Von Irene Seligo, Lissabon

Bei der Goethefeier des Senats der Hansestadt Hamburg am 28. August 1949 wird der große spanische Philosoph die Festrede halten. Ortega y Gasset ist eine der bedeutendsten

Zu solchen bald spontanen, bald überlegten Erläuterungen seiner Stellung zu den Zeitproblemen: als Spanier, als Europäer, als Logiker, Lehrer und Philosoph, ist Ortega durch die am eine Gestalt seines Formats unvermeidlich entstehende Legendenbildung wieder und wieder genötigt worden; besonders während der Gärungs- und Sturmzeiten der letzten fünfzehn Jahre hatte er außer den Angriffen seiner Gegner auch ständig Versuche abzuwehren, ihn zum Parteigänger dieser oder jener politischen Richtung zu stempeln. Aus Nebenbemerkungen seiner Reden und Aufsätze, aus Fußnoten, Vor- und Nachworten seiner Bücher kann daher der aufmerksame Leser auch außerhalb Spaniens ein durchaus klares und aktuelles Bild von ihm selber und von seiner Beziehung zu dem Lande gewinnen, als dessen Sprecher er gilt und dessen so lange undynamisch gewesenem Geistesleben er durch die Weltwirkung seiner Schriften ein neues europäisches Prestige verlieh. So ist etwa in den neueren Ausgaben seines verbreitetsten Werkes "Aufstand der Massen" (1930) ein "Prolog für Franzosen" und ein auf der Höhe des Bürgerkrieges geschriebener Epilog für Engländer" enthalten, der eine Rechtfertigung Spaniens, des ganzen Spanien, gegenüber den leichtfertigen Urteilen unwissender Ausländer und den Greuelgeschichten verbitterter Emigranten darstellt und nebenbei eine leidenschaftliche Zurückweisung der Behauptung, daß er, Ortega, zu irgendeiner Zeit, in Spanien oder im Exil, an seinem Volke irregeworden sei. Aber mit all seiner Autorität hat er doch manche der alten Klischees (wie das vom unheilbar dekadentem oder rückständigen, in sich zerfallenen und blutdurstigen Spanien) noch nicht außer Kurs setzem können, deren automatische Wiederholung die Öffentlichkeit vieler Länder auch heute an Verständnis der spanischen Realitäten hindert. Er konnte denn auch nicht verhindern, daß vor allen im Ausland Verfälschungen wichtiger Tatsachen seines Lebens in Umlauf kamen Der intellektuellen Linken aller Länder galt er noch als verfolgte und verfemter Flüchtling aus Francospanien, als Anfang 1945 bei seinen Lissabonner Vorträgem der spanische Botschafter, Francos Bruder, regelmäßig den Ehrenplatz in der aus Angehörigen sämtlicher kriegführenden und neutralen Nationen gemischten Zuhörermenge einnahm. Ebenso konnte man ihn noch letzten Winter in ganz ernsthaften Veröffentlichungen als "im Exil lebend" bezeichnet finden, während er im Zentrum Madrids vor überfülltem Saal seine zwölf Vorlesungen über Arnold Toynbees neue Interpretation der Weltgeschichte hielt oder die öffentlichen Diskussionem und Kolloquien seines Instituts der Humanitäte leitete.

Wer die Grundtatsachen seines Lebenslauf kennt und das eine oder andere seiner Hauptwerke über Spanien, wer auch nur eine Ahnung hat von der Resonanz die jedes seiner Worte in Spanien und vor allem in der spanischen Jugend besessen hat und wohl schon wieder besitzt, dem wird es undenkbar sein, daß Ortega dieses sein neues Institut irgend woanders hätte gründen können, als in Madrid. In Madrid ist er geboren (1883, als Sohn des Zeitungsbesitzers Ortega Munilla), dort hat er als neunzehnjähriger Lizentiat der Philosophie seinen ersten Artikel veröffentlicht – fast alle seine Bücher, auch "La Rebelion de las Masas" waren ursprünglich Vortrags- oder Artikelserien –, und 1914 sein erstes Buch "Meditaciónes del Quijote". Dort übernahm er 1910 die Professur, die er bis 1933 ununterbrochen ausübte und auch heute innehat vordem studierte er bei Cohen und Natorp in Marburg an der Lahn. "In dieser Stadt habe ich das Äquinoktium meiner Jugend verlebt, ihr verdanke ich mindestens die Hälfte meiner Hoffnungen und beinahe alle meine Disziplin", schrieb er darüber 1915.

