Von Ruth Fischer, New York

Die frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Ruth Fischer, die Schwester von Gerhard Eisler, die jetzt als sozialistische Schriftstellerin in den USA lebt, schreibt aus ihrer genauen persönlichen Kenntnis Sowjetrußlands über die Hintergründe und die Folgen von Dimitroffs Tod.

Als ich aus Europa hörte, daß Georgi Dimitroff zur Kur nach Rußland abgereist sei, war ich ziemlich sicher, bald eine Nachricht von seinem Tode zu hören, Ich hatte natürlich keine Verbindung zu den Ärzten des verstorbenen bulgarischen Kommunistenführers und wußte nicht, ob er wirklich ernsthaft krank oder nur erholungsbedürftig war. Ich hörte von Radio Sofia, der Angaben über Dimitroffs Gesundheitszustand machte, neben seinen zahlreichen Krankheiten litte er auch noch besonders unter Diabetes. Dabei fiel mir ein Erlebnis aus der Prager Emigration ein. Ich traf im Jahre 1933 dort einen Berliner kommunistischen Arzt, Dr. Leo Friedländer, der schwer ’zuckerkrank war und nach der Sowjetunion emigrierte. Leo Friedländer verschwand wie die meisten deutschen kommunistischen Emigranten in Moskau im großen Netzwerk der GPU-Reinigung. Einzelne unserer Freunde kamen natürlich doch nach Frankreich zurück und erzählten, daß Dr. Friedländer in Konflikt mit den Sowjetbehörden geraten war. Ihm wurde dann befohlen, sich in ein sowjetisches Sanatorium zurückzuziehen, und dort starb er bald, weil er keine Insulindosen bekam, die sein Gesundheitszustand erforderte. In einer totalitären Gesellschaft steht ja auch die Medizin im Dienste der Staatsautorität; man soll nicht vergessen, daß in den großen Moskauer Schauprozessen der dreißiger Jahre mehrere bedeutende, sowjetische Ärzte angeklagt waren, ihre Patienten im Auftrage des damaligen Chefs der GPU, H. H. Jagoda, durch falsche medizinische Behandlung ermordet zu haben. Diesen Ärzten wurden auch verschiedene Giftmorde an prominenten sowjetischen Führern, darunter an dem berühmten russischen Dichter Maxim Gorki zugeschrieben, und sie wurden für diese Gift- und medizinischen Morde dann offiziell hingerichtet. In einem solchen Milieu ist es nicht leicht, als prominenter Kommunist in Ungnade zu fallen und sich zugleich in offizielle ärztliche Behandlung begeben zu müssen.

Dimitroff hatte ernste Schwierigkeiten mit dem Polit-Büro. Er ist in einem Mausoleum für die kommunistische Welt viel nützlicher als ein lebendiger Parteiführer in Bulgarien. Er gehörte trotz seiner jahrzehntelangen Moskautreue doch zu der immer größer werdenden Gruppe von Kommunisten, die ihr Land der Kontrolle Moskaus entziehen möchten und versuchen, dieses Ziel durch Manövrieren und Intrigieren zunächst noch ohne direkten offenen Abfall zu erreichen.

Als Dimitroff nach dem Kriege mit den siegreichen russischen Armeen in Sofia einzog, hatte er zum erstenmal seit dem mißglückten Putsch von 1923 wieder Heimatboden unter den Füßen. Aber er hatte inzwischen fast allen lebendigen Zusammenhang mit den kommunistischen Kräften, die im Lande geblieben waren, verloren. Die bulgarische kommunistische Partei und ihre Führung, die während; der deutschen Besatzung im Lande geblieben war, hatte trotz der scharfen nationalen Gegensätze zu Jugoslawien im Anfang viele Sympathien nicht für Tito, aber für Titos Plan, der Gründung einer eigenen kommunistischen Balkan-Föderation. In diesem Sonderbündnis zwischen Bulgarien, Jugoslawien und Albanien erblickte auch die bulgarische kommunistische Partei ein ausgezeichnetes Mittel, um sich zu verselbständigen und von der Moskauer Politik allmählich loszulösen. Es ist bekannt, daß Dimitroff den Tito’schen Plan in Moskau unterstützte, dann rauh zurechtgewiesen wurde und öffentlich Abbitte tat.

Immerhin ist Dimitroff so viele Jahre mit dem Polit-Büro der russischen Partei intim verbunden gewesen, daß kaum anzunehmen ist, daß er diesen Vorstoß für die Gründung einer eigenen Balkan-Föderation gemacht hat, ohne mit russischen Freunden Fühlung zu nehmen und ohne von ihnen Ermunterung für sein Unternehmen zu erfahren. Hinter dem Dimitroff-Vorschlag war unsichtbar dieselbe Opposition in den höchsten Parteispitzen der russischen Partei tätig, die sich auch im Tito-Konflikt und in der Varga-Krise zeigte; diese innere Opposition der Fachleute, der Generäle und der Industrie-Organisatoren hoffte in den Selbständigkeitsbestrebungen der neu gegründeten Satellitenstaaten ein Gegengewicht gegen den extremen Expansionisten Schdanow zu formieren.

Nachdem Tito offiziell aus der kommunistischen Familie ausgeschlossen und nach allen Regeln exkommuniziert worden war. sollte Bulgarien, das Sprungbrett für die Liouidierung des neuen jugoslawischen Staates werden. Das Schdanow-Malenkow-Politbüro verschärfte mit allen Mitteln die alten nationalen Gegensätze zwischen Bulgarien und Jugoslawien und versprach der bulgarischen kommunistische Panel die faktische Annektion eines neuzubildenden autonomen Mazedoniens, wenn die bulgarische kommunistische Partei den gewünschten inneren Aufstand gegen das Tito-Regime von sich aus organisieren würde. Trotz der alten Gegensätze und trotz des Appetits der bulgarischen Kommunisten auf die Annektion eines solchen autonomen Mazedoniens fand ein bedeutender Teil der Spitzen der bulgarischen kommunistischen Partei dieses Abenteuer zu riskant für den Bestand ihres eigenen neugegründeten Staates. Erinnerungen an die unglücklichen Befehle Moskaus aus dem Jahre 1923 wurden wieder lebendig und auch die wildesten Anti-Titoisten rechneten sich aus, wie groß das Übergewicht Moskaus auf dem Balkan sein würde, wenn die Befehle zum mazedonischen Aufstand gegen Belgrad erfolgreich realisiert würden.