In russischen Hotels und Gaststätten

Schlaf schneller, Genosse" – durch das gleichnamige Buch Michail Sostschenkos war dieses Schlagwort, das die sonderbaren Zustände in den Hotels der neuen Sowjetrepublik charakterisierte, in aller Welt bekanntgeworden. Wie sieht es dort nun heute aus? Auch das Hotel- und Gaststättengewerbe ist, wie alles in Rußland, verstaatlicht. Selbständige Hoteliers oder Gastwirte mit eigenen Betrieben gibt es nicht, nur der Name ist geblieben –: "Hotel". Daneben gibt es die Gastwirtschaft, die "Stalowaja", und vereinzelt auch noch das "Restaurant". Hotels gibt es nur in Städten. Der Hoteldirektor ist Angestellter des Staates, bekommt ein festes Gehalt und untersteht direkt dem Ortssowjet. Wenn ein Ort mehrere Hotels besitzt, stehen diese im ständigen Wettbewerb, und der Sieger bekommt eine Prämie. Die Einkünfte dieser Etablissements fließen fast ausschließlich dem Ministerium für Verkehr und Finanzen zu.

Nur Durchreisende dürfen in den Hotels wohnen, oder Personen, die nicht länger als vierzehn Tage in der Stadt bleiben. Neben. Ausweispapieren muß ein Erlaubnisschein für den Hotelaufenthalt von der ortsansässigen Polizei vorgelegt werden. Der Mindestpreis eines Hotelzimmers: zwanzig Rubel für vierundzwanzig Stunden (ein Rubel entspricht etwa dreißig deutschen Pfennigen). Ein Frühstück wird nicht serviert. Bettwäsche und Handtücher sind mitzubringen ... Entsprechend ist auch die Einrichtung der Zimmer –, betont einfach und nach drei Kategorien genormt: "malinki Kabinett" (kleines Zimmer), "Kabinett" (mittleres Zimmer) und "bolschoi Kabinett" (großes Zimmer). Selbst in größeren Städten wie Minsk, Ufa, Swerdlowsk und Serow ist das Hotelgewerbe nur wenig entwickelt. Die Gründe: Geldknappheit, das Fehlen von Geschäftsreisenden und eklatante Unsauberkeit, gegen die selbst das Innenministerium gelegentlich Stellung nimmt. In "Kulturzentren" wie Leningrad und Moskau gibt es natürlich auch Hotelpaläste westlicher Ausmaße.

Ein einfacher Raum mit Tischen und Stühlen und einem Ausgabetisch für Speisen und Getränke – das ist die "Stalowaja". Bier wird meist direkt aus dem Faß gezapft, Weine, Liköre und Schnaps werden aus Flaschen geschenkt. Speisen und Getränke bekommt der Gast serviert, Bedienungsgeld wird nicht erhoben. In jedem Restaurant, jeder Stalowaja ist ein Mann der Miliz stationiert, und von der grell bemalten Wand grüßt das unvermeidliche Stalinbild.

Alle Waren, Nahrungsmittel und Getränke, werden aus den staatlichen Magazinen des jeweiligen Ortes bezogen. Über das Zuteilungsmaß kommen Weisungen von "oben", die Getränke sind streng rationiert. Es ist ein offenes Geheimnis, daß die Zuteilung nicht wegen der Knappheit, sondern auf Anweisung der obersten Behörden, also des Obersten Sowjets, erfolgt. Man will den neuen Sowjetmenschen auf ein ’höheres Niveau bringen: "Der Alkohol ist ein Betäubungsmittel, ein Mittel, daß die Menschen von der Wirklichkeit entfernt, sie auf schlechte Gedanken bringt und vom ständigen Klassenkampf abhält. Der nüchterne Mensch ist voll leistungsfähig, er ist ständig bereit zu arbeiten, zu kämpfen und zu sterben. Der Alkoholrausch ist das typische Zeichen der kapitalistisch-imperialistischen Gesellschaftsordnung." Dafür ist es dem Sowjetbürger jedoch gestattet, in der Stalowaja auch Zigaretten, Tabak, Konfekt, Kuchen, Brot, Fisch und Seife zu kaufen. Doch welche Inkonsequenz: die Arbeiter und die "werktätige Intelligenz" müssen getrennt speisen! Die Räume unterscheiden sich in der Sauberkeit und in der Kleidung der Bedienung. -sen.