Unser Herr Vater" heißt das liebenswürdigheitere Buch des Amerikaners Clarence Day (erschienen bei Rowohlt, übersetzt von Hans Fallada), in dem der 1935 gestorbene Autor mit Spott und Liebe das temperamentvolle Leben in seinem Elternhaus beschreibt. Hauptpersonen! Der Herr Vater, der tobende Tyrann mit dem weichen Herzen, und Mutter mit schneller Zunge und hinterlistigem Charme. "Die häusliche Atmosphäre bei uns war stürmisch, aber es war Leben darin, es war immer etwas los." Es spricht für die New Yorker, daß sie sich acht Jahre lang am Broadway diesen irgendwie auch karikierenden Spiegel vom selbstzufriedenen Bürger vorhalten ließen, denn inzwischen war von zwei tüchtigen Routiniers ein Theaterstück daraus geworden, kondensiert, verdünnt, schablonisiert. Man sah jetzt "Leben mit Vater" im neuen Hamburger "Star-Theater" am Besenbinderhof mit dem herrlich polternden Paul Dahlke, der bezaubernd durchtriebenen Hilde Hildebrand und ihrem Münchener Ensemble (auch die Hamburger Kammerspiele brachten das Erfolgsstück schon, da hieß es "Herr im Hause"). Auch in Hamburg erkennen die Zuschauer sich selbst wieder und finden das Geschehen typisch. Die Inszenierung ist flott, die Pointen fallen rasch und zünden. Und dennoch kann das Stück mit dem feinen Buch von Clarence Day nicht konkurrieren. Wie eilig und unkonzentriert sind wir geworden; statt uns die Muße für ein gutes Buch zu nehmen, lieben wir es, uns den kondensierten Extrakt in zwei Stunden vortragen zu lassen. Denn ein Theaterstück ist dies nicht. Man hofft es zwar nach den ersten turbulenten Bildern, daß eines daraus werden könnte, aber dann geschieht nichts mehr; alles dreht sich im Kreise. Die von den Theaterautoren eingefügte Taufe des alten Sünders reicht nicht aus, den Knoten zu schürzen, und die Szenen mit dem Pfarrer könnten für eine Komödie delikater sein. Aber der Lacherfolg ist groß.

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In dem amerikanischen Film "Draufgänger" (Boom Town) ist ein Roman von James Edward Grant im Extrakt wiedergegeben. Hier lohnt sich das Verfahren. Ein Schmöker vom modernen Run auf das Erdöl, ähnlich der fiebrigen Atmosphäre der Goldgräberzeit, ist in turbulente dramatische Bilder übersetzt worden. Clark Gable (nun schon älter, aber immer noch ein Draufgänger mit großen Momenten) und Spencer Tracy (seit "San Francisco" sind die beiden unvergeßliche Partner) sind zwei boxende Helden und Spekulanten, Freunde und Rivalen im Auf und Ab des großen Boom (der Öl und Geld bringt) und (ohne Öl und ohne Geld) auf der Suche nach einem neuen Job. Claudette Colbert und Hedy Lamarr erhöhen die Zahl der Stars auf vier. Ein hinreißender Reißer.

Erika Müller

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Dem Schauspieler Theo Lingen, der so oft Diener im Film und Theater darzustellen hatte, kann man es kaum übelnehmen, wenn er – gewissermaßen als Extrakt aller Erfahrungen, die er im Laufe seines Schauspielerlebens mit seinen Rollen machte – selber einen "Johann" erdichtet. In diesem "Johann" des Autors Lingen sind also die Pointen und Bonmots, die hundert "Johanns" aussprachen (oder wie viele mögen es sein, die Linien bisher spielte!) zusammengefaßt und fallen Schlag auf Schlag, so daß die Zuschauer aus dem Lachen nicht herauskommen. Und bei diesem Lachen über Theo Lingen (der bei der Aufführung seines Stückes im Hamburger Thalia-Theater diesen seinen Johann persönlich spielte) vergaß man, daß die Zeiten, da solche Diener die kleinen und großen moralischen Bleseuren ihrer Herren ausbügelten, da sie Schicksal spielen mußten, weil der Herr Graf dazu schon längst zu müde geworden war, vorbei sind. Man vergaß, daß die kleinen Geistreicheleien (die das Stück und die Zeiten, aus denen es seine Figuren nahm, boten) sicherlich von vielen jungen Menschen heute gar nicht mehr so recht begriffen werden, weil sie diese Kunst, leicht und mit Charme zu leben (ohne deshalb oberflächlich zu sein) meistens ohne ihre eigene Schuld verlernt haben. P. Hühnerfeld