Von Emil Wolff, Hamburg

Die einzigartige Rolle, die Shakespeare seit ihrem Erwachen zu wahrem geistigen Selbstbewußtsein im Leben der deutschen Nation gespielt hat, die immer erneute Bemühung um das Verständnis seiner in lichter Klarheit offenbaren und doch unergründlich geheimnisvollen Größe mußten, je mehr die Gestalt ihres eigenen größten Dichters in ihrer Erkenntnis feste Form gewann, je eingehender und tiefer sich die Reflexion mit Goethe beschäftigte, der wie kein anderer die höchste poetische Unmittelbarkeit mit einer das eigene Wesen deutlich erhellenden Besinnung zu vereinen schien, zur vergleichenden Gegenüberstellung der beiden und zur Betrachtung des Verhältnisses einladen, das, in einer langen Entwicklung sich entfaltend, Goethes Schaffen und Denken mit dem Werk und der totalen Erscheinung Shakespeares verbindet. Ein Überblick über die Reihe der deutschen Autoren, die in vergleichender Analyse und messender Entgegensetzung versucht haben, die Besonderheit der beiden Genien in Verwandtschaft und Verschiedenheit zu bestimmen –, von Friedrich Theodor Vischer und Gervinus bis zu Dilthey und Gundolf – würde die Wandlungen, die das Bild beider Dichter im Laufe von siebzig Jahren erfahren hat, lehrreich illustrieren. Es sind die mannigfaltigsten Gesichtspunkte, unter denen erörtert wird, worin die beiden verschieden sind. Der anfangs angelegte Maßstab, das Drama, verführt zu wertenden Urteilen, die zu Unrecht auf die totale Erscheinung der beiden Großen ausgedehnt werden. Erst allmählich wird ein Standpunkt erreicht, von dem aus – bei Dilthey und Simmel – Goethe und Shakespeare als die höchsten Repräsentanten zweier gegensätzlicher Formen des Verhältnisses erscheinen, in dem der schaffende Dichter zu seinen Gestalten steht.

Shakespeare verhält sich nach Simmel zu seinen Figuren wie der Weltschöpfer zu seinen Geschöpfen. Wie dieser "tritt er von ihnen zurück." "Er steht nicht mehr als ein Greifbares und eindeutig Auffindbares hinter ihnen." Dagegen sind Goethes Gestalten "mit der Einheit der dichterischen Persönlichkeit verwachsen geblieben, sie sind als Äußerungen einer schöpferischen Subjektivität miteinander verbunden." Von Dilthey wird diese Auffassung erweitert zur Feststellung eines "allgemeinen Unterschiedes im Schaffen der Dichter", der durch Shakespeare und Goethe sehr wesentlich wird. "Die einen unter den Dichtern leben vor allem in den eigenen Umständen und Ideen, diese stellen sie dar in ihren Werken." Äußere Erfahrung wird ergriffen "als Vehicel der Darstellung des eigenen Innern." Die Werke der anderen Gruppe großer Dichter entstehen aus der "geheimnisvollen Fähigkeit, die mannigfaltigen Bilder von Individuen und ihren Schicksalen um sich her in sich lebendig zu machen." "Ihre Phantasie ist der Schauplatz, auf welchem Gestalten, welche das Leben ihnen in unvollkommener Entwicklung zeigt, geboren werden, mächtigste Entfaltung erlangen und dann wieder anderen Platz machen." Man könnte etwas Verräterisches darin sehen, daß Simmel im Zusammenhang seiner Analyse sagt: "Es ist mindestens ein sehr symbolischer Zufall, daß wir von Shakespeares Persönlichkeit außer einigen Äußerlichkeiten nichts wissen." Beruht denn nicht überhaupt die Möglichkeit und damit die Fragwürdigkeit des so konstruierten Gegensatzes auf der Tatsache, daß wir auf Grund unseres genauen Wissens um die Biographie und die von ihm selbst enthüllten Aspekte des Lebens Goethes weithin, die Beziehungen zwischen seinem persönlichen Dasein und dessen Entwicklung einerseits und seinem Werk andererseits herstellen können, während uns unmittelbare Quellen der Erkenntnis für die persönliche Existenz Shakespeares zwar nicht völlig fehlen – sie sind in den Sonetten vorhanden –, aber der Deutung große Schwierigkeiten bieten?

