Es muß berücksichtigt werden, daß diesem Apparat alle technischen Mittel in vollem Maße zur Verfügung stehen. Sämtliche Zeitungen und Zeitschriften, alle Buchverlage und Druckereien, sämtliche. Theater und kulturelle Vergnügungsstätten sind ihm unterstellt. Es gibt in der UdSSR keine Einrichtung bis hinauf zur Akademie der Wissenschaften, es existiert kein Mensch, der in dieser oder jener Form nicht täglich Propaganda für die Sowjetunion treibt, bewußt oder unbewußt. Wer Sie auch sind und wo sie sich auch befinden, wenn Sie Staatsangehöriger der UdSSR sind, müssen Sie falsches Zeugnis ablegen. Wenn Sie hungrig und unglücklich sind, müssen Sie laut erzählen, Sie seien satt und glücklich. Und wenn Sie das Regime hassen, müssen Sie überall zur Schau tragen, daß Sie es verehren und restlos zufrieden sind. Die Arbeiter einer Fabrik flehen ihren "Führer" beinahe auf den Knien an, irgