Bestimmt möchte er Kanzler sein, sehr wahrscheinlich wird er Kanzler werden, vielleicht sogar ein guter Kanzler: Konrad Adenauer. "Er steckt sie alle in die Tasche", berichteten schon vor Jahresfrist unvoreingenommene Beobachter aus Bonn. Jetzt scheint es, daß sie recht behalten werden. Die Zeiten jedenfalls, in denen für die obersten Beamten der Bizone "Farblosigkeit" Trumpf war, sind offenbar vorüber.

Schon vor Jahren wäre der CDU-Chef beinahe an die gleiche Stelle gelangt, nach der er heute strebt. Das war in jenen Tagen, als er – Oberbürgermeister von Köln (1917 bis 1933) und Vorsitzender des Deutschen Städtetages, Präsident des Preußischen Staatsrates (1920 bis 1933) und Vorstandsmitglied der Zentrumspartei – zu den "drei mächtigsten Männern Weimar-Preußens" zählte, ein höheres Einkommen besaß als der Reichspräsident – und – 1926 – von Hindenburg aufgefordert wurde, ein Kabinett zu bilden. Damals wurde zwar nichts daraus, aber wenn es ihm diesmal, 23 Jahre später, glücken sollte, dürften ihm die Erfahrungen von einst nur nützlich sein.

Adenauer, ist der große Routinier in der deutschen Nachkriegspolitik. Er ist kein verbissener Dialektiker, er gleicht eher einem Generaldirektor der Politik. Peinliche Zwischenfälle, wie seine Rede in Bern, und seine Fragen an die Militärgouverneure während der Arbeit des Parlamentarischen Rats, die genügt hätten, jeden anderen aus dem Sattel zu heben, haben ihm nichts anzuhaben vermocht. In seinem Bücherschrank stehen die Werke von Eichendorff, Kipling und Wallace friedlich beieinander. Diese Fähigkeit, Gegensätze zu vereinen, besitzt er auch in der Politik. Vom rechten CDU-Flügel Hundhammers bis zu dem linken Jakob Kaisers hat er stets seine Fäden gesponnen und Sorge getragen, sie nie abreißen zu lassen. Kein Zweifel, daß sein Eintreten für "Deutschlands Hauptstadt unter den Reben" sogar bei vielen seiner Parteifreunde Mißbilligung hervorgerufen hat. Kein Zweifel aber auch, daß der hagere 73jährige selbst im Weißen Haus dieser Hauptstadt am Rhein eine gute Figur machen würde. Wer ihn je in der rechten Ecke seines geschlossenen Mercedes, kerzengerade aufgerichtet und ohne sich ins Polster zurückzulehnen, langsam dahinrollen sah, weiß das. Den Sohn nicht eben begüterter Eltern und späteren Rechtsanwalt umgibt als Politiker das flair eines gentleman. "Er kann sieben ohne zu triumphieren". Es war der Kommunist Renner, der dieses sprach, und das war ein großes Lob.

Selbst diesem Mann ist jener Hang zur Intoleranz eigen, der ein Kriterium deutscher Parteipolitker zu sein scheint. Doch bei ihm, im Gegensatz zu anderen, entspringt diese Neigung zur Herrschsucht nicht so sehr dem Glauben an eine Parteidoktrin, als vielmehr dem Glauben an sich selbst. Der vierfache Dr. h. c. der Kölner Universität ist im Grunde seines Herzens Autokrat. So kommt es auch, daß er mehr Feinde hat als Freunde,aber – und das ist in der Politik entscheidend – mehr Anhänger als Gegner. Bisher ist es niemand gelungen, zu ergründen, wer von ihnen recht hat: jene, die sagen, Konrad Adenauer sei ein "alter ehrwürdiger Herr", dessen .katholisch-konservative Haltung den ruhenden Pol in einer meisterhaften Beherrschung des politischen Spiels bilde, oder die anderen, die behaupten, er sei ein "alter Fuchs", dessen Starrsinn nur noch von seiner Begabung für verschlagene Intrigen übertroffen werde. Vielleicht werden die nächsten vier Jahre eine Klärung bringen. "Es gibt nur einen Adenauer", meint sein Chauffeur, der selbst Schumacher heißt. Und dieser Schumacher ist überzeugt, daß jener Adenauer ein guter Kanzler sein wird. C. J.