An welchem Punkte eigentlich sind die Verhandlungen zwischen der Sowjetunion und den Westmächten angelangt? Welche Aussichten haben sie? Sind diejenigen im Recht, die eine Kriegerische Auseinandersetzung für unvermeidlich halten, oder jene anderen, die an eine baldige friedliche Lösung aller Streitfragen glauben? Mit einigem Recht wurden diese Fragen überall in der Welt wieder einmal gestellt, als man hörte, daß der neue amerikanische Botschafter in Moskau, Allan Kirk, eine Unterredung mit Marschall Stalin gehabt habe. Zwar handelte es sich unbezweifelbar nur um einen Akt internationaler Höflichkeit, um den Antrittsbesuch eines neuernannten Diplomaten, der bei dieser Gelegenheit die übliche allgemeine Erklärung abgab, und, wie berichtet wird, außerdem gesprächsweise zwei Themen anschnitt, die gewiß nicht weltbewegend sind: die Störung der amerikanischen Auslandssendungen durch sowjetische Sender und die Abdeckung der sowjetrussischen Schulden aus den Pacht- und Leihverträgen der Kriegszeit, Auch der neue englische Botschafter Sir David Kelly hat kürzlich bei Stalin, wie es internationaler Höflichkeit entspricht, einen ersten Besuch gemacht. Darüber hat sich seinerzeit niemand aufgeregt. Diesmal jedoch hat die sowjetrussische Presse die Nachricht der Audienz in erstaunlich großer Aufmachung gebracht, und diese befohlene Propaganda – nur sie einstweilen – hat das Ereignis in der Tat bemerkenswert gemacht. So sind denn die vielen besorgten Fragen, die man überall hört, durchaus zu verstehen.

"Krieg, warum sollte ich Krieg mit Europa führen", soll, so wird berichtet, Stalin gelegentlich eines Interviews zu Rosita Forbes gesagt haben, "Europa zerstört sich selbst." Es spricht vieles dafür, daß diese Äußerung wirklich gefallen ist. Bekanntlich ist das ganze Politbüro, einschließlich Stalins, der Ansicht, es müsse – dieses haben ihnen Marx und Lenin versprochen – demnächst zu einer großen Wirtschaftskrise in der westlichen Welt kommen, diese Krise aber mit Zusammenbrüchen, Arbeitslosigkeit, Streiks und Unruhen werde der Sowjetunion Gelegenheit geben, im Trüben zu fischen und Europa ebenso friedlich zu schlucken wie seinerzeit die Tschechoslowakei. Daß sich dies jedoch nicht so verhält, daß diese erwartete Krise aller Voraussicht nach nicht kommen wird, weil die Vereinigten Staaten heute in der Welt eine so überragende Wirtschaftliche Stellung einnehmen, daß sie es sich leisten können, einen Teil ihrer Produktion zu verschenken, daß also die Gefahr einer Absatzkrise für die USA im Augenblick gar nicht besteht, dies will der Kreml einstweilen noch nicht wahrhaben. Doch, wenn er sich einmal gezwungen sehen könnte, dies einzusehen, sollte er dann zur Erreichung seiner Ziele wirklich keinen anderen Ausweg haben, als seine Zuflucht zum Kriege zu nehmen? Was hatte er davon? Die Überlegenheit der amerikanischen Industrie, die nicht nur auf den Fabriken, sondern auch auf den Rohstoffen, der günstigen Lage an zwei Ozeanen, dem engen Verkehrsnetz und nicht zuletzt den Menschen beruht, kann er nicht beseitigen. Man denke im Vergleich nur einmal an den riesigen Raum Sowjetrußlands, das überall nur an Binnenmeere stößt, an seine vielfach ungünstigen klimatischen Verhältnisse, die dünne Besiedelung und an sein Verkehrsnetz, das in ganz Sibirien nur eine einzige durchgehende Bahn aufweist. Nein, Stalin ist kein Amokläufer wie Hitler, er plant keinen Angriffskrieg, der ihn zugrunde richten müßte. Er wird immer versuchen, nur Dinge zu unternehmen, die – wie jemand sagte, der ihn verhältnismäßig gut gekannt hat – zu 150 Prozent sicher sind.

