Von Walter Henkel

Rüdesheim feiert vom 3. bis 11. September sein erstes Weinfest nach dem Kriege.

Gegen Mitternacht stehen fünfundzwanzig Berliner Ingenieure vor dem "Drosselhof" in der Drosselgasse, hören, von drei Saxophonisten ermuntert, daß im Dunkeln so schön schunkeln sei ... Hinein, meine Herrschaften! Hinein!

Ja, das von Bomben mehr als zur Hälfte zerstörte Rüdesheim ist nahezu wieder komplett; die weltberühmte Drosselgasse, wo Churchill, Amundsen und Alexander Moissi schon bedienen, und die 1945 nur noch ein fragmentarisches Überbleibsel war, ist wieder aufgebaut. Sicher ist einigen Besuchern Rüdesheims die Drosselgasse und ihr Wein eine Reparaturwerkstätte der Seele. Der Chronist sagt: einigen, nicht allen. Immerhin, die Illusion, daß es wieder so werden müßte, wie es früher war, besteht bei den Hoteliers. Auch der Bürgermeister rührt sich kräftig, und sein Engagement um den Fremdenverkehr ist beträchtlich. Das erste Rüdesheimer Weinfest nach dem Kriege, vom 3. bis 11. September, hält er für besonders. zugkräftig. Weinbrunnen und Weinkojen auf dem Marktplatz, Wahl einer Weinkönigin, die den königlichen Rheingauer Weinen eine königliche Landesmutter sein soll – warum sollte man das den Rüdesheimern verübeln?

Oben auf dem Niederwald, dreiviertel Stunde Fußwegs, steht die alte Mutter Germania mit ihren 640 Zentnern Bronze-Gewicht, Repräsentation und Demonstration der Kaiserzeit; sie ist, touristisch gesehen, noch heute, wenn das schiefe Bild erlaubt ist, eine Goldgrube, wenn auch politisch nicht mehr opportun. Walther Kiaulehn hat in diesen Tagen ein reizendes Weinbüchlein "Rüdesheimer Fragmente" herausgebracht und aus den tiefen Weinkellern einen Blick zur Germania hinaufgetan: "Uns zieht das Niederwalddenkmal an oder es stößt uns ab. Mir persönlich ist es fatal, ich habe etwas gegen bewaffnete Frauen und besonders, wenn sie allegorisch sind, denn das sind die gefährlichen. Sie stacheln die Schwarmgeister dazu an, die großen Pferde aus dem Stall zu holen und die Fehdehandschuhe von der Wand zu nehmen."

Vielen Leuten, nicht nur den Dichtern, sind solche Sachen fatal. Zum Beispiel auch den Franzosen, deren Besatzungszone auf der anderen Rheinseite liegt: sie wollten das Denkmal beseitigt wissen, aber die Amerikaner taten ihnen den Gefallen nicht. So liest man noch heute auf dem Denkmalsockel: "Es braust ein Ruf wie Donnerhall, wie Schwertgeklirr und Wogenprall ..." Der große Donner ist verhallt, ums melancholische Haupt der Mutter Germania kreisen die Raben, und die demonstrierenden Denkmäler jener Zeit sind Geschichte geworden. Seien wir nett zum Standbild auf dem Niederwald! Denn es müßte uns eine exemplarische Lehre sein ...

Aus den Bereichen der Politik steigen wir hinunter in die Keller und weiten Gewölbe von Rüdesheim. Asbach Uralt und Schultz-Grünlack sind die beiden Worte gewesen, die der Chronist noch zu notieren imstande war. Morgens um zwei Uhr im Schein einer Straßenlaterne. Gerade als die Berliner um die Ecke bogen und des Rheingaus Himmel für eine Baßgeige hielten.