Von unserem Skandinavien-Korrespondenten

Stockholm, im August

Je geringer der Einfluß der Kommunisten auf den finnischen Staat wird, um so desperater werden ihre außerparlamentarischen Aktionen. Trotz der ständigen außenpolitischen Bedrohung hat Fagerholm es vermocht, die VALTO, die verhaßte Staatspolizei, welche der frühere Innenminister Leino in ein Instrument des roten Terrors verwandelt hatte, zu entmachten und aufzulösen. Wie zuverlässig die Polizei unter Leinos Nachfolger, dem Innenminister Aarre Simonen und Kommandeur Gabrielson wieder geworden ist, zeigte bereits ihr vorbildliches Auftreten bei den Streikkrawallen vor der großen Porzellanfabrik Arabia in Helsingfors im Oktober und November vorigen Jahres. Allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz ist auch die Alleinherrschaft der Kommunisten über den finnischen Rundfunk gebrochen worden? seit diesem Sommer ist die bolschewistische Schriftstellerin Heia Wuolijoki durch den parteilosen Radiofachmann Einar Sundström ersetzt worden. Auch auf den Arbeitsplätzen, die früher von den Kommunisten souverän beherrscht wurden, war ihr Einfluß bisher im ständigen Abnehmen und der Wille mit der Regierung zusammenzuarbeiten ist im Wachsen. Die zentrale Gewerkschaftsunion wird heute von einer sozialistischen Mehrheit beherrscht, allerdings stehen 10 Fachgewerkschaften, darunter die großen Transportarbeiter-, Waldarbeiter- und Holzflößergewerkschaften, noch unter kommunistischer Führung und eben diese waren es, die in der vergangenen Woche zu einer Großoffensive übergingen, um noch einmal zu versuchen, die Schlüsselpositionen an sich zu bringen.

Der Streik begann Mitte Juli in der nordfinnischen Hafenstadt Kemi. Dort haben sich inzwischen auf dem Kam Elv, einem der größten Flüsse Finnlands, rund 20 Millionen Kubikfuß Langholz – das ist etwa ein Viertel der gesamten zur Zeit in Finnland geflößten Holzmengen – angestaut. Da Gefahr besteht, daß diese Holzmassen, wenn sie nicht rechtzeitig beseitigt werden, dort einfrieren und bei Eisgang im Frühjahr zu einer Barriere werden, die eine Bedrohung der ganzen Gegend darstellt, hat die Regierung jetzt Streikbrecherkommandos eingesetzt, wobei es zu blutigen Zusammenstößen kam. Die kommunistisch organisierten Fachgewerkschaften haben daraufhin eine umfassende Streikpropaganda entfesselt, der in unerwartet hohem Maße Folge geleistet wurde. In allen finnischen Häfen mit Ausnahme von Fredrikshamm und Borga wird gestreikt. Auch die Bauarbeiter, die Nahrungsmittelarbeiter, de Forstarbeiter und die Holzfällergewerkschaft sind dem Streik beigetreten, haben allerdings zum Teil die Arbeit bald wieder aufgenommen.

Wenn die Kommunisten die Absicht hatten, die Gewerkschaften zu sprengen, so scheint ihre Hetze zum wilden Streik die Spaltung diesmal zu erreichen. In sehr ernsten Worten hat der Arbeitsausschuß der finnischen Gewerkschaften mit acht sozialdemokratischen gegen sechs kommunistische Stimmen die Aktion für unzulässig erklärt: Die von den kommunistischen Verbänden geforderten Lohnerhöhungen müßten, so hieß es, zu Preissteigerungen und neuer Inflationsflut auf Kosten der Arbeiter führen. Die Streiktaktik der Kommunisten gefährde obendrein die solidarische Lohnpolitik der Gewerkschaften, die zum Ziele hat, jede Möglichkeit zu Lohnsteigerungen zunächst für die am schlechtesten gestellten Arbeitergruppen auszunutzen. Die Stellung ultimativer Lohnforderungen ohne vorherige Befragung der Verbandsmitglieder und ohne Sanktion der gewerkschaftlichen Landesorganisation widerspreche in übrigen den Statuten und dem Tarifvertrag. Die Gewerkschaftsunion steht also vorbehaltlos auf Seiten der Regierung und hat erklärt, wenn die verschiedenen Streikultimaten der kommunistischen Gewerkschaften nicht zurückgezogen würden, werde sie zu "disziplinarischen Maßnahmen" greifen und den Ausschluß der betreffenden Verbände aus der Union verkünden. Man hofft, daß diese entschlossene Haltung der Union die kommunistische Front erschüttern wird, zumal sehr viele Arbeiter in den kommunistischen Verbänden nicht selber Kommunisten sind.

Der Kampf geht um Lohnerhöhung. Die gestiegenen Miet- und Brotpreise und die Auswirfangen der im Juli erfolgten Abwertung der Währung werden zur Begründung angeführt. Die Regierung, der es nur mit Mühe gelang die inflationistische Entwicklung aufzuhalten, lehnt diese Forderungen jedoch ab mit der Begründung, daß das im Oktober 1947 beschlossene Lohnregulierungsabkommen die Löhne vom allgemeinen Lebenshaltungsindex abhängig mache, der Index aber habe sich nicht verändert, da die Preissteigerung gewisser Warengruppen durch eine Preissenkung auf anderen Gebieten kompensiert würde. Die ökonomische Begründung für die Streikforderung dient ohnehin nur dazu, die eigentliche Absicht der Kommunisten zu verschleiern, die offensichtlich darin besteht, in einem allgemeinen wirtschaftlichen Chaos die eigene Macht zu festigen, um dann letzten Endes die Volksrepublik auszurufen.

Von kommunistischer Seite wird mit schärfsten Druckmitteln gearbeitet. Auch der Hinweis auf den großen Bruder im Osten, den man zu Hilfe rufen könne, blieb nicht aus, und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei, Ville Pessi, verkündete, jede finnische Regierung, die sich auf Bajonette stütze, werde durch Bajonette fallen. Die Regierung aber ist in ihrer Sprache und ihren Maßnahmen nicht weniger energisch. Minister Varjonen, Präsident des neugebildeten Regierungskemitees, hat in einer außerordentlich scharfen Rede das politische Büro der Kommunistischen Partei als Initiator des Streiks angegriffen und alle freiheitsliebenden Bürger zum Kampf gegen die Kommunisten aufgerufen: "Wir müssen dafür sorgen, daß ihre Niederlage so vernichtend wie möglich wird." Wenn die Kommunisten glauben, daß sie mit Druck und erpresserischen Maßnahmen die Regierung Fagerholm stürzen können, so ist das ein Irrtum. Durch derartige Methoden wird die Regierung Fagerholm, die noch vor wenigen Wochen bei einem Vertrauensvotum nur eine Stimme Mehrheit erhielt, nur gestärkt werden, weil unter den derzeitigen Umständen der Zusammenschluß aller nichtkommunistischen Kräfte die selbstverständliche Reaktion des mutigen finnischen Volkes sein wird. Eugen Scheper