Von Ernst Single

Seit eh und je stehen wir im Verruf, eine verschlafene Rheinsiedlung von Spießern zu sein. Man pflegt sich den Karlsruher als einen pensionierten Steuersekretär vorzustellen, der muffelnd in der Sonne sitzt und seinen Gartenkohl betrachtet, indes sein Eheweib Grütze kocht und traurige Lieder singt. Daß er gern einen Schoppen Wein trinkt, wird ihm ebenso übel vermerkt wie die Unfähigkeit, eine blutige Revolution auf den Tisch der Geschichte zu legen oder seine Nähmaschinenfabriken richtig generalstreiken zu lassen. Unsere Straßen seien sauber, aber fad, wir selbst bieder, aber dumm.

Nun bemühen wir uns seit 233 Jahren, die Welt davon zu überzeugen, daß unsere Biederkeit verhaltene Dämonie ist und unsere Einfalt maskierte Schläue. Aber man glaubt es uns nicht. Eine Stadt, deren Schöpfung auf einer fürstlichen Ruhelaune beruhe, sei zum Ruhen geradezu verdammt. Dabei ist es nicht einmal historisch, daß Markgraf Karl Wilhelm mit dem Barte, der Verehrer origineller Einsamkeit, die zweiunddreißig Alleen nach dem Strich der Windrose in den Hardtwald hieb, nur damit seine Landeskinder sich an deren Rainen zum Schlafen niederlegen sollten. Und das haben die Landeskinder dann auch gar nicht getan. Sie haben gegen Napoleon konspiriert, 1848 eine richtige Revolution gemacht, bei der sogar ein preußischer Rittmeister ernsthaft zu Schaden kam, sie haben im Mordprozeß Hau die rothaarige Olga Molitor im Jahre 1906 mit Steinen beworfen und 1918 ihren Großherzog ordnungsgemäß abgesetzt. Sie haben sich geschichtlich betätigt, wo immer sich eine passende Gelegenheit bot.

Dies alles hat uns nicht Ansehen, sondern Spott eingetragen. Unsere östlichen Nachbarn, die Schwaben, erachten uns nicht einmal einer rechten Erbfeindschaft für würdig. Sie bemitleiden uns wie einen kleinen Bruder, der im Geiste etwas zurückgeblieben ist und dem man die schönsten Murmeln nach Belieben abfuggern kann. Solche Murmeln sind: der Rheinhafen, die Weltruf genießende Technische Hochschule und die Wasserstraßendirektion. Die Schwaben wollen sie uns wegnehmen oder kleinschlagen, weil wir doch nichts mit solchen komplizierten Einrichtungen anzufangen wüßten. Im Badisch-Württembergischen Landtag sind die Badener nicht nur in der Minderzahl, sie scheinen den flinkzüngigen Schwaben auch an Beredsamkeit unterlegen.

Gewaltanwendung liegt ihnen nicht. Höfliche Leute nennen das "konservativ". So schrieb vor einiger Zeit eine Münchner Zeitung in ihrem Theaterbrief, das konservative Karlsuher Publikum habe den Schock, den es durch die Aufführung der "Rechenmaschine" seinerzeit erfuhr, bis heute nicht verwunden, und zuletzt seien von den 1200 Sitzplätzen des Konzerthauses bei diesem Stück nur noch deren dreißig eingenommen worden. Nun, das kann ebensowohl auf snobistische wie auf konservative Haltung der Karlsruher schließen lassen. Denn Leichensteine und Leute, die ihren Kopf unter dem Arm tragen, sind hier schon vor einem halben Jahrhundert auf der Bühne zu sehen gewesen, und vielleicht hat dieser expressionistische Spätling die Karlsruher weniger erschreckt als gelangweilt.

Es wäre verfehlt, unsere gemäßigte Haltung just zu einem Zeitpunkt zu ändern, da die übrige Menschheit den Radikalismus schmollend den Rücken zu kehren beginnt und sich wieder auf unsere biedere Mitte zubewegt. Wir können es abwarten. Wo keine Schornsteine in den Himmel wachsen, da stürzen auch keine ein, und wo kein Aas ist, da sind auch keine Geier. Bis zur Währungsreform ruhte das Karlsruher Nachtleben auf den Schultern eines einzigen müden Pianisten, der Schwarzhandel stützte sich auf zwei arbeitslose Kellner und einen Studenten, und auch sonst geschahen keine Gewaltverbrechen. Daß wir damals selbst in den Elendserscheinungen nicht "kolossal", waren, mag uns einmal mehr den Spott der Mammutstädte eingetragen haben, wir selbst konnten ob solcher Rückständigkeit nicht unfroh sein. Inzwischen sind Industrien angesiedelt und die Neubürger menschenwürdig untergebracht worden. Die Arkadenanlage der Kaiserstraße beginnt sich abzuzeichnen. Im neuentstehenden Botanischen Garten sitzen die Maler zu Dutzenden mit Front gegen das Hoftheater und halten die imposante Trümmersilhouette für die Nachwelt fest. Wenn gesagt wird, Karlsruhe sei "nichts für Künstler", so sollte man die Wirte der kleinen butzenfensterigen Weinstuben fragen, wieviel sie schon wieder aus Liebe zur Kunst hinter das Handtuch gekreidet haben. Wer aber einmal an einem Sommerabend auf dem Durlacher Turmberg stand und über die Rheinebene zu den Haardtbergen hinübersah, dem geht erst auf, wie liebenswert dieses Stück Gottesland ist.

Wenn Karlsruhe in dem Verruf steht, eine konservative Stadt zu sein, so steht sie in einem guten Verruf. Ein Spießer wird zwar selten ein Weiser genannt, aber es mag sich leicht einstellen, daß ein Weiser neidvoll ein Spießer, geheißen wird. Wir wollen nicht gerade sagen, daß es sich damit verhält wie in dem Rennen zwischen dem Hasen und dem Igel. Aber ein bißchen Großsprecherei auf der einen und ein bißchen schmunzelnde Schläue auf der anderen Seite sind auch hier deutlich im Spiele.