Es ist eine oft wiederholte Klage, daß der Erforschung der geistigen und geschichtlichen Welt das mächtigste Organ der Naturwissenschaft, das Experiment, versagt ist. Und doch läßt sich in Gedanken ein Versuch anstellen. Er würde auf der Annahme beruhen, daß die ganze Überlieferung über Goethes persönliches Leben, seine Äußerungen über sich selbst eingeschlossen, verloren und uns sein poetisches Werk erhalten wäre. Wieviel wüßten wir dann von dem Wesen und der Entwicklung, den inneren Spannungen und der reinsten Bewußtheit des goethischen Geistes? Einer das Ganze umfassenden und den einzelnen Linien seiner Entfaltung folgenden Betrachtung müßte es möglich sein, aus der Spiegelung im Werk ein reines, in seiner inneren Gesetzmäßigkeit durchsichtiges Bild der geistigen Gestalt des Dichters in ihren Wandlungen zu entnehmen. Vielleicht läßt sich aus diesem Gedankenspiel der Schluß ziehen, daß ein wahrer Vergleich zwischen Goethe und Shakespeare voraussetzen würde, daß er sich auf ein in analoger Weise gewonnenes Bild des Shakespeareschen Geistes gründete. Den notwendigen Hintergrund eines solchen Vergleiches aber müßte die eingehende Prüfung der Voraussetzungen bilden, die sich aus der historischen Situation der beiden Dichter unter dem Gesichtspunkt des geistigen Wandels ergeben, der sich in den zwei Jahrhunderten, durch die sie getrennt sind, vollzogen hat. Zu den wichtigsten Voraussetzungen der Bildungswelt Goethes aber gehört Shakespeare selbst; die Wirkung seines Werkes und die Auseinandersetzung mit ihm. Wenn durch diesen einen Umstand nicht von vornherein die Möglichkeit einer wahren Gleichstellung zerstört wird, so beruht das auf jener einzigartigen WesensVerwandtschaft der beiden Dichter, deren Geheimnis kaum durch die vergleichende Analyse zu enträtseln ist, die aber dem empfänglichen Auge mit unmittelbar einleuchtender Kraft sichtbar wird. Sie liegt in einer großartigen Spontanität des poetischen Gestaltens, einer frei überlegenen Schöpferkraft, die die Dichte des aus der Tiefe gehobenen Gehaltes mit dem Licht klarer Besonnenheit durchdringt. Was so beiden gemeinsam ist, findet bei Shakespeare seinen Ausdruck nur in der Form des Dramas; bei Goethe findet es sich in gleichmäßigem Reichtum in den drei großen Dichtungsgattungen. Denn dies scheint das Wesentliche, daß dieses schöpferische Vermögen und sein freies Gestalten dem gestalteten Gegenstand und dem geformten Gehalt eine besondere Prägung geben, die von den Grenzen der verschiedenen Gattungen unabhängig ist.

Vielleicht erklärt sich gerade aus dieser einzigartigen Verwandtschaft, wenigstens zum Teil, die eigentümliche Entwicklung des Verhältnisses, in dem Goethe zu Shakespeare steht. Es sind zwei Schriften – die Rede des Zweiundzwanzigjährigen "Zum Shakespeare-Tag" und der Aufsatz "Shakespeare und kein Ende", 1813 geschrieben und 1816 ergänzt, aus denen sich ablesen läßt, wie der Jüngling von dem Genius, der mit befreiender Offenbarung in die enge Ordnung seiner Welt einbricht, überwältigt wird, wie der Alternde in kritischer Reflexion sich mit ihm und einem neuen Enthusiasmus, der sich an ihm entzündet hat, ihn in seine eigene, festgefügte Welt einordnend, auseinandersetzt. Doch ist dies nicht das Ende des Weges. Aus den Äußerungen des letzten Jahrzehnts spricht eine fast scheue Bewunderung, die sich mit dem Verzicht darauf, den Unergründlichen zu verstehen, verbindet. Wie stark auch die Rede "Zum Shakespeare-Tag" gedanklich unter Herders Einfluß stehen mag, in ihrer hinreißenden und mächtigen Unmittelbarkeit und in der kühnen Bildhaftigkeit ihrer Sprache ist sie der spontane, von innerem bewegten Leben erfüllte Ausdruck einer überwältigenden Erfahrung. Es ist bedeutsam, daß schon in diesem ersten Versuch der Auseinandersetzung mit der Größe Shakespeares eine Art bescheidener Selbstbehauptung sich mit dem Gefühl der unüberwindlichen Überlegenheit des anderen verbindet. "Jeder nach seinem Maß", heißt es von dem "emsigen Wanderer", "dessen stärkster Wandertrab" eine Tagesreise zu dem Weg bedarf, den die Siebenmeilenstiefel des anderen in zwei Schritten zurücklegen. Nicht weniger wichtig erscheint es, daß die Bestimmung der zentralen Idee der Shakespeareschen Tragödie, wie sie in "Shakespeare und kein Ende" später ausführlich entwickelt wird, im Keim schon hier angelegt ist. "Seine Stücke drehen sich alle um den geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat), in dem das Eigentümliche unseres Ichs, die prätendierte Freiheit unseres Willens mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt." Im ganzen aber ist die Rede ein Bekenntnis zu der durch Shakespeare erschlossenen echten und kraftvoll bewegten Wirklichkeit, eine leidenschaftliche Absage an die Halbheit des "Schattenlebens zwischen Myrten und Lorbeer-Gebüschen in dem Elysium des sogenannten guten Geschmacks." Und doch erhebt sich die Frage, ob diese neu offenbarte Wirklichkeit, von deren extremen Gegensätzen die Zeitgenossen des jungen Goethe zurückschreckten, von ihm selbst in ihrer wahren grimmigen Härte gesehen wird, wenn er sagt: "Das, was edle Philosophen von der Welt gesagt haben, gilt auch von Shakespeare: das, was wir bös" nennen, ist nur die andere Seite vom Guten, die so notwendig zu seiner Existenz und in das Ganze gehört als Zona torrida brennen und Lappland einfrieren muß, daß es einen gemäßigten Himmelsstrich gebe." Das mag unter dem Einfluß Shaftesburys und Herders geschrieben sein. Das Wesentliche ist, daß Goethe nicht durch Shakespeare selbst dazu geführt worden ist, den Bannkreis dieser versöhnenden Harmonie zu durchbrechen. Allein das würde vielleicht eine Reflexion über Shakespeare vorausgesetzt haben, zu der ihn die Übermacht des Eindrucks noch nicht hat kommen lassen. "Und noch zur Zeit habe ich wenig über Shakespeare gedacht; geahndet, empfunden, wenn’s hoch kam, ist das Höchste, wohin ich’s habe bringen können." Er fühlte sich "wie ein Blindgeborener, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblick schenkte. Ich erkannte, ich fühlte aufs lebhafteste meine Existenz um eine Unendlichkeit erweitert."

Auf diese Zeit zurückblickend, führt Goethe seine Bemerkungen über Shakespeare im elften Buch von "Dichtung und Wahrheit" durch eine kurze Schilderung der Situation ein, aus der die Einwirkung des großen Briten den Weg ins Freie und zur Höhe eröffnet. Von dem Frankreich Voltaires und der Enzyklopädisten, vor allem von Holbachs "Systeme de la Nature" abgestoßen, sieht sich der Straßburger Kreis "allen französischen Wesens auf einmal bar und ledig." Sie stehen auf dem Punkte, sich der rohen Natur wenigstens versuchsweise hinzugeben, wenn sie nicht ein anderer Einfluß schon seit langer Zeit zu höheren, freieren und ebenso wahren als dichterischen Weltansichten und Geistesgenüssen vorbereitet hätte." Auch in diesem Zusammenhang wird die unmittelbar lebendige und allgemein anregende Wirkung hervorgehoben. Einsichtige Beurteilung, begreifende Erkenntnis wird späteren Epochen vorbehalten. Mutwillig erfreut man sich an Shakespeareschen Wortspielen, ahmt sie nach und "sucht durch Originalspäße den großen Meister zu feiern." Viel tiefer ist die Wirkung, die in Goethes Schaffen offenbar wird. Das stärkste Zeugnis für sie ist die "Geschichte Gottfriedens von Berlichingen mit der eisernen Hand. Dramatisiert" – die erste Fassung des "Götz von Berlichingen". "Ein Genie kann nur von einem Genie entzündet werden", hatte Lessing 1759 geschrieben, als er Gottsched vorwarf, daß er ein neues deutsches Theater auf "das furchtsame französische Trauerspiel" gründen wollte, statt sich das englische Theater zum Vorbild zu nehmen. Goethes "Götz" hat den Satz zu einer Prophezeiung werden lassen. Der Dichter selbst sagt später, "die fortdauernde Teilnahme an Shakespeares Werken habe ihm den Geist so ausgeweitet, daß ihm der enge Bühnenraum und die Kürze der einer Vorstellung zugemessenen Zeit keineswegs hinlänglich erschienen, um etwas Bedeutendes vorzutragen." Zum Teil erklärt sich die dramatische Formlosigkeit, der Mangel an "höherer Einheit", den Goethe selbst in "Dichtung und Wahrheit" hervorhebt, sicherlich aus der unzureichenden. Idee, die er sich nach den Prosaübersetzungen Wielands und Eschenburgs von Shakespeares Kunst gebildet hatte. So deutlich die Anlehnung an Shakespeares Historien in der Behandlung der erzählenden Quelle hervortritt, so zahlreich die Einzelheiten im Aufbau, der Szenen und der Führung der Dialoge sein mögen, die an ihn erinnern, so sehr die Großartigkeit des Charakters der Adelheid das Vorbild dämonischer Frauen bei Shakespeare voraussetzen mag, das Wesentliche des Einflusses liegt doch in der Erschließung der eigenen Unmittelbarkeit und originellen Kühnheit des jungen Goethe. Und diese Wirkung setzt sich, gebändigt und veredelt, aber in un unverminderter Lebendigkeit im "Egmont" fort. Es gibt vielleicht keine Äußerung des alten Goethe, die so knapp und hart den Wandel in seinem Verhältnis zu Shakespeare fühlen läßt, wie der 1825 zu Eckermann gesprochene Satz: "Ich that wohl, daß ich durch meinen ‚Götz von Berlichingen‘ und ‚Egmont‘ ihn mir vom Halse schaffte." Hier wird dem Rückschauenden zu einer Katharsis, was reicher und spontaner Ausdruck poetischer Schöpferkraft gewesen war.

Den Höhepunkt bewundernder Würdigung Shakespeares und zugleich die großangelegte Deutung seiner an problematischer Tiefe alle seine anderen Werke übertreffenden Tragödie, des "Hamlet", finden wir in "Wilhelm Meisters Lehrjahren". Es ist Goethes eigene Erfahrung, die in der überwältigenden Wirkung der Dramen auf Wilhelm dargestellt wird. "Es sind keine Gedichte! Man glaubt vor den aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt rasch hin – und wider bläst." Und wenn Wilhelm durch den Blick in Shakespeares Welt gereizt wird, in der wirklichen Welt schneller fortzuschreiten, "sich in die Flut der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst, wenn es ihm glücken sollte, aus dem großen Meer der wahren Natur wenige Becher zu schöpfen" und sie von der Schaubühne aus zu spenden, so dürfen wir wohl auch darin die Spiegelung einer bedeutsamen Wirkung auf Goethe selbst sehen. Die Hamlet-Deutung, die dem Helden des Romans in den Mond gelegt wird, stellt einen wesentlichen Schritt in der Geschichte der Shakespeare-Interpretation dar. Der Charakter des Prinzen wird über den Beginn der Tragödie hinaus gleichsam zurückkonstruiert, aus einer geschlossenen Gesamtkonzeption heraus, die mit außerordentlicher Feinheit in all ihren Einzelzügen dargestellt wird. Echt fürstlich, zarten Wesens, maßvoll, ein wenig lässig erscheint dieser Hamlet. "Wenn in seiner zarten Seele der Haß aufkeimen konnte, so war es nur eben soviel, als nötig ist, um bewegliche und falsche Höflinge zu verachten und spöttisch mit ihnen zu spielen." Die glückliche Welt seiner Jugend versinkt ihm mit dem Tode des Vaters und der Wiederheirat der Mutter. "Nicht traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken zur schweren Bürde." Und nun brechen die Enthüllungen des Geistes über ihn herein. Die Last der Rache wird auf ihn gelegt – "eine große Tat auf eine Seele, die der Tat nicht gewachsen ist." Uni unter dieser Last geht er, "ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht", zugrunde. So schön und geistreich diese Analyse ist, so sehr zeigt sie auch die Grenzen, innerhalb derer sich Goethes Shakespeare-Deutung bewegt. Es besteht ein merkwürdiger Gegensatz zwischen seiner lebhaften Empfänglichkeit für die poetische Bewegtheit und dem mannigfaltigen Reichtum des Shakespeareschen Werkes und der eigentümlich glättenden und sänftigenden Auffassung der rücksichtslosen Unbedingtheit, aus der heraus allein die Hamlet-Tragödie und der Charakter ihres Helden zu verstehen sind. Das gleiche Grundverhältnis findet sich bei Herder wieder. Dadurch wird die Originalität der Goetheschen Interpretationen nicht beeinflußt. Sein eigenes Wesen und der der äußersten Härte des Widerspruchs ausweichende humanitäre Geist des achtzehnten Jahrhunderts scheinen sich in einer Hamlet-Erklärung gegenseitig entgegen zu kommen, die in humaner Einseitigkeit sich der tiefen Realität der Tragödie verschließt.