Belgien hat im April das System der Kohlenzuteilung mit dem Erfolg beseitigt, daß nunmehr die Verbraucher ihre Bezugscheine nicht mehr voll ausnützen. Die übertriebenen Vorratskäufe haben aufgehört. Und die Haldenbestände der Gruben nehmen seitdem so stark zu, daß sie eine erhebliche finanzielle Belastung der Unternehmungen darstellen und Feierschichten erzwingen. Lohnausfälle und soziale Spannungen sind die Folgen. Das Exportventil kann nicht den belgischen Wünschen entsprechend geöffnet werden, weil die Länder, die früher an erster Stelle Kohle aus Belgien bezogen, von anderer Seite versorgt werden. Belgien, das schon lange nicht mehr die Mengen deutscher Kohle abnimmt, die es auf Grund der Deutschland auferlegten Zwangslieferungen erhalten könnte, macht für die Schwierigkeiten, die seinem Kohlenexport entgegenstehen, in erster Linie die deutsche Kohlenzwangsausfuhr zu dem Preis von etwa 15 $ je Tonne verantwortlich. Westdeutschland hat anderseits schon wiederholt darauf hingewiesen, daß sein erzwungener Kohlenexport zu hoch und der Preis zu niedrig sei. Jetzt, da die Verhältnisse sich auf dem intenationalen Kohlenmarkt zu konsolidieren beginnen, wird diese Auffassung auch in Belgien vertreten. Und es scheint, andere Länder schließen sich der belgischen Haltung an. Tatsachen wirken immer stärker als Argumente, mögen diese auch noch so gut begründet sein.

Kenner der Kohlenwirtschaft sind nun der Meinung, daß eine Freigabe der Kohle in Deutschland eine ähnliche Wirkung hervorrufen würde. Bisher werden bei uns die Kohlenkontingente voll abgerufen, auch wenn sie nicht gebraucht werden. Die Überschüsse wandern vielfach auf den Schwarzen Markt – zu Überpreisen. Denn: wer die entsprechenden Preise zahlt, kann sich mit Winterkohlen in fast allen Sorten eindecken. Anderseits müssen infolge der Geldknappheit viele Verbraucher bei der Abnahme der zugeteilten Kohle kurz treten. Der Kohlenhandel gerät folglich in eine schwierige Lage. Aus finanziellen Gründen ist er außerstande, die ihm zugewiesenen Kontingentsmengen lange einzulagern. Um sich flüssig zu halten, wird er zu Verkäufen ohne Kontingentsrücksichten gezwungen. Eine gleichmäßige Versorgung für den Winter wird dadurch gefährdet.

Die Verplanung ist bereits so weit fortgeschritten, daß, wie die VfW mitteilt, die Militärregierung einverstanden ist, wenn bis zu 1 Mill. Tonnen Kohle eingeführt wird. Ob und inwieweit es hierzu kommen wird, hängt von der Gestaltung der deutschen Kohlenversorgung (Förderung, Zwangsausfuhr und Preisgestaltung der ausländischen Kohle) ab. Auch in normalen Zeiten haben wir Kohle eingeführt, wobei die Kohlensorten und die Frachtlage entscheidend waren. Man wird uns aber bei unserer schwachen Devisensituation doch nicht zumuten, daß wir deutsche Kohle zu niedrigen Preisen aus- und ausländische zu teuren Preisen einführen...

Das Problem der Kohlenversorgung ist vor allem ein Förderungsproblem. Im Juli erreichte die Steinkohlenförderung einen arbeitstäglichen Durchschnitt von 336 400 (Juni 333 300) t. Zwar ist die Leistung je Mann und Schicht unter Tage mit 1,38 t etwas gestiegen, aber sie bleibt noch weit hinter der Vorkriegsförderung (2 t) zurück. In Kohlenkreisen vertritt man die Meinung, daß die derzeitige Schichtleistung bei einer freieren Kohlenwirtschaft sich automatisch verbessern würde.

Unter Berücksichtigung aller Faktoren ist es wohl angebracht, der Frage einer Freigabe der Kohle oder zumindest einer starken Auflockerung der Bewirtschaftungsvorschriften ernstlich näher zu treten. Aller Voraussicht nach würde sich dies auch in der deutschen Kohlenwirtschaft nur günstig auswirken. J. Sch.