn man ganz unter sich ist, was mitunter vorkommen soll...

Ist man aber in Österreich ein Anhänger der zweiten Republik, dann hat man es mühsam. Denn um nicht mit dem Kaisertum Österreich, mit dem christlichen... Ständestaat oder der Ostmark verwechselt zu werden, hat die neue Republik die Haydn-Hymne abgeschafft, eine Mozart-Hymne mit dem unvermeidlichen Text versehen, in dem sich alles aufs beste reimt, und – wenn heute, was zum Glück nicht allzuoft geschieht, die nationalen Gefühle in Österreich überwallen, die Musik etwas intoniert, einer den anderen anstößt, schließlich alles aufsteht und jeder jeden verlegen anblickt, dann wird das produziert, was als Österreichs größtes Staatsgeheimnis nur seinen Regierungsmitgliedern annähernd bekannt ist: die neue Hymne der österreichischen zweiten Republik.