Am Menschenleben gemessen sind 90 Jahre eine lange Zeit. Da aber die Natur Millionen von Jahre gebraucht hat, um aus den Mikroorganismen des Meeres auf chemischem, radioaktivem oder bakteriologischem Wege Mineralöl zu erzeugen, haben wir nur eine relativ knappe Zeitspanne zu behandeln, die aber doch die Lebensform der Menschen grundlegend revolutioniert hat. Allerdings ist das Mineralöl dort, wo es in Übelriechenden und häßlichen Tümpeln an die Erdoberfläche tritt, schon seit Jahrtausenden bekannt. Es wurde als Medizin geschluckt oder zum Einreiben benutzt; die Seeleute dichteten damit die Schiffsplanken ab, Fackeln wurden in Öl getränkt, und brennende Pfeile waren eine gefürchtete Waffe der Belagerer. Die heiligen Feuer des Altertums sind nichts anderes als Erdgasausbrüche, die wohl durch Blitzschlag in Brand geraten waren.

In der Lüneburger Heide hatte man schon 1849 nach Öl gebohrt, stellte aber nach sieben Jahren vergeblichen Bemühens die Arbeiten ein. Erst 1877 floß bei Wietze das erste Öl aus deutscher Erde. Die neuere Geschichte des Mineralöls beginnt aber mit dem 28. August 1859, als ein gewisser Colonel (von eigenen Gnaden) E. L. Drake bei Titusville in Pennsylvanien nach Öl bohrte und in knapp 20 m Tiefe fündig wurde. Seine Bohrung lieferte nur etwa 2 t pro Tag, aber Mine Nachfolger baten in diesen 90 Jahren 8 1/2 Milliarden t Rohöl bis 4500 m tief aus dem Erdboden gefördert und darüber hinaus über 10 Milliarden t an bestätigten Reserven aufgefunden. Bei einem Weltverbrauch von 470 Millionen t im Jahre 1948 – fast das Neunfache des Verbrauchs vor dem ersten Weltkrieg – besteht auch für unser Enkelkinder keine Sorge, daß die Ölvorkommen der Natur sich eines Tages erschöpfen könnten. Die großen Ölgesellschaften fühlen sich verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die bestätigten Reserven durch unermüdliche Ölsuche rascher wachsen als der Verbrauch und sie erfüllen auch heute diese Aufgabe.

Wer von der alten Generation noch im traulichen Schein der Petroleumlampe – ein epochaler Fortschritt gegenüber der Tranfunzel – gelebt hat, muß heute verwirrt feststellen, wie vielseitig das Mineralöl unser Leben berührt. Die Geburtsstunde der Ölindustrie fiel in die Zeit der großen Industriellen Revolution, die unter Ausnutzung der Kohle eine neue Welt mit neuen Problemen entstehen ließ. Damals war der Benzingehalt des Rohöls ein lästiges und gefährliches Nebenprodukt, das man wegschüttete. Mit dem Aufkommen der Verbrennungsmotor begann das moderne Zeitalter der Technik. Heute rollen 58 Millionen Autos über die Landstraßen der Erde (davon über 40 Millionen in den USA), dreiviertel der Welttonnage fährt mit Ölfeuerung oder motorischem Antrieb, Millionen von Traktoren ermöglichen die Ernährung der sich rasch vermehrenden Menschheit, unzählige stationäre Motoren ersetzen menschliche Arbeitskraft, Millionen von Fabriken und Wohnhäusern sind mit Öl beheizt, Zehn tausende von Flugzeugen verbinden Länder und Kontinente und 1200 verschiedene Hauptprodukte werden aus Rohöl hergestellt. So ist es kein Wunder, daß Mineralöl dem Gewicht nach an erster Stelle im internationalen Handel steht, während Lebensmittel noch nicht einmal die Hälfte der Menge ausmachen. Eine neue Entwicklung hat durch das Aufkommen der Gasturbinen und des Raketenantriebes eingesetzt. Sie leitet über in das Atomzeitalter, das den menschlichen Genius vor die Schicksalsfrage stellt, ob er die Materie beherrscht und ungeahnte Kraftquellen zum Segen oder zum Fluch der Menschheit werden läßt.

Bei Beaumont im ölreichen Texas trägt ein Monument die Inschrift: "Das Mineralöl hat die Industrie und das Transportwesen revolutioniert, hat ungeahnten Reichtum geschaffen, Städte gebaut, Hunderttausenden Arbeit gegeben und durch Abgaben von Dollarmilliarden die Einrichtungen der Regierungen erhalten. In einer relativ kurzen Zeitspanne hat das Mineralöl die Lebensform der Menschen auf der ganzen Erde gewandelt," Diese Früchte sind aber den Ölleuten nicht in den Schoß gefallen, und wenn soviel (und oft so unsachlich) von den Gewinnen der Ölgesellschaften gesprochen wird, wollen wir auch ihre Verluste nicht vergessen: denn das Risiko ist ein Wesensmerkmal des Ölgeschäfts, genau wie Abenteuer- und Unternehmungslust Kennzeichen der ganzen Mineralölindustrie sind. Für Bürokratie, für Verantwortungsscheu und rückschrittliche Auffassungen auch in sozialen Fragen ist im Mineralölbereich der Weltwirtschaft kein Raum.

Nehmen wir ein paar Beispiele aus der amerikanischen Ölindustrie:

Nach verläßlichen Schätzungen sind in Amerika bisher 102 Mrd. $ in Ölsuche und Ölförderungen investiert worden, während der Wert des geförderten Rohöls etwa 61 Mrd., zu Feldpreisen gerechnet, beträgt. Die Differenz von 41 Mrd. entspricht etwa dem Wert der bestätigten Reserven an Rohöl und Erdgas. Dabei kann die Hilfe der Wissenschaft gar nicht hoch genug veranschlagt werden, und die Ölgesellschaften ziehen den größten Nutzen aus den Dollarmillionen, die sie für die Forschung aufwenden. So war zwischen 1859 und 1928 nur eine Bohrung von 24 erfolgreich, während bei geologischer und geophysikalischer Vorarbeit das Verhältnis wie 1:4,4 ist. Die geologische Erkundung aus der Luft erfordert z. B. nur 1/50 bis 1/200 der Zeit und 1/10 bis 1/20 der Kosten im Vergleich zur Bodenerkundung. Trotzdem sind die Kosten der Ölsuche von 15,3 cents je barrel (ca. 159 Liter) im Jahre 1935 auf 59 cents im Jahre 1947 gestiegen.

Auch die Verarbeitung des Rohöls führt zu schwierigen Problemen. Eine moderne Raffinerie hat kaum noch Ähnlichkeit mit einer Anlage, die vor 30 Jahren erstellt wurde. Die Investierungskosten sind um ein Mehrfaches höher als vor zehn Jahren, ohne daß die Produktenpreise sich angeglichen hätten. Die Vorteile liegen in der wirtschaftlicheren Arbeitsweise und der gesteigerten Anpassungsfähigkeit der Produktion an die Bedürfnisse des Marktes. Aber auch Transport, Lagerung und Verteilung erfordern erhöhte Aufwendungen.