Die letzte russische Note an Tito, nach der die Sowjetregierung Jugoslawien unter seinem gegenwärtigen Regime nicht mehr als Freund und Verbündeten, sondern als Feind ansehen werde? bedeutet eine hochgradige Verschärfung der an sich schon bedenklichen Spannungen auf dem Balkan, obgleich sie in ihrem Wortlaut nicht auf die Pläne Bezug nimmt, die von allen Seiten in Richtung auf das mazedonische Krisenzentrum gesponnen werden. Sie handelt vielmehr von der Kärntner Frage und den Vorwürfen Titos, die Sowjetunion habe die jugoslawischen Ansprüche auf der Pariser Konferenz in selbstsüchtiger Weise fallenlassen. Nun dürfte das Gewissen der Belgrader Machthaber in diesem Punkt nicht ganz rein sein. In der Tat wollten sie wohl mit den Ansprüchen auf Kärnten nur die nationalistischen Wässerchen auf ihre Mühle leiten. Daß ihr Begehren erfüllt werden könnte, haben sie ernsthaft wohl nie geglaubt.

Neben den theoretischen Auseinandersetzungen über die Westgrenze Jugoslawiens gibt es aber einige sehr ernste politische Tatsachen an der viel aktuelleren Südostgrenze. Die bedeutendste ist, daß das Mitglied des bulgarischen Politbüros, Wladimir Poptomow, zum bulgarischen Außenminister ernannt worden ist. Poptomow, der die normale bulgarische Kommunistenkarriere mit langjähriger Schulung in Moskau hinter sich hat, ist ein besonders aktiver Mazedonier, einige Kilometer von der Grenze geboren und aufgewachsen. Schon einige Tage vor seiner Ernennung hat Tito in seinen beiden Reden in Skolpje, der Hauptstadt des jugoslawischen Mazedoniens, auf Poptomow als den Hauptfeind aufmerksam gemacht und behauptet, daß er der Chef einer neuen „Mazedonischen Liga“ in Sofia sei, die sich die Abtrennung Mazedoniens von Jugoslawien zum Ziel gesetzt hat. Dies deutet darauf hin, daß heute, nach zwanzig Jahren und nunmehr unter kommunistischer Führung, der Geist der IMRO, der Inneren Revolutionären Mazedonischen Organisation, wieder ersteht, die, obwohl von den Machtkämpfen zwischen Michailow und Protogerow gespalten, bis in die dreißiger Jahre hinein einen maßlosen Terror gegen die bulgarischen wie gegen die serbischen Behörden aufrecht hielt, viele Hunderte von Morden beging und die Beziehung zwischen Sofia und Belgrad nicht zur Ruhe kommen ließ. Daß solche Aussichten für Tito nicht erfreulich sind, wird man begreifen, und so werden auch seine Formulierungen in Skolpje verständlich, wo er von dem an der Grenze „bereits vergossenen Blut“ sprach und von der Entschlossenheit und Fähigkeit seiner Armee, „jedem Feind“ zu widerstehen.

Unter diesem Aspekt erscheint die Schließung der Südgrenze, die Tito Vor einiger Zeit angeordnet hat, in einem ganz anderen Licht. Sie war nicht in erster Linie eine Gefälligkeit den Griechen gegenüber – und damit auch an die Adresse der Amerikaner gerichtet –, sondern sie war eine Maßnahme zum eigenen Schutz. Titos Ankündigung, er werde jeden von dem Kominform unabhängigen sozialistischen Staat unterstützen, die er übrigens später in einem Dementi abgeschwächt hat, richtet sich demnach wohl weniger an Albanien und Bulgarien, als an die griechischen Partisanen. Ihnen vor allem wollte er vermutlich Hilfe versprechen, wenn sie sich von Moskau trennen würden. Meldungen, daß Tito in Skolpje mit kommunistischen Dissidenten aus Griechenland zusammengetroffen sei, verstärken diesen Anschein. Dabei kann es Tito auf keinen Fall darauf ankommen, den griechischen Bürgerkrieg zu verlängern; eher wird er den Dissidenten bei seiner Beendigung zu Hilfe kommen, was vermutlich auf Gewährung eines Asylrechtes hinauslaufen dürfte, falls die jetzigen Offensiven der griechischen Regierungstruppen erfolgreich sein sollten. Denn für Tito ist der Unruheherd des griechischen Bürgerkrieges aus Gründen der eigenen Sicherheit gefährlich,

Allerdings, wenn Tito heute auch in erster Linie ruhebedürftig ist, so kontrolliert er doch keineswegs – die Situation. Seine Gegner jedenfalls sind durchaus nicht ruhebedürftig. Und am Balkan ist niemals abzusehen, was aus Ruhestörungen entstehen kann. H. A.