Die Schrumpfung des Weltmarktes ist kein gutes Omen für unseren weiteren Textilexpo’rt. Haben wir den Omnibus verpaßt? Hat die politisch und wirtschaftlich gehandikapte deutsche Spinnstoffwirtschaft zu spät den Anschluß an die Außenmärkte gefunden? Der "Verkäufermarkt" der ersten Nachkriegsjahre ist abgeflaut. Die Abnehmer haben weit und breit das erste. Wort, soweit nicht schon die Devisenlage vieler Länder am Anfang Barrieren aufgerichtet hatte. Zwar sind wir über die ersten Tastversuche mit reinen Lohnveredelungsgeschäften weit hinausgekommen Eine große Anzahl von Handels- und Zahlungsabkommen beweisen nicht nur, daß die Kriegspsychose in den meisten Ländern gewichen ist; sie haben auch sachlich den gegenseitigen Güteraustausch gefördert.

Darüber hinaus geben die ERP-Einfuhren eine wesentliche Grundlage. Aber um 1952/53 im Rahmen des europäischen Aufbauprogramms mit einer geplanten Textilausfuhr von rund 220 Mill. Dollar auf eigenen Füßen stehen zu können, bedarf es anderer handelspolitischer Mittel. Die zweiseitigen Abkommen überspringen zwar an zahlreichen Stellen die sonst unübersteigbaren Devisensperren, aber sie ermangeln in ihrer Kurzfristigkeit und sachlichen Begrenzung der nötigen Beweglichkeit. Gewiß genießen die Vereinigten Westzonen die Meistbegünstigung in etwa 30 Ländern –, jedoch hat man mit dem Aushandeln von Zollsätzen überhaupt noch nicht begonnen. Hier steckt noch mancher Trumpf, der zur Förderung des Güteraustausches ausgespielt werden könnte. Wir erinnern an den deutsch-französischen Handelsvertrag von 1925, der mit einer großen Anzahl Zollabreden zum Eckstein der deutschen Außenhandelspolitik nach dem ersten Weltkrieg wurde. Es ist gewiß, daß ein ähnlich umfassender Vertrag nach den Grundsätzen des Gebens und Nehmens auch eine Bresche in die Sperre der sogenannten "Luxusgüter" legen würde, die in vielen Ländern "weicher" Währung einen Absatz hochwertiger deutscher Spinnstoffwaren fast oder ganz unmöglich machen.

In der Abwehr "nicht lebenswichtiger" Erzeugnisse von seiten vieler Staaten liegt heute ein entscheidendes Problem der deutschen Spinnstoffwirtschaft. Der Export von Stapelwaren war wegen der ständig wachsenden Konkurrenz schon vor dem letzten Kriege viel schwieriger als die Ausfuhr von Spezialerzeugnissen mit hohem Lohngehalt. Eine Chance bot das Qualitätsprodukt, das auf der Erfahrung von Geschlechtern fußte. Heute aber hat nicht nur der Massen- und Stapelartikel gegen scharfen Wettbewerb geringe Aussichten: auch das hochwertige Verfeinerungserzeugnis rennt allzuoft vergeblich gegen Devisensperren an. Natürlich gibt es Ausnahmen in beiden Gattungen. So hat England in den letzten Jahren im beachtlichen Umfange Stapelware abgenommen, freilich in der Hauptsache wohl zum Wiederexport, z. B. Kunstseidengewebe. Und rührige Unternehmen der hohen Verfeinerung, die sich den Märkten anzupassen wußten, können von guten Exporterfolgen berichten.

Natürlich liegt hier, im Fehlen umfassender Zollabkommen, nicht allein die Ursache des schwierigen Exports. In sehr vielen, wenn nicht den meisten Fällen ist auch die mangelnde Kenntnis der Märkte daran schuld. In einer kurzen Zeitspanne und mit unzureichenden Mitteln läßt sich die Abschirmung vieler Jahre nicht einfach wettmachen. Daraus erklärt sich manche Niete. Die Begegnungen in der Industrieschau zu New York und auf den Exportmessen sind indes geeignet, neue Fäden zu knüpfen. Die Bekleidungsindustrie ist fast noch gar nicht ins Geschäft gekommen. Die Teppich- und Möbelstoffindustrie, die Band- und Flechtartikelindustrie, die Tuch- und Kleiderstoffindusttie und andere Zweige stehen bestenfalls in den Anfangen eines neuen Exports, während die Baumwollindustrie mit ihrem Omgusgeschäft an amerikanischen Krücken wieder in die Welt hinaustrat und die Kunstseidenindustrie einer Garnengpaß der USA gegen Zellstoff- und Hilfsstofflieferungen ausfüllt.

Im übrigen war die unzureichende Versorgung mit guten Spinnstoffen und Garnen in den letzten Jahren auch für manchen exportfreudigen Unternehmer ein Anlaß, sich nicht mit untauglichen Mitteln die künftigen Ausfuhrchancen verderben; dieses Hindernis verliert nun immer mehr an Bedeutung Ebenso war die stürmische, mit Konjunkturpreisen einhergehende Sinnenmarktnachfrage des letzten Jahres nicht gerade ein Ansporn zur Pflege des Exports. Es ist an der Zeit, sich im Abflauen der heimischen Kaufkraft darauf zu besinnnen, daß die von ausländischen Spinnstoffen in hohem Grade abhängige deutsche Textilindustrie ohne steigende Ausfuhren nie und immer gedeihen kann.

Die verzwickten Außenhandelsverfahren haben es oft und oft schwer gemacht, genügend Exportfreude zu wecken. Die JEIA ist die am meisten und gewöhnlich nicht mit schmeichelhaften Worten genannte Kontrollbehörde. Aber im Vergleich mit der anfänglichen Schwerfälligkeit im Außenhandel sind wir ein gutes Stück weitergekommen, mochten auch plötzliche Rückfälle in kaum überwundene Methoden (Exportgenehmigungszwang nach gewissen Ländern) große Enttäuschung hervorrufen Die Außenhandelsspezialisten in den Textilunternehmen und -verbänden haben oft schwere Tage gehabt. Eines aber ist sichert der deutschen Textil Wirtschaft, die jahrelang nach unbevormundeten Individualgeschäften im Außenhandel geschrien hat, wäre mangelnde Konsequenz vorzuwerfen, wenn sie in der Einfuhr verneinte, was sie in der Ausfuhr bejaht und wünscht. Das Einfuhr-Reihenfolgeverfahren bei Rohstoffen (außer Baumwolle und Wolle) und Spinnstoffwaren mag (trotz seiner Milderung gegenüber dem anfänglichen "Windhundrennen") immer noch manche Schönheitsfehler zeigen, aber es strebt folgerichtig die Marktwirtschaft an, die von Industrie und Handel sonst gepriesen wird. Die Ecken und Kanten werden sich hoffentlich bald abschleifen.

H. A. N.