Kein Zweifel, das Schwergewicht des politischen Interesses in den USA hat sich von Europa nach Ostasien verlagert. Die Einrichtung einer neuen Abteilung zum Studium fernöstlicher Probleme im State Department und die Veröffentlichung des 1000 Seiten starken China-Weißbuches in Washington zeigen dies an, vor allem auch die außergewöhnliche Heftigkeit der öffentlichen Diskussion über die amerikanische Ostasienpolitik, die sich anschließend entwickelt hat. Deutlich wird dies auch an der neuen Aktualität, die der sogenannte Pazifikpakt, das östliche Gegenstück zum Atlantikpakt, gewonnen hat, und an der erhöhten Aktivität asiatischer Staatsmänner Tschiangkaischek hat mit dem Präsidenten, der Philippinen, Quirino, verhandelt und in Südkorea mit dem dortigen Präsidenten, Syngman Rhee. Quirino wurde nach der Begegnung mit Tschiangkaischek von Truman empfangen und hatte in Washington Unterredungen mit den diplomatischen Vertretern von China, Indien, Pakistan, Afghanistan und einigen Staaten des Vorderen Orients. Und seit Wochen halten hohe diplomatische und militärische Experten der USA geheime Beratungen ab über die Frage einer eventuellen amerikanischen Intervention in Formosa – für den Fall, daß diese strategisch wichtige Insel von den Kommunisten angegriffen werden: sollte.

In dem Brief an Präsident Truman, mit dem Außenminister Acheson das Weißbach eingeleitet hat, heißt es, das Charakteristische der Lage in China gestern und heute sei die Tatsache, daß eine Intervention nur dann von entscheidender Bedeutung sein könnte, wenn sie – wirtschaftlich, politisch und wahrscheinlich auch militärisch in einem Umfang erfolge, der weder vom amerikanischen noch vom chinesischen Volk gebilligt werden könnte. Er kommt daher zu dem Schluß, daß es zwecklos sei, die Nationalregierung, die nicht einmal mehr das Vertrauen der eigenen Truppen und der eigenen Anhänger genieße, zu unterstützen. Er schließt aber mit der unmißverständlichen Drohung: "Sollte das kommunistische Regime unter dem Einfluß des sowjetischen Imperialismus seine Angriffe auf Chinas Nachbarn ausdehnen, so würden Amerika und auch die anderen Mitglieder der UNO darin eine Bedrohung des Friedens und der Sicherheit sehen." Hieraus könnte man folgern, daß so etwas wie eine Neuauflage der "Truman-Doktrin" für die südlichen Nachbarn Chinas beabsichtigt sei. Jedenfalls kann man wohl mit Recht annehmen, daß das Weißbuch nicht nur veröffentlicht wurde, um die Vergangenheit zu rechtfertigen, sondern auch um eine neue Politik einzuleiten.

Eine Rechtfertigung der bisherigen Ostasienpolitik dürfte der Regierung, die hier zum erstenmal die Berichte der Generale Wedemeyer, Hurley und Stilwell der Öffentlichkeit zugänglich macht, ohnehin schwerfallen. Die Kritik, die das Weißbuch ausgelöst hat, ist jedenfalls allgemein und außerordentlich heftig, wobei es allerdings schwer zu ermessen ist, inwieweit sie rein sachlich und inwieweit sie innerpolitisch bedingt ist. General Hurley, Botschafter und persönlicher Vertreter des amerikanischen Präsidenten bei Tschiangkaischek vom September 1944 bis 1945, sagte wörtlich: "Kein Weißbuch wird je in der Lage sein, die Geschichte des Fehlschlags der amerikanischen Politik in China abzuändern." Er bezeichnet dieses Dokument als "ein ganz gewissenloses Alibi der Pro-Kommunisten im State Department, die den Sturz unseres chinesischen Verbündeten bewerkstelligt haben." Und auch Vandenberg, der mit allem Nachdruck einen fresh look, eine neue aktive Politik in Ostasien fordert, nennt das Weißbuch ein "post mortem für die Fehler der Vergangenheit." Er ist es. der immer wieder auf die beiden großen entscheidenden Fehler hinweist: die Beschlüsse von Jalta, die Rußland einen so weitgehenden Einfluß in Ostasien eingeräumt haben, und die jahrelang vertretene Forderung Washingtons, nach einer Koalitionsregierung zwischen der Kuomintang und den Kommunisten, von denen Hsiung in seinem Buch über Tschiangkaischek sagt, daß ihre gegenseitige Animosität schon damals etwa dem jüdischarabischen Verhältnis in Palästina entsprach. Gerade aus der chinesischen Perspektive dieses Buches von Hsing ergibt sich deutlich, wie hoffnungslos die meisten amerikanischen Diplomaten und militärischen Experten bei dem Bemühen scheiterten, in die Mentalität dieses Volkes und die politischen Erfordernisse des Landes einzudringen.

Doch sind dies wirklich post mortem Betrachtungen! Die aktuellen Fragen, die die amerikanische Regierung< zu entscheiden hat, betreffen neben dem Plan eines Pazifikpaktes vor allem das Verhältnis zu Mao Tse Tung und zu Formosa, wobei es wahrscheinlich sein dürfte, daß diese beiden Punkte nur alternativ behandelt werden können. Das heißt, entweder man beschließt, zu einem modus vivendi mit der zukünftigen Regierung Mao Tse Tungs zu kommen, dann muß man jeden Gedanken an eine Intervention in Formosa aufgeben, oder man hält ein nichtkommunistisches Formosa aus strategischen Gründen für so wichtig, daß man dieses Ziel notfalls auch durch eine militärische Besetzung zu erreichen versucht – dann wiederum würde eine Verständigung mit Mao Tse Tung ausgeschlossen sein,

Die Insel Formosa jedoch ist für die USA äußerst wichtig, weil sie die Flanke der Verteidigungslinie von Japan zu den Philippinen beherrscht. Es ist. eine reiche Insel mit hohen Reis-, Tee- und Zuckerausfuhren, auf der heute Tschiangkaischek die Goldreserven der Kuomintang, 250 000 Soldaten und die Reste der Luft- und Seestreitkräfte in Sicherheit gebracht hat. Aber zugleich mit diesen Aktiven hat er offenbar auch das korrupte System seiner Funktionäre mitgebracht und damit den Unwillen der Bevölkerung erregt, so daß viele Berichte, die von der Insel kommen, von zunehmender Feindschaft und dem Anwachsen einer Unabhängigkeitsbewegung sprechen. Es ist darum durchaus möglich, falls der Bürgerkrieg sich auch hierher ausbreiten sollte, daß etwaige amerikanische Lieferungen an die Nationalregierung in Formosa eines Tages, wie die bisherige China-Hilfe, bei den Kommunisten landen könnten So sind die weitreichenden Entscheidungen, die die amerikanische Regierung zu treffen hat, durchaus schwieriger Natur.

Marion Gräfin Dönhoff