Gw., London, Mitte August

Die Beispiele für "verhinderte" Marshall-Hilfe mehren sich. Zwei "Hindernisse" machen sich im Rahmen der bereits erfolgten Bewilligungen von Geldern bemerkbar: die Einschränkung von Einkäufen außerhalb der USA mit ERP-Fonds und die Verweigerung von Angeboten aus den USA.

Aus den britischen Erfahrungen ist bekannt, daß Weizen und Käse offiziell zu "Überschußgütern" in den USA erklärt worden und damit automatisch von ERP-Bewilligungen für Käufe außerhalb der USA ausgeschlossen sind. Jeden Tag können weitere Produkte hinzukommen, denn jeden Tag werden neue "Überschüsse" in den USA von den beteiligten Kreisen entdeckt. Und selbst bevor die ECA in Washington eine Ware auf die "schwarze Liste" setzt, gibt es tausendundeine Möglichkeit, Marshall-Dollar ausländischen Lieferanten vorzuenthalten. So wurde die Zuteilung der ECA für britische Speck kaufe in Kanada um 2,5 Mill. $ oder mehr als die Hälfte gekürzt, weil es "nicht ganz ausgeschlossen" sei, daß England einen Teil der dadurch unterbliebenen Speck-Einkäufe in den USA tätigen könne. Für diesen Fall würde die Kürzung rückgängig gemacht werden.

Nun muß es gewiß einem Spender überlassen bleiben, was er spenden will. Warum soll er sein Sparschwein auf dem Sims zerschlagen und den Engländern die blanken Dollar für Käufe im Ausland in die Hand drücken, wenn in der eigenen Speisekammer bereits mehr Speckseiten hängen, als man verspeisen kann? Und selbst wenn die Speckseiten im Schnitt nicht ganz die auf dem britischen Frühstückstisch gewohnte Form haben, ließe’sich nichts Rechtes gegen den amerikanischen Wunsch einwenden, erst die Speckseiten und nicht die Dollar zu verschenken.

Wie steht es nun aber mit der britischen Weigerung, mehr als nur etwa den sechsten Teil des erlaubten Geldes in Chicago für dort angebotenes Schweinefleisch auszugeben, weil der Preis zu hoch ist? Schön, man könnte auch hier noch einwenden, es sei zwar nicht nett von Schlachtereien in Chicago, daß sie für ERP-Lieferungen nicht mit den Preisen heruntergehen wollten, aber schließlich sei ja die Bewilligung der Marshall-Gelder in einer Zeit erfolgt, als die Preise noch hoch waren. Die Hilfe solle ja in Gütern bestehen, nicht in Geldern, und solange England satt werde, könne es ihm ja beinahe gleichgültig sein, ob der amerikanische Staat die Ersparnis bei niedrigeren Preisen oder der Schlachter in Chicago die gesamten Marshall-Dollar bei hohen Preisen einstecke. Der Konsument in England zahle ja ohnehin einen kontrollierten – und subventionierten – Preis. Der einzige Nachteil für England sei also ein "statistischer", es würden ihm mehr Hilfsdollar "angekreidet", als nach Weltmarktpreisen berechtigt sei Die counterpart-funds würde ja wohl nicht betroffen. Oder muß England etwa den tatsächlich (in Chicago) gezahlten Preis, umgerechnet in Pfunden, auf das Sonderkonto abführen und nicht den tatsächlichen, um die Subventionsspanne verminderten Erlös? Die Höhe des Sonderkontos am 31. März mit rund 120. Mill. £ (480 Mill. bei bis zum gleichen Tage abgeschlossenen ERP-Kontrakten von mehr als 1000 Mill. $ läßt das nicht gerade vermuten, auch wenn man die langen Zeiträume vom Kontrakt über Lieferung bis zur Zahlung des Gegenwertes in Pfunden berücksichtigt ... (Nebenbei bemerkt, selbst wenn England aus der Staatskasse die Subventionsdifferenz zubuttern müßte, so würde es 95 v. H. wieder zurückerhalten, weil es die counterpart-funds zur Verminderung seiner kurzfristigen Staatsschuld verwenden darf, bisher in einem Umfange von 107 Mill. £!).

Doch weiter im Rundblick über die verhinderte Marshall-Hilfe. Denn jetzt, bei Rohstoffen oder Maschinen unter ERP-Kontrakten, wird es erst richtig interessant. Wenn die ECA-Bürokratie (und es gibt leider auch so etwas wie einen Marshall-Schimmel!) so lange vom Angebot bis zur Auslieferung braucht, daß inzwischen die Weltmarktpreise für Metalle usw. erheblich gefallen sind, so weigert sich vielleicht der letzte Abnehmer, das für seine notwendig gewordene neue Kalkulation zu teure Material abzunehmen. In England hat man bisher noch keine nennenswerten Beispiele für verhinderte industrielle Marshall-Hilfe aus Preisgründen vernommen. Aber dazu muß gesagt werden, daß ja das britische Versorgungsministerium in seiner Preisfestsetzung etwa für NE-Metalle ebenso langsam dem Weltmarkt folgt (weil es vorher langfristig und zu hohen Preisen eingekauft hat!), wie manche ECA-Abteilungen. Es dürfte jedoch nicht mehr sehr lange dauern, bis auch in England die – in anderen europäischen Ländern bereits geäußerten – Klagen beginnen über die zu hohen Unterhaltskosten für den geschenkten Marshall-Gaul, also über die zu hohen Pfundausgaben für die über gegenwärtigen Weltmarktpreisen eingekauften industriellen ERP-Lieferungen. Denn man kann schlecht mit der Kostensenkung anfangen, wenn der geschenkte Gaul so viele Hunde schluckt!