Mit viel Musik, einem großen Jubiläumsfeuerwerk und einer liebevoll edierten Festschrift feiert der Alsterpavillon, der weit über Hamburgs Stadtgrenzen berühmt ist, sein 150jähriges Bestehen. Der Krieg hat das zuletzt vom Jugendstil geprägte Gebäude am Jungfernstieg zerstört. Aber in den unterirdischen Räumen richtete sich neues Leben ein, und Tische und Stühle laden nun dort, wo der Pavillon stand, auf einer Terrasse zum Verweilen ein. Curt Valentin, der New Yorker Kunsthändler, der nach dem Krieg zu Besuch in seiner Heimatstadt war, blieb betroffen bei diesem Anblick stehen: "Alles zerstört", sagte er, "nur die Kellner sind stehengeblieben!" Da sind wir schon fast bei dem Ton Heinrich Heines, dessen Bericht über den Jungfernstieg und den Alsterpavillon – enthalten in den "Memoiren des Herrn von Schnabelewobski" – immer noch die heiterste Schilderung Hamburger Lebens ist.

Für Leser, denen die Stadt Hamburg nicht bekannt ist – und es gibt deren vielleicht in China und Oberbayern –, für diese muß ich bemerken, daß der schönste Spaziergang der Söhne und Töchter Hammonias den rechtmäßigen Namen Jungfernsteg führt; daß er aus einer Lindenallee besteht, die auf der einen Seite von einer Reihe Häuser, auf der anderen Seite von dem großen Alsterbassin begrenzt wird; und daß vor letzterem, ins Wasser hineingebaut, zwei zeltartige lustige Kaffeehäuslein stehen, die man Pavillons nennt. Besonders vor dem einen, dem sogenannten Schweizer Pavillon, läßt sich gut sitzen, wenn es Sommer ist, und die Nachmittagssonne nicht zu wild glüht, sondern nur heiter lächelt und mit ihrem Glanz die Linden, die Häuser, die Menschen, die Alster und die Schwäne, die sich darauf wiegen, fast märchenhaft lieblich übergießt. Da läßt sich gut sitzen, und da saß ich gut gar manchen Sommernachmittag und dachte und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen – und da flatterten sie vorüber, jene holden Wesen mit ihren geflügelten Häubchen und ihren verdeckten Körbchen, worin nichts enthalten ist – da trappelten sie dahin, die bunten Vierländerinnen, die ganz Hamburg mit Erdbeeren und eigener Milch verseilen, und deren Röcke noch immer viel zu lang sind – da. stolzieren die schönen Kaufmannstöchter, mit deren Liebe man auch soviel bares Geld bekommt – da hüpft eine Amme, auf den Armen ein rosiges Knäbchen, das sie beständig küßt, während sie an ihren Geliebten denkt – da Windeln Priesterinnen der schaumentstiegenen Göttin, hanseatische Vestalinnen, Dianen, die auf die Jagd gehen, Najaden, Dryaden, Hamadryaden und sonstige Predigertöchter – ach! da windelt auch Minka und Helosia! Wie oft saß in vor dem Pavillon und sah sie vorüberwandeln in ihren rosagestreiften Roben – die Elle kostet vier Mark und drei Schilling, und Herr Seligmann hat mir versichert, die Rosastreifen würden im Waschen die Farbe behalten – prächtige Dirnen! riefen dann die tugendhaften Jünglinge, die neben mir saßen. – Ich erinnere mich, ein großer Assekuradeur, der immer wie ein Pfingstochse geputzt ging, sagte einst: "Die eine möcht ich mir mal als Frühstück und die andere als Abendbrot zu Gemüte führen, und ich würde an solchem Tage gar nicht zu Mittag speisen." – "Sie ist ein Engel!" sagte einst ein Seekapitän ganz laut, so daß sich beide Mädchen zu gleicher Zeit umsahen und sich dann einander eifersüchtig anblickten. – Ich selber sagte nie etwas/und ich dachte meine süßesten Garnichtsgedanken und betrachtete die Mädchen und den heiter sanften Himmel und den langen Petriturm mit der schlanken Taille und die stille blaue Alster, worauf die Schwäne so stolz und so lieblich und so sicher umherschwammen. Die Schwäne! Stundenlang konnte ich sie betrachten, diese holden Geschöpfe mit ihren sanften langen Hälsen, wie sie sich üppig auf den weichen Fluten wiegten, wie sie zuweilen selig untertauchten und wieder auftauchten und übermütig plätscherten, bis der Himmel dunkelte, und die goldenen Sterne hervortraten, verlangend, verheißend, wunderbar zärtlich, verklärt. Die Sterne! Sind es goldene Blumen am bräutlichen Busen des Himmels? Sind es verliebte Engelsaugen, die sich sehnsüchtig spiegeln in den blauen Gewässern der Erde und mit den Schwänen buhlen?

– – – Ach! das ist nun lange her. Ich war damals jung und töricht. Jetzt bin ich alt und töricht. Manche Blume ist unterdessen verwelkt und manche sogar zertreten worden. Manches seidene Kleid ist unterdessen zerrissen, und sogar der rosagestreifte Kattun des Herrn Seligmann hat unterdessen die Farbe verloren.