Dennoch ist die Art, wie die Sowjetpresse den Besuch von Allan Kirk herausstellte, nicht unbedingt ein einwandfreier Beweis für eine friedliche Gesinnung des Kremls. Es kann Stalin durchaus im Sinn gelegen haben, mit den freundlichen Beziehungen, die zwischen Moskau und Washington möglich sein können, gerade in dem Zeitpunkt zu winken, in dem Bevin und Cripps zu den neuen Währungs- und Anleiheverhandlungen nach New York aufgebrochen sind. Die Dollarkrise im englischen Commonwealth noch zu verstärken, vielleicht einen Zusammenbruch der englischen Wirtschaft herbeizuführen, indem man den Amerikanern eine friedensbereite und ganz nachgiebige Sowjetunion vorgaukelt, die eine Unterstützung des englischen Bundesgenossen unnötig machen würde, das entspräche durchaus dem Charakter heutiger moskowitischer Außenpolitik.

Doch darf man über solche ein wenig einfältige Nebenzwecke die große Linie der sowjetischen Politik nicht vergessen, die im Spätsommer vorigen Jahres zu den Diplomatenbesprechungen in Moskau und im letzten Mai zur Aufhebung der Berliner Blockade und anschließend zu den Pariser Verhandlungen geführt hat. Die Anregung zu dieser Politik ging von der UdSSR aus; dies zu verschleiern, ist dem Kreml nicht gelungen. Auch die Überbewertung des Gesprächs zwischen Stalin und Allan Kirk ist sowjetischen Ursprungs und steht durchaus im Gegensatz zu den betont trockenen Kommentaren von Präsident Truman und Außenminister Acheson. In diesem Zusammenhang betrachtet, dürfte also die unerwartete sowjetrussische Propaganda rund um dieses Gespräch doch wohl ein Zeichen dafür sein, daß man im Kreml die Entspannung innerhalb Europas fortzusetzen wünscht,

Es war beim Abschluß der Verhandlungen in Paris ohnehin vorgesehen, daß gelegentlich der nächsten UNO-Tagung im September die vier Außenminister sich besprechen und eine neue Konferenz vorbereiten sollten. Ihre Stellvertreter sollten inzwischen den österreichischen Friedensvertrag vorbereiten und eine endgültige Fassung bis zum 1. September entwerfen. Gleichzeitig sollten auch die vier Militärkommandanten in Berlin versuchen, zu einer Einigung über alle strittigen Punkte in der Verwaltung der Stadt, dem Verkehr mit den Westzonen und dem Interzonenhandel zu gelangen.

Überblickt man nun flüchtig den Stand all dieser Verhandlungen, so könnte es zunächst scheinen, als zeige der Kreml wenig Bestreben, zu ernsthaften Ergebnissen zu kommen. Bei der Vorbereitung des österreichischen Staatsvertrages hat der sowjetrussische Botschafter Zarubin zwar die Forderung auf Grenzänderungen in Kärnten fallengelassen. Doch hat er gleichzeitig über die mündlichen Vereinbarungen von Paris hinaus Forderungen auf Übereignung von österreichischem Öl gestellt, die nicht, wie vorgesehen, 60 v. H., sondern rund 100 v. H. des Gesamtvorkommens umfassen würden. Auf keinen Fall jedoch sollte man hierin eine Absicht erblicken, die Verhandlungen zum Scheitern zu bringen, sondern nur einen neuen, erstaunlich offenherzigen Versuch herauszufinden, wie weit man mit einer gewissen Unverfrorenheit kommen könne. Daß die Sowjetrussen vielmehr aus Österreich wirklich herausgehen wollen, geht eindeutig aus der Tatsache hervor, daß sie gerade dabei sind, die Betriebe, für deren Rückgabe der österreichische Staat gemäß den Pariser Besprechungen 150 Millionen Dollar zahlen muß, vorher noch auszuplündern oder mit hohen Schulden zu belasten. Sie bieten auch bereits die 500 österreichischen Lokomotiven, die sie nach Ansicht der Westmächte zurückgeben müßten, im Ausland zum Verkauf an. Es sind dies zwar durchaus tatarische Methoden, aber sie sind wenigstens ein Anzeichen dafür, daß die Sowjetrussen endlich aus Österreich abzuziehen gedenken.

Auch die Verhandlungen der Berliner vier Kommandanten, so schwierig sie sich im Anfang durch den Eisenbahnerstreik gestaltet haben mögen, sind entgegen manchem äußeren Anschein nicht ohne jeden Erfolg geblieben. Der Interzonenverkehr beginnt, sich wieder "normal" zu entwickeln. Es ist auch eine Basis gefunden, Fragen verwaltungstechnischer Natur mit sachlicher Liebenswürdigkeit, wenn auch nicht immer mit Erfolg, zu behandeln. Immerhin ist es gelungen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der auch ernstere Probleme ruhig besprochen werden können.