Von Walter D. Schultz

Dem Recht, denken und aussprechen zu dürfen, daß zwei mal zwei vier ist und nicht drei oder fünf, daß Lüge Lüge und Wahrheit Wahrheit bleibt, auch wenn ein "staatspolitisches" oder ein parteipolitisches "Interesse" das Gegenteil verlangen, diesem Recht widmet George Orwell, der englische Essayist, Kritiker, Dichter und Denker, sein neues Buch "1984", 1948 geschrieben, bei Secker und Warburg, London, soeben erschienen. Das Buch ist ein geistiges Ereignis,

Die klassische "Utopia" von Sir Thomas More wird nun, 433 Jahre später, mit einer neuen Utopie, mit "1984" fortgesetzt. Allerdings: während Thomas More an das Gewissen, die Vernunft, an Güte, Schönheit und Würde appelliert, stachelt Orwell die Kräfte gegen den seelischen Tod durch die Darstellung miserabler Uniformität in der totalen Politisierung des Lebens, durch eine drastische Wirklichkeit an, wie sie einmal sein könnte, wenn die Fragwürdigkeit des nur technischen Fortschritts nicht erkannt, wenn nicht Änderung geschaffen wird, wenn der Geist nicht siegt und statt seiner der Apparat triumphiert. Thomas More bediente sich des phantasievollen Optimismus, George Orwell nutzt einen phantasievollen Pessimismus, um aufzurufen, die Gesellschaftszustände zu ändern, die Gefahren zu erkennen. Beide wollen eine vernünftige, eine anständige menschliche Gesellschaft.

Der politisch-satirische, utopische Roman "1984" versetzt uns in eine Zukunft, da es nur noch drei Mächte auf Erden gibt: Eurasien, Ostasien und Ozeanien. England ist nicht England mehr, sondern "Luftbasis Eins", Teil Ozeaniens, und London eine im schleimigen Dreck verkommende Stadt. In Ozeanien herrscht "die Partei", in ihr "Big Brother"; ungesehen, nur geahnt, aber jedem gegenwärtig und offenbar, starrt er in Großformat von riesigen Plakaten, von Häuserfassaden und Wohnungswänden, unentrinnbar, "mit Augen, die überall folgen, wo man auch steht". "Die Partei" erfaßt die gesamte Staatshierarchie, und das sind alle, mit Ausnahme der Arbeitstiere, der Proleten. Systematisch verdummt wie sie sind, ist ihnen jeder Wunsch nach Änderung ihres Termitendaseins verlorengegangen, da ihnen der Gedanke, daß es anders sein könnte, durch das Fehlen von Vergleichsmöglichkeiten nicht kommt; und doch sind sie es, die noch ein irgendwie geartetes individuelles Leben leben, solange sie kuschen, da "die Partei" sie von der eisernen Kontrolle des Apparates ausnimmt. Sie aber dienen durch ihre Arbeit dem Dauerkrise, der abwechselnd mit Eurasien oder Ostasien geführt wird und organisch zu diesen drei Regimen der Erde gehört. Der Herrscher über Ozeanien will die Permanenz seiner Macht nicht nur durch die Beherrschung des Apparates, er will die Menschen von innen her beherrschen, er wandelt sie in Apparate, entkleidet sie des Eigenwillens. Das "Doppeldenken" wird zur existentiellen Notwendigkeit. Ein Denken, wobei zwei sich ausschließende Thesen, wobei logische Widersprüche im Bewußtsein nebeneinander bestehen; die Bewußtseinsspaltung wird Normalzustand: Zwei mal zwei ist vier oder drei oder fünf, je nach Bedarf des Staates, "der Partei", oder nach SEINEM Ermessen. "Big Brother", der Allweise, Allmächtige, Allfürchterliche ist die menschgewordene moderne Gottheit, die den religiösen Gott längst verdrängte. Dieser Gott huldigt der Relativität in letzter Konsequenz.

