Von unserem Schweizer Korrespondenten

R. K. N., Zürich, irrt August

Aus Bern wird bekannt, daß die eidgenössischen Behörden beabsichtigen, nach langer Unterbrechung abermals Gold an Private abzugeben. Dies soll geschehen, um den von der andauernden Geldfülle ausgehenden Druck auf den Zinssatz zu mildern und die liquiden Mittel teilweise neu zu binden. Diese Überliquidität der Schweiz kommt vor allem daher, daß heute noch immer in vielen Branchen die Verdienstsituation der Höchstkonjunktur fortbesteht, eine weitere Investitionstätigkeit in der schweizerischen Wirtschaft aber angesichts ihrer Rückbildung zur Normalkonjunktur und der weichenden Welthandelspreise nicht mehr im gleichen Maße erfolgt wie in den letzten Jahren. Wie die schweizerische Fabrikstatistik zeigt, wurden im letzten Quartal 19 Fabriken liquidiert, während in der Vergleichsperiode des Vorjahres noch 84 neue gegründet worden sind. Da aber Anlagen im kapitalsuchenden Ausland nicht leicht möglich sind und die Hoffnungen, die schweizerische Finanzkreise vor allem auf die Öffnung des deutschen Marktes für schweizerische Investitionen gesetzt haben, noch unerfüllt sind, weil sie wirtschaftspolitisch zu riskant bleiben, hält der Kapitaldruck im Inland an.

Kapitalanlage ist hier zu einem der schwierigsten Probleme geworden. Die Überliquidität macht es, daß schon die Versicherungs- und Rentenanstalten, vor allem der riesige und stetig wachsende Fonds der allgemeinen Alters- und Hinterbliebenenversicherung, Schwierigkeiten findet, die Gelder zu placieren. Und die ungeheuren Mittel, die von hier aus auf den Anlagemarkt Strömen, machen es Privaten fast ausgeschlossen, interessante und zugleich sichere Anlagen zu finden. Die Überliquidität drückt auf den Bankzinsfuß, und da diese Zinsen noch durch Steuern erheblich belastet sind, wird eine Bankanlage reizlos.

Die zunehmende Jagd auf Anlagemöglich-Seiten drückt sich in der seit Wochen anhaltenden steigenden Tendenz auf den schweizerischen Effektenmärkten aus. Die in der Schweiz fast ohne Unterbrechung steigenden Kurse deutscher Emissionen spiegeln in besonderer Weise die veränderte deutsche und schweizerische Wirtschaftslage. Freilich liegen die Gründe für die enormen Kursgewinne bei weitem nicht ausschließlich in den deutschen Verhältnissen. Gewiß hat die Konsolidierung der westdeutschen Wirtschaft seit der Währungsreform, die sich auch in der Hausse der D-Mark zeigt, die Meinung der Börse für diese Papiere wesentlich beeinflußt. Die wirtschaftliche Sicherheit, das ausschlaggebende Moment für jede Anlage, die noch vor der Währungsumwandlung gleich Null geschätzt wurde, ist seither zunehmend gegeben. Hinzu kommt, daß das seit 1. Oktober 1947 eingeleitete Zertifizierungsverfahren für deutsche Papiere auch die Rechtssicherheit des Handels mit ihnen erhöht hat, da das Affidavit eine Kontrolle der Besitzrechte erlaubt, die in der Zeit nach dem Zusammenbruch, als Mengen deutscher Werte, vor allem aus der Ostzone in die Schweiz strömten, mitunter höchst fraglich waren. Da hiesige Börsenkreise auch von dem in Vorbereitung befindlichen Wertpapierbereinigungsgesetz eine weitere Normalisierung des deutschen Effektenmarktes erwarten, läßt sich zusammenfassend sagen, daß die verbesserte deutsche Wirtschaftslage zusammen mit den den Handel stimulierenden technischen Börsenmaßnahmen für die Hausse der deutschen Emissionen die Initialzündung gegeben hat.

Damit sich aus diesem an sich gewiß noch bescheidenen Impuls eine tatsächliche Hausse entwickelte, bedurfte es freilich noch anderer gleichgerichteter Kräfte, die eben aus der Überliquidität der Schweiz kommen. Die Schwierigkeit der Kapitalplacierung und die beschränkten Anlagemöglichkeiten im Ausland haben die Nachfrage nach allen Werten stimuliert, die irgendeine Sicherheit geben. So wurde eine belgische Eisenbahnanleihe, die vor einigen Wochen aufgelegt wurde, sofort weit überzeichnet. Es laufen Anleiheverhandlungen der französischen Staatsbahnen und es ist eine allgemeine Aufwärtsbewegung österreichischer, bulgarischer, brasilianischer, dänischer und ungarischer Werte, in bunter Reihe zu notieren, so daß die Hausse der deutschen Papiere als Folge einer intensivierten Anlagesuche schweizerischer Kapitalien nur eine Teilerscheinung auf dem hiesigen Markte ist.