Die Neuberechnung des Preisindex für die Lebenshaltung läßt wieder einmal die Frage zu, wieweit Statistik wahr ist. Nun, es stimmt, daß man mit Zahlen "jonglieren" kann – vorsichtig ausgedrückt. Man muß es aber nicht. Gerade die neue Arbeit des Statistischen Amtes für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet bezeugt den Wunsch unserer Verantwortlichen, ehrlich sein zu wollen; und dies, um einmal das Mißtrauen der Bevölkerung in statistische Veröffentlichungen herabzumindern, wenn nicht zu beseitigen; zum zweiten aber auch, um ein wirtschafts- und sozialpolitisches Führungsmittel in die Hand zu bekommen, das die Lebensäußerungen richtig widerspiegelt.

Der bisher verwandte Lebenshaltungsindex hat ein falsches Bild gegeben, weil sein Ausgangspunkt die Berechnung der Lebenshaltung nach den Maßstäben der Vorkriegszeit gewesen ist. Inzwischen hat sich die Bevölkerungsstruktur verändert, ist die Kaufrichtung eine andere geworden, liegen die Nominallöhne höher. Zudem beträgt, nach den Untersuchungen des Statistischen Amtes, das Warenangebot nur etwas über 70 v. H. des Vorkriegsstandes; die Nachfrage aber ist größer, weil die Bevölkerung um ein Viertel zugenommen hat.

Diesen Änderungen trägt der neue Index Rechnung. Statt der bisher als typisch angesehenen fünfköpfigen Familie (zwei Erwachsene, drei Kinder) legt er eine vierköpfige zugrunde (davon ein Kind unter vierzehn Jahren). Diese "typische" Lebensgemeinschaft gibt monatlich im Durchschnitt 270 DM aus. Davon werden angelegt für Ernährung 41 Anteile (bisherige Berechnung 36,1), für Genußmittel 7 (5,6), Miete 9 (13,1), Heizung und Licht 6 (8,1), Bekleidung 17 (15), Körperpflege 5 (5,8), Hausrat 5 (5,1), Unterhaltung und Bildung 7 (7,3) und Verkehr 3 (7,4).

Die einzelnen Ausgabengruppen haben nun aber verschieden hohe Preissteigerungen (Zahlen vom Mai 1949), die einzukalkulieren sind (1938 = 100): Ernährung 165,1; Genußmittel 293,6; Miete 100,3; Heizung und Beleuchtung 119,6 Textilien 231,5; Reinigung 159; Bildung 144,8; Hausrat 187,3 und Verkehr 135,2. So ergibt sich für April eine Indexziffer von 161 (1938 = 100) und für Mai 160,9 und für Juli 159,4. Nach der alten Methode wäre die Ziffer 143 gültig gewesen.

Mit diesen die Wirklichkeit widerspiegelnden typisierten Zahlen läßt sich’s arbeiten. Aus ihnen werden die Kaufkraftveränderungen (Nominallohn – Lebenshaltungskosten – Reallohn) abgelesen.

Die Höhe des gegenwärtigen Reallohns hat dabei das Statistische Amt (auf der neuen Basis) bereits ermittelt. Ein Arbeiter erhält danach an Kaufkraft rund 75 v. H. dessen, was er vor dem Krieg erhielt (heutiger Nominal-Wochenlohn 125,8; Stundenlohn 140,3; die Diskrepanz ist aus der Verkürzung der Arbeitszeit zu erklären). Auf alle Verdienenden bezogen beträgt das Sozialprodukt in den Westzonen aber nur 70 v. H. des Basisjahrs. Relativ hat also der Arbeiter innerhalb der Gesamtbevölkerung seine Position verbessern können. Gewerkschaftsfunktionäre werden diese Tatsache wohl mit Genugtuung registrieren, nicht aber gern verlauten lassen.

Absolut jedoch, sehen wir von den Verschiebungen innerhalb der Bevölkerung ab, gewinnen wir als Ergebnis eine Vorstellung von unserer Verarmung. Und dies besonders, wenn wir zum Vergleich die Situation in einem Lande, das nicht in den Krieg verwickelt war – der Schweiz zum Beispiel – heranziehen.

Kürzlich ist dort von einer Wochenzeitung zur Diskussion gestellt worden, was als typische schweizerische Durchschnittsfamilie anzusehen sei. Hier das Ergebnis: die Familie eines Modellschreiners einer Zürcher Maschinenfabrik – Frau und drei Kinder – ist demnach typisch.. Sie besitzt eine Vierzimmerwohnung mit Radio, Telefon, moderner Küche, elektrischer Waschmaschine und Staubsauger. Man hat ein Fachblatt, eine Illustrierte und zwei Tageszeitungen abonniert und besucht monatlich zweimal Theater, Oper oder Kino. Von den Ausgaben entfallen auf Nahrungs- und Genußmittel 42,6 v. H.; 24,5 v. H. auf Miete, Heizung und Beleuchtung; Steuern und Versicherungen beanspruchen 8,5 v. H.; Kleidung 83 und Sparen 3,4 v.H. Für "Sonstiges" sind 12,7 v.H. eingesetzt. Und nun das Monatseinkommen: 704,16 Schweizer Franken. Dies in DM nach Zürcher freiem Kurs umgerechnet, ergäbe rund 1000 Mark, über den amtlichen Kurs gerechnet knapp 600 Mark. Wenn aber Statistik wahr bleiben soll, ist keine der Umrechnungen angebracht. Der deutsche und der schweizerische Preisspiegel können so nicht verglichen werden. W-n.