Das "Ministerium der Wahrheit" in Ozeanien dient der Lüge. Die Staatsparolen, die es predigt, lauten: "Krieg ist Frieden" "Freiheit ist Sklaverei", "Dummheit ist Macht". Neben die absolute Wahrheit in sofort die relative des Partei-Staatsinteresses gestellt. Das kritische, kausale Denken wird zum Staatsverbrechen, das von einer "Gedankenpolizei" verfolgt wird. In ihrem Hauptquartier, dem finster-fensterlosen, Schweigenden, grauen, klotzigen "Ministerium der Liebe", werden Staatsketzer durch die Folter "umerzogen" oder "liquidiert". "Vapourisiert", verdampft und ausgelöscht nennt es die von "der Partei" geförderte "Neusprache", die eine Versimpelung der Begriffe betreibt und damit eine Primitivierung des Denkens, mit dem Ziel, schon vom Denken her staatsgefährliche Regungen unmöglich zu machen. Wie das "Ministerium des Überflusses" den Mangel, so organisiert das "Ministerium des Friedens" den Krieg. Die obligatorischen "Zwei Minuten Haß" jeden Tag und das erpreßte Halbzölibat für Parteimitglieder sorgen für die dauernde Kriegshysterie. Zweifler am Staat werden von der "Gedankenpolizei" mit Hilfe einer raffiniert angewandten Psychologie entdeckt, die selbst unbewußte Gesten, den Gang, den Blick zu deuten vermag. An jedem Ort dient ein sinnvoller Fernseh- und Radioapparat, "Teleradio", der Gedankenkontrolle, denn er plärrt nicht nur ohne Unterlaß offizielle Propaganda, sondern er macht, umgekehrt, auch der "Gedankenpolizei" den Hörer sichtbar und hörbar.

"Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit" – das ist die Erkenntnis "der Partei". So erfährt es Winston Smith, die Hauptfigur des Romans, von einem Freund. Winston ist Beamter im "Ministerium der Wahrheit" und damit beschäftigt, täglich Dokumente, Zeitschriften, Zeitungen, Bücher zu "überprüfen", schon gefälschte "Tatsachen" von gestern noch einmal und immer wieder auf die Parteilinie von heute "auszurichten" und umzufälschen. Die korrigierten Dokumente werden eingestampft, die "aktuelle" Version neu gedruckt. In der "Neusprache" heißt man diesen Prozeß "Realitätskontrolle". Durch ihn wird die Vergangenheit so unwirklich, wie es die Gegenwart ist. Realität, Wahrheit, Tatsache ist, was "Big Brother" nützt, der Partei, dem Staate dient. Der Geist ist bezwungen, die Geschichte nichtexistent, die Erinnerung ausgelöscht, der Determinismus aus Menschenhand triumphiert, etwas Neues, Endgültiges, die Überlüge entsteht. Winston zweifelt dennoch; ihn plagen vage Kindheitserinnerungen, ihn plagt das Gewissen, die Sucht nach Wahrheit. Nicht nur das, er verfällt dem anarchischen, staatszersetzenden Wunsch nach einem Privatleben, verliebt sich gar, sucht eine legendäre "Brüderschaft", die Opposition – und scheitert, wird unweigerlich entdeckt. Sein Freund, der sich als Inquisitor entpuppt, sein Freund O’Brien, an den er glaubte, spannt ihn auf die Folter, zerbricht ihn, erzieht ihn um, zwingt ihn zur Liebe zum "Big Brother". Mit Erfolg – Smith ist nun ein gintrinkender Niemand, ein lebendiger Toter ohne Ich.

Natürlich ist "1984" ein Schlüsselroman für den, der ihn so zu lesen versteht. Für andere ist er ein grauenhafter Zukunftstraum, der durchaus seine Beziehungen zum Heute hat. Doppeldenken, Geschichtsfälschung, Gedankenpolizei, Lüge, Folter, Liquidation, Sklaverei – ist nicht das alles bereits Wirklichkeit?