In Madrid begann er als junger Professor seinen Feldzug zur "Europäisierung Spaniens". Dort erlebte er die ersten Erfolge seiner Offensive gegen die sterile und verstaubte Fachgelehrsamkeit des Landes, gegen den gedanklichen Isolationismus seiner Oberschicht, die reaktionäre Unwissenheit seines Bürgertums. Dort gründete er seine "Ideenbibliothek des 20. Jahrhunderts", in der nach und nach spanische Fassungen der Werke Hegels, Husserls, Schelers, Diltheys, Bergsons, Huizingas, Spenglers und anderer erschienen und seine Zeitschrift "Revista de Occidente"; dort auch begann er mit der Heranziehung des für sein Lebenswerk unentbehrlichen Nachwuchses "von geistiger Aufnahmefähigkeit und europäischem Horizont". Dort endlich, in seinen Methoden immer ausgehend von den besonderen spanischen Gegebenheiten und Bedürfnissen und daher nie in der Lage, Studierstubengelehrter oder Adept der "reinen Philosophie" zu werden, arbeitete er an der Entwicklung einer eigenen Lehre und Schule, die dann vom Krieg und seiner neunjährigen Abwesenheit aufgehalten wurde.

In Madrid hat er Anfang der dreißiger Jahre die Entstehung der Republik vorbereiten helfen, deren Entwicklung ihn bald und bitter enttäuschte und aus der er 1936 emigrierte: was hätte wohl auch das kommunistische Madrid mit dem erklärten Gegner des Extremismus und des Massenmenschen, dem Verteidiger des schöpferischen aristokratischen Prinzips angefangen? Er wurde aber weder damals noch heute (man sagt ihm jetzt einen gemäßigten Monarchismus nach) Parteigänger der extremen Gegenseite – eine Haltung, die in seiner eingangs zitierten Äußerung von 1933 schon klar genug vorgezeichnet ist. Es ging ihm hierin nicht viel anders als dem andern großen Wortführer der spanischen Wiedergeburt, dem um zwanzig Jahre älteren Miguel Unamuno, der bei Ausbruch des Bürgerkriegs gegen die "rote" Seite Partei nahm, sich aber noch vor seinem bald danach erfolgten Tode auch mit der Gegenseite überwarf.

Sein derart verspätet gegründetes "Institute de Humanidades" errang in seiner ersten, experimentellen Phase einen starken Publikumserfolg und wird wohl schon in der nächsten erweitert werden; es hat zur weltanschaulichen Grundlage Ortegas Vitalismus, seine Lehre von der Razön Vital, der lebendigen Vernunft. Dementsprechend ist denn auch in seinem ersten Prospekt dem Begriff humanidades ein neuer Sinn gegeben. "Humanitäten" sind hier die Phänomene, in denen sich die menschliche Lebens Wirklichkeit manifestiert; humanistische Wissenschaften diejenigen, die solche Phänomene erforschen. Sie schließen also außer den klassischen eine Vielzahl anderer Disziplinen ein: Linguistik, Ethnologie, Volkswirtschaft und so weiter, die sie wiederum von unorthodoxen Gesichtspunkten her behandeln, da es den Dozenten der Gruppe nicht nur auf Beobachtung, sondern auf Deutung der Phänomene und ihre Eingliederung in ein Gesamtbild ankommt. Das Lehrprogramm des ersten Winters enthielt außer Ortegas kritischer Betrachtung des Toynbeeschen Geschichtswerks Kurse und Seminare über so weit auseinanderliegende Themen wie "Vergleich der Situation des Arabismus und der klassischen Philologie" und "Soziale Struktur des Preises"; Ortega selbst leitet zusammen mit einem Kunsthistoriker eine Gruppenuntersuchung des "Ursprungs der Goya-Legende". Eine Besonderheit der Lehrtechnik waren die öffentlichen "Coloquios-Discusionse", bei denen der Zusammenstoß gegensätzlicher Meinungen ausgesprochen gesucht wurde. Es wurde jedoch bei allem Respekt für gegnerische Standpunkte auf Klarerhaltung der pädagogischen Grundabsicht geachtet, die das Institut über das Niveau einer bloßen Bildungsanstalt auf das einer Philosophenschule heben will. Das ist die mit aller Deutlichkeit proklamierte Absicht: den Hörern auf die zentrale Frage: Was ist der Mensch? eine leidenschaftslos sachliche, aber keineswegs zu Nihilismus oder Verzweiflung führende Antwort zu geben; das heißt also: die heute so gangbare Überbetonung der menschlichen Angst und Seelenqual zu vermeiden, die nach Ortegas Meinung den Menschen auf die Dauer wahnsinnig oder böse machen muß.