Von Ernst Penzoldt

Dionysios, Tyrann von Syrakus, bat einst den Philoxenos um ein Urteil über seine Gedichte und schickte ihn, der sie herzlich schlecht gefunden hatte, in die Latomien, jene berühmten Steinbrüche, die heute wegen ihrer romantischen Schönheit gern von Fremden besucht werden, damals aber als Gefängnis dienten. Ein Jahr später läßt er ihn abermals vor sich rufen und liest ihm seine neuesten Gedichte vor. Philoxenos hat nicht lange zugehört, so steht er auf und wendet sich zum Gehen. "Wohin?" fragte der Tyrann. "Wieder in die Latomien" antwortete Philoxenos.

Diese antike Anekdote vermag uns heute noch zu rühren, weil sie echte Elemente des Humors besitzt: Geist, Freiheit des Herzens und Melancholie.

Wie die Geschichte endet, ob der dichtende Tyrann dem wahrheitsliebenden Philoxenos verziehen hat oder noch mehr über ihn ergrimmt ist, bleibt gleichgültig. Eine höhere Instanz, gegen die sich von jeher Latomien, Verbannung und selbst der Tod als machtlos erwiesen haben, hat hier rechtskräftig entschieden: der Humor. Die einen nennen ihn golden, andere göttlich oder unsterblich; was nichts anderes sagen will, als daß er, unabhängig von der Menschen Witz und Willen in der Welt wirkt als ein Naturgesetz, als Elementargesetz mindestens oder als eine Eigenschaft der Gottheit, ihrer Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit ebenbürtig.

Der Humor ist allgegenwärtig und souverän, den lebendigen Wesen und den Dingen gleich eigentümlich. Niemand entrinnt ihm, er ist das himmlische Maß, mit dem alle Wurde und Eitelkeit der Welt gemessen wird. In ihm durchschaut die Welt sich selbst. Darum kann ich nicht glauben, daß er versagt oder sich verkrochen haben soll, er, den nicht einmal die Nähe des Krieges zu schrecken vermochte. Ich erinnere mich unter anderem eines schwer verwundeten Offiziers im Keller von Fontaine, der die Ärzte, während sie seine Wunde versorgten, durch seinen Humor so zum Lachen brachte, daß sie fast nicht weiterarbeiten konnten. Auch die übrigen Verwundeten hoben die Köpfe und lächelten unter Schmerzen. Furchtlosigkeit ist ja gerade seine erhabenste Tugend.

Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ist ein anmutiges Gleichnis für die Tugend: Wie auf alten Gemälden zuweilen eine Person sich aus dem Bilde an den Beschauer wendet und auf den dargestellten Vorgang mit gestrecktem Finger weist, über den Rahmen hinaus als Vermittler figurierend, so deutet bei Andersen ein kleines Kind auf den würdig wandelnden König und ruft mit heller Stimme: "Er hat. ja gar nichts an!" Dieses Kind ist der Pütto des Humors, das, was Amor in der Liebe ist. Er läßt sich nichts weismachen. Er gibt die Erlaubnis zum befreienden Lachen. Ihm ist im Märchen die Aufgabe zugefallen, auszusprechen, was die Großen in ihrer Angst, für dumm zu gelten, kaum sich zu denken trauten: Er hat ja gar nichts an! Er gibt den gefangenen Herzen die Freiheit wieder und öffnet Augen und Münder.

Es macht das Märchen besonders liebenswert und persönlich, daß der König weder erzürnt noch die Haltung verliert, sondern in Würde weiterschreitet. Er ist eben doch der König.