Der künftige amerikanische Hohe Kommissar für Deutschland, John J. McCloy, hat gelegentlich einer Pressekonferenz in Washington mitgeteilt, die Regierung der Vereinigten Staaten habe beschlossen, Westberlin in den Marshall-Plan einzubeziehen. Die USA, so fuhr er fort, würden alles tun, den Berlinern zu helfen, doch – und hier hob er gewissermaßen den Zeigefinger – dies solle keineswegs bedeuten, daß man in Amerika gewillt sei, das Defizit der Stadt allein zu tragen. Daß dies nicht heißen kann, auch die anderen westlichen Besatzungsmächte sollten an dieser Unterstützung teilnehmen, liegt auf der Hand. Gemeint sind wir. Und wer von uns noch einen Rest von Schamgefühl hat, dem wird bei dieser Ermahnung das Blut in die Wangen steigen: der amerikanische Hohe Kommissar hält es für seine Pflicht, die Deutschen anzuhalten, sich ihrer tapferen, unglücklichen Hauptstadt anzunehmen.

"Westdeutschland hat uns verraten – diesen bitteren Satz hört man immer wieder in Berlin. "Schöne Reden haben seine Politiker gehalten über die deutsche Einheit, über brüderliche Gefühle des Westens. Wir haben ihnen zugejubelt, und sie sind mit stolz geschwellter Brust nach Hause gefahren. Sie haben uns Hunderte von Millionen an Krediten versprochen; denn damals glaubte man noch, auch Berlin werde Abgeordnete zum Bundestag wählen, und man bemühte sich um unsere Stimmen. Nun, die Besatzungsmächte erlaubten uns nicht, zur Wahlurne zu gehen, und prompt sind die Millionen ausgeblieben. Da sahen wir, was wir von unseren ‚Brüdern im Westen‘ zu erwarten haben. Und hat nicht gerade Westdeutschland sein gerüttelt Maß von Schuld daran, daß es uns heute so schlecht geht?"

Es begann mit der abrupten Einführung der D-Mark als einzigem Zahlungsmittel für Westberlin. Politisch mochte dies seinerzeit gerecht- – fertigt sein, wirtschaftlich hat es einen Schock hervorgerufen, der heute noch nicht überwunden ist. Von der Wirtschaft her gesehen, wäre es zweifellos besser gewesen, den Übergang allmählich herbeizuführen. Man erinnere sich: Beide Währungen, Ost- und Westmark, existierten in den Westsektoren nebeneinander. Die Löhne und Gehälter wurden im Verhältnis drei Viertel Ost-Mark, ein Viertel Westmark ausgezahlt. Auf dieser Basis waren alle Kalkulationen aufgebaut; auf ihr beruhte das so fragile Wirtschaftsgefüge von Westberlin. Durch die plötzliche Umstellung auf D-Mark wurde alle vorausschauende Planung des Magistrats, der Wirtschaftsverbände und ebenso auch der Einzelfirmen über den Haufen geworfen. Und es begann von beiden Seiten, vom Osten wie vom Westen, der Angriff auf die Wirtschaft von Westberlin.

Es ist leicht reden: "Westberliner, kauft in Westberlin." Wenn die Westmark gleich rund sechs Ostmark steht, ist es äußerst verlockend, sein Westgeld zu wechseln und im Osten zu kaufen. Die Berliner Hausfrau muß sehr genau rechnen. Löhne, Gehälter, Pensionen und Renten liegen unter dem Niveau der Westzonen. So sind denn die Friseurläden, die Restaurants, die Lebensmittel-, Textil- und Spielzeugläden, um nur einige Beispiele zu nennen, im Westen von Käufern leer und im Osten überfüllt. Auf-diese Weise fließt ständig Westmark in den Osten, sie geht der Wirtschaft der Westsektoren verloren. Und brauchen die Sowjetzonenverwaltung oder die SMA darüber hinaus noch mehr westdeutsche Valuta, dann vervielfacht sich plötzlich die Menge jener Gestalten, die man an allen belebten Stellen trifft, die mit gedämpfter Stimme "Amis" anpreisen oder mit den Worten "Ost-West" einen schwarzen Geldumtausch anbieten. Die Zigaretten kommen über Polen mit Genehmigung der SMA in die Sowjetzone. Das Ostgeld wird den Verkäufern von zentraler Stelle der Ostzone geliefert. Die Summen, die auf diese Weise aus den Westsektoren abgezogen werden, sind nicht klein. Im Verhältnis allerdings zu der Unterbilanz dem Westen gegenüber sind sie gering ...

Im Juni dieses Jahres hat Westdeutschland für rund 130 Millionen DM Waren nach Westberlin "exportiert". In der umgekehrten Richtung jedoch sind in der gleichen Zeit nur Waren im Betrag von 35 Millionen DM geliefert worden. Das bedeutet also innerhalb eines einzigen Monats ein Defizit von rund 95 Millionen DM. Die Westberliner Läden sind voll gepackt mit unverkäuflichen Waren aus Westdeutschland, und doch dauert der Strom vom Westen her immer noch an. Da kaum ein Geschäftsmann mehr in der Lage ist, die Waren, die angeliefert werden, aufzunehmen, verkaufen westdeutsche Unternehmer ihre Ladung vom Lastwagen herunter auf der Straße, so den unter schweren Bedingungen arbeitenden Berliner Handel mit unfairen Methoden unterbietend. "Dies", so erwidert man den empörten Berlinern von westdeutscher Seite, "ist eben freie Wirtschaft." "Nein", antworten sie mit einigem Recht, "dies ist Freibeuterei."

Es ist gewiß nicht so, daß die deutschen Westzonen eine so unheilvolle Handelspolitik planmäßig und bewußt haben treiben wollen. Vielmehr haben Planlosigkeit und Gedankenlosigkeit der Politik dazu geführt, daß dem Wirtschaftsegoismus der westlichen "Exporteure" Tür und Tor geöffnet wurden. Berlin ist immer ein Platz der Veredelungsindustrie gewesen. Berliner Arbeiter waren auf diesem Gebiet in Deutschland unschlagbar. Was Berlin also braucht, war und sind in erster Linie Halbfabrikate und Rohstoffe, Zu ihrem Einkauf jedoch ist die Berliner Industrie auf langfristige Kredite angewiesen. Zwar sind Kredite anfänglich gegeben worden, aber offenbar wurden sie fehlgeleitet und durch den aufgespeicherten Konsumbedarf abgelenkt. Die Berliner Industrie wurde nicht angekurbelt, es entstand vielmehr eine erhebliche Arbeitslosigkeit, die immer noch zunimmt.

Man beschwert sich in Berlin mit Recht darüber, daß Berliner Industriefirmen, die die Neigung zeigen, ihren Betrieb nach Westdeutschland zu verlegen, von deutschen Ländern und Gemeinden für eine längere Zeit Steuerfreiheit zugesichert erhalten, die ihnen ermöglichen soll, im Westen ein neues Wrek aufzubauen oder ein bestehendes zu erweitern. Diese Firmen handeln in der Mehrzahl der Fälle aus Not. Ihnen fehlen Kredite und Unterstützung, die nur der Westen liefern könnte. Es mangelt im Westen auch an der Bereitwilligkeit. Aufträge nach Berlin zu vergeben. Nur von einer westdeutschen Firma und sie sei deshalb hier ausdrücklich genannt von der Preussag ist bekanntgeworden, daß sie an ihre Betriebe eine Anweisung gegeben hat, alle Aufträge, die früher nach Berlin gingen, wieder dorthin zu lenken. Diesem vorzüglichen Beispiel jedoch stehen leider weitere nicht zur Seite.