An dem gleichen Tisch im Palais du Conseil General in Genf, an dem sich vor 86 Jahren die Väter der ersten Genfer Konvention versammelt haben, ging in der vergangenen Woche nach fast viermonatiger Dauer die bisher größte diplomatische Rot-Kreuz-Konferenz zu Ende. Die Delegierten von 58 Nationen haben drei überarbeitete Konventionen über die Behandlung verwundeter Soldaten, Schiffbrüchiger und Kriegsgefangener, sowie eine neue Konvention über den Schutz der Zivilbevölkerung aus der Taufe gehoben. Auf den ersten Blick ein erstaunliches Ergebnis: 58 Staaten – 4 Monate Konferenz – 4 neue Gesetze der Menschlichkeit! Doch bei näherem Hinschauen sieht manches anders aus.

Bisher haben erst 17 Nationen ihre Unterschrift unter alle vier Konventionen gesetzt. Den anderen soll am 8. Dezember erneut Gelegenheit gegeben werden, Versäumtes nachzuholen. Wenn dann in der Tat die USA, Großbritannien und Frankreich einerseits, die Sowjetunion und ihre Satelliten anderseits die Genfer Konvention ratifizieren sollten, was wäre dann gewonnen? Für den Westen, was in den triumphierenden Kommentaren seiner Presse über die östliche Teilnahme an der Konferenz bereits jetzt anklingt, daß nämlich die Sowjetstaaten sich zum ersten Male formell den Bestimmungen des Genfer Roten Kreuzes unterwerfen. Für den Osten, etwas sehr viel Substantielleres. Es ist ihm nämlich gelungen, in der militärischen Konvention das Kriegsgefangenenrecht auch auf die Partisanen auszudehnen. Das heißt, daß einer der wichtigsten fand gefährlichsten Faktoren in der Bürgerkriegstrategie des Kreml vom Westen als legal anerkannt wird.

Die einen meiden den Frevel aus Tugend, die anderen aus Furcht vor der Strafe, sagt ein lateinisches Sprichwort. Der Kreml, war bisher nicht sehr geneigt gewesen, den Frevel überhaupt so meiden. Jetzt wird ihm die Strafe von den Tugendsamen auch noch erlassen. Diejenigen Länder, die einen von den Sowjets entfachten Bürgerkrieg bereits kennengelernt haben, werden vermutlich nicht geneigt sein, die neue Konvention zu unterschreiben. C. J.