Der erste Nachkriegsband des "Weltwirtschaftlichen Archivs", der 62. in der chronologischen Folge, liegt mit beiden Heften nunmehr vor. Die von Bernhard Harms begründete Schriftenreihe bedarf auch unter der neuen Regie (Dr. Baade ist Herausgeber; Dr. Zottmann fungiert als Schriftleiter; Hoffmann u. Campe [Hamburg] verlegen) keiner Anpreisung. Seit langem hat sie eine feste Lesergemeinde. Für die aber, die infolge der vierjährigen Unterbrechung den Kontakt mit Kiel verloren haben, sei stichwortartig das Programm des "WWA" aufgezeigt: Schwerpunkt ist "Weltwirtschaft". Daneben kommen aber alle Sozialwissenschaften zu Wort, ohne Konzession an Schulen, Lehrmeinungen oder Richtungen. Das traditionell internationale Gepräge findet seinen Ausdruck darin, daß jeder Verfasser in seiner Landessprache veröffentlicht; am Schluß seiner Ausführungen ist dann eine Zusammenfassung in den wichtigsten lebenden Sprachen zu finden.

Zum Inhalt des ersten Halbbandes: Prof. Baldes Nachruf auf Gustav Stolper ist mehr als eine Würdigung des Mannes, der als Herausgeben des "österreichischen Volkswirts", danach des "Deutschen Volkswirts" und als Chefredakteur des "Berliner Börsen-Couriers" und jetzt als Autor der "Deutschen Wirklichkeit" bekanntgeworden ist. Mit der Schilderung seiner Tätigkeit in der Emigration kommt ein Stück entscheidender Nachkriegsgeschichte (Morgenthau-, Marshall-, Hoover-Plan) zur Sprache.

Surányi-Unger, Professor in Syracuse (USA), berichtet in strenger Anlehnung an physikalische Erkenntnisse über den Elastizitätsbegriff in der Volkswirtschaftslehre. Seine mathematische Darstellungsweise nimmt, scheint uns, wenig Rücksich auf die psychologischen Momente, die sich nun einmal schlecht in Formeln fassen lassen.

Der Persönlichkeit von August Lösch wird in einem Nachruf von Dr. Zottmann gedacht. Das Fragment einer "Theorie der Währung" des Verstorbenen bringt unter Betonung der Standortbedingten Preiswellen und des Transfers neue Momente in das Gelddenken. Die Differenzierungen in seiner Theorie sind – für den Praktiker – wohltuend.

Den Zins sieht Prof. Mackenroth, der Autor des nächsten Beitrags, in der kapitalistischen Wirtschaft als ein funktionsnotwendiges Auslese-Mittel an. In der sozialistischen Wirtschaft dagegen gibt er ihm die untergeordnete Rolle einer entbehrlichen, aber zweckmäßig (Zwang zur Rechenhaftigkeit) beizubehaltenden Kategorie; dies mit der Möglichkeit einer vorteilhaften Zinsdifferenzierung, – ein (vielleicht unbewußt) zu dogmatisch geratener Aufsatz.

Das theoretische Streitgespräch um die Aus-Wang der Keynesschen Liquiditätstheorie des Zinses versucht Prof. Schneider damit zu beenden, daß er mit der Einführung des Begriffs "Eigennachfrage" die Stockholmer und die Cambridge-Schule zusammenführt.

Die aktuelle Diskussion über die Gestaltung der deutschen Auslandsmarktforschung bereichert Dr. Kapferer, politisch leidenschaftslos, mit den fundierten Ausführungen des Praktikers. Es hatte nicht geschadet, glauben wir, wenn der Verfasser in der letzten Wertung: "Kaufleute oder Diplomaten (Juristen) als Konsuln?" mehr aus sich herausgegangen wäre.