Der folgende Aufsatz, verfaßt von Dr. Preuschen-Imbshausen, dem Leiter des Instituts für landwirtschaftliche Arbeitswissenschaft und Landtechnik (Max-Planck-Gesellschaft) war bereits geschrieben, ehe der Artikel von Dr. Pentz-Un – in der letzten Ausgabe der "Zeit" – erschienen war, dessen Thema hier fortgeführt wird, ohne daß allerdings Dr. Preuschen auf die Pentzlin’schen Argumente gegen die These von der – angeblich – aus sozialen Gründen – erforderlichen Lebensmittelverbilligung eingehen konnte. Hier im folgenden kommt also speziell die Auffassung der Landwirtschaft zum Ausdruck. Interessant ist noch, daß die Düsseldorfer Regierung mittlerweile den Vorschlag des Landwirtschaftsverbandes Westfalen-Lippe akzeptiert hat, wonach (für Getreide) Lieferverträge an die Stelle der Zwangsumlage treten können; als Anreiz wird für je 3 Zentner abgeliefertes Getreide ein Bezugschein für 1 Zentner Mais gegeben. Betriebe, die ihren Liefervertrag erfüllt haben, sind "von Kontrollen und Zwangsmaßnahmen im Rahmen der Getreideerfassung befreit". Es wird also versucht, die Zwangsabgabe zu kommerzialisieren

Mit dem Beginn der neuen Ernte ist auch das alte Bewirtschaftungsjahr für die Landwirtschaft abgeschlossen. Noch gilt offiziell das Veranlagungsgesetz vom Januar 1948, nach dem jedem landwirtschaftlichen Betrieb ein Gesamtsoll auferlegt werden sollte, das er in einer bestimmten Zusammensetzung erfüllen mußte. Das Gesetz, das schon bei seiner Verkündung eineinhalb Jahre zu spät kam, hat sich praktisch nicht ausgewirkt, und in keinem Land wird mehr danach verfahren.

Es war dazu geschaffen, um die Prämiierung der hohen Leistungen auf einer gerechten Grundlage durchführen zu können. Nun aber hat gerade das Land, das der eifrigste Verfechter des Gesetzes war, Nordrhein-Westfalen, im letzten Winter zuerst die Einzelprämiierung der Getreideablieferung ohne Rücksicht auf die sonstigen Betriebsleistungen in der Maisaktion durchgeführt. Heute besteht also – wie zuvor – wieder ein Wirrwarr von Einzelbestimmungen, der durch die Herausnahme einiger Produkte aus der Bewirtschaftung nur wenig verringert ist. Das bisherige System der Erfassung war eben in dem Augenblick zusammengebrochen, als unsere Verwaltung mit dem reichen Kartoffelsegen des Herbstes 1948 nichts anzufangen wußte. Zu Anbauzwang und Lieferverpflichtung gehört eben auch die Abnahmegarantie. Diese Grundkenntnisse staatlicher Planwirtschaft hätte man eigentlich bei unserer Ernährungswirtschaft voraussetzen müssen. Anderseits konnte das völlig überholte Erfassungssystem nur so zu Fall gebracht werden; wir haben deswegen seit Jahren der Landwirtschaft gepredigt: "Baut so viel Kartoffeln an, daß ein Überfluß kommt, dann hört die unselige Planwirtschaft in der landwirtschaftlichen Erzeugung von allein auf."

Während nun in der gewerblichen Wirtschaft die zuständige Verwaltung selbst in der Befreiung der Betriebe von allen bürokratischen Fesseln vorangegangen ist, versucht die Ernährungsverwaltung in Verkennung der tatsächlichen Lage ein System weiter aufrechtzuerhalten, das immer stärker zu einer Hinderung des Produktionsanstiegs werden muß.

Wichtiger noch ist aber die moralische Seite der Angelegenheit. Dem Gedanken des Rechtsstaates hat nichts mehr geschadet als das Verhalten der Ernährungsbürokratie in den letzten Jahren. Speziell der Streit um die Freigabe der Schweinepreise hat im Bauern das Gefühl völliger Rechtlosigkeit aufkommen lassen. Die segensreiche Einwirkung der hohen Milchpreise wurde in Hessen damit quittiert, daß ab 1. Juli die Erzeugerpreise um zwei Pfennig gesenkt wurden. Natürlich lautet das Echo: "Man will eben verhindern, daß der Bauer zu Geld kommt." Dabei sollte man sich einmal, gerade in einer Zeit beginnender Absatzschwierigkeiten der Industrie, mit Maschinenhändlern unterhalten. Diese werden bestätigen, ein wie enger Zusammenhang etwa zwischen den verschiedenen Schweinepreisen dieses Frühjahrs und dem Eingang der Landmaschinenbestellungen bestand. Gerade der Bauer hat ja einen so großen Nachholbedarf an sehr hochwertigen Investitionsgütern, daß die Rückwirkung seiner Geldflüssigkeit auf die gesamte industrielle Beschäftigung wirklich kaum zu gering veranschlagt werden darf.

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In keinem Land Westdeutschlands werden in diesem Jahr Strafen wegen Nichterfüllung des Gesamtsolls ausgesprochen. Um so mehr Strafmöglichkeiten bleiben auf dem Gebiet der Einzelerfassung von Vieh, Milch, Ölfrüchten, Getreide usw. Was soll nun werden? Will man weiter die Dinge so schleppen lassen und so tun, als ob die bestehenden Gesetze nicht da wären? Dann wird man nur erreichen, daß die Rechtsunterschiede von Land zu Land, aber auch von Kreis zu Kreis, immer größer werden und jegliche Achtung vor dem Gesetz schwindet. Man sollte endlich erkennen oder zugeben, daß die Lage sich gewandelt hat, daß nun also grundlegende Änderungen notwendig sind und der Abbau fast der gesamten Ernährungsbürokratie möglich ist. Die Beeinflussung des Anbaus durch den Staat hat sich überlebt. Die an sich "richtige" Kartoffelumlage des Jahres 1949 wurde dem Landwirt ausgerechnet in dem Moment zugestellt, in dem Kartoffeln vorjähriger Ernte völlig unverkäuflich waren. Sie bat von Süd bis Nord ein einziges Hohngelächter ausgelöst. Eine Anbausteuerung kann in Zukunft nur noch über die Beratung und über den Preis erfolgen.