Von Paul Hühnerfeld

Es gab eine Zeit, da ging die höhere Tochter zum Tennisunterricht wie zur Klavierstunde –: heute, da aus der höheren Tochter eine mondäne junge Dame geworden ist, die in den meisten Fällen weder Klavier noch Tennis spielen kann, begnügt sie sich damit, auf den Tribünen der großen Tennisplätze – zum Beispiel in Hamburg am Rothenbaum, wo die Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften 1949 ausgetragen wurden – zuzusehen, Mode vorzuführen und über dieses unerschöpfliche Thema zu parlieren. So erfuhr man auf diesem Hamburger Tennisturnier, daß die ganz bunten Ringelsöckchen der Herren schon wieder außer Kurs sind: eine Dame, der man ansah, daß sie es wissen mußte, erklärte (während sich unten auf dem roten Platz Gottfried v. Gramm und der junge Kölner Buchholz die entscheidende Partie im Herren-Einzel lieferten) laut ihrer Nachbarin, daß nur noch "ganz verrückte Jife-Jünglinge" so etwas trügen; das solide deutsche Grau hat sich also wieder einmal durchgesetzt.

Der junge Kölner Tennisspieler Buchholz, von dem eben schon die Rede war, ist übrigens ein Beweis dafür, daß der Tennissport heute keine einseitige Angelegenheit der "großen Welt" mehr ist – er war jahrelang Balljunge, ehe er in die ersten Reihen der deutschen Spitzenspieler aufrückte. In Hamburg wurde der schwarzgelockte Rheinländer nur im Endspiel von Gottfried v. Gramm geschlagen. Ein seltsames Bild: Auf der einen Seite der braungebrannte Kölner mit dem Körper eines klassischen Athleten, auf der anderen der kleine, zierliche (gegen Buchholz geistig und blaß wirkende) viel ältere Gottfried v. Cramm. – Der Schlußstrich unter dieses Endspiel wurde übrigens nicht von dem Sieget v. Gramm auf dem Platz gezogen, sondern vom Verlierer Buchholz im Umkleideraum. Da saß der lange Kölner nämlich ziemlich erschöpft auf einer Couch und widerlegte – nun auch in Worten – alle die, die behauptet hatten, Gottfried v. Cramm hätte seine Jugend hinter sich und solle vom Tennissport abtreten. Er stellte nämlich auf Kölnisch resigniert fest: "Gottfried, wenn du noch achtzig Jahre spielst – dann werd’ ich achtzig Jahre lang nicht deutscher Meister ..." Jeder Balljunge trägt den Davis-Pokal im Tornister – oder besser: in der Tasche seiner kurzen weißen Sporthose. Denkt man an den Aufstieg des rheinischen Spitzenspielers Buchholz, dann kann man dem sportlich interessierten Publikum raten: Beschäftigt euch mehr mit den Balljungen! Wie diese kleinen Kerle über den Platz rasen, wie sie sekundenschnell den Augenblick wahrnehmen, um einen Ball vom Netz aufzunehmen, ohne das es die Spieler stört, wie sie zusammenarbeiten, um sich gegenseitig zu entlasten, wie so ihre kleine Existenz ein einziges sportliches Bereitsein wird – das ist bewundernswert. In den kleinen Pausen zwischen den Spielen, wenn sie die leeren Limonadenflaschen zurückbringen oder Bälle auswechseln, sitzen sie dann einen Augenblick auf den Zuschauerbänken, verschnaufen und unterhalten sich fachmännisch über die Champions. Sie besprechen ihre Fehler und bereden, was sie in den einzelnen Situationen getan hätten. Denn große Tennismeister wollen sie alle werden. Und wenn man ihnen zuhört, kann es sein, daß man sich fragt: Ist es möglich, daß diese Balljungen die wirklich enthusiasmierten Zuschauer eines Tennisturniers sind?

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Es gibt Leute, die behaupten, die Zahnärzte seien die grausamsten Menschen. Seit den Tennismeisterschaften in Hamburg haben ihnen die Photographen diesen "Ruhm" streitig gemacht. Das war so: Die deutsche Tennismeisterin des Vorjahres traf im Endspiel auf die argentinische Meisterin Frau Weiß. Die Deutsche war der jungen und hübschen Argentinierin in diesem Sommer zweimal auf Tennisplätzen begegnet und hatte sie beide Male geschlagen. Und nun stand es im letzten, entscheidenden Satz 5:2 für die deutsche Meisterin. Nur noch ein Spiel war zu gewinnen. Die Herren mit den Blumen standen schon bereit. Doch es kam anders. Mit viel Bravour, mit der Sympathie des Publikums und mit viel, viel Glück holte die Südamerikanerin ein Spiel nach dem anderen und gewann, den entscheidenden Satz schließlich 9:7. Die Pressephotographen stürzten auf den Seitengang, den die neue Meisterin entlanggehen mußte, um sie zu knipsen. Doch die temperamentvolle Siegerin aus Argentinien wurde anscheinend auf dem Platz von Gratulanten aufgehalten. Und so erschien als erste die Verliererin auf dem Seitengang. Als sie die schußbereiten Kameraleute sah, zögerte sie, um ihnen Gelegenheit zu geben, Aufnahmen zu machen. Aber die gaben der Verliererin, ohne zu knipsen, verlegen den Weg frei ...

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An das Wort des Grafen Keyserlingk, wonach "der kürzeste Weg zu sich selbst um die Welt" führt, dachte man, sah man die jungen unerfahrenen deutschen Spieler gegen die routinierten Stars verlieren, gegen die Stars, die bei jedem Ball ein Stück Erfahrung von Berlin und Agram, von Meran und Rapallo, von Nizza und Monte Carlo, von Wimbledon und Los Angeles verwerten konnten. Nun hat der Philosoph diesen Ausspruch ja nicht so wörtlich gemeint und erst recht nicht speziell für Tennisspieler geprägt, aber die Zeiten, da man noch mit Geist und für den Geist um die Welt reiste, sind ja nicht erst seit gestern vorbei. Gestern reiste man immerhin noch mit dem Tennisschläger und ausgezeichneten Manieren. Womit aber – wenn überhaupt – wird man morgen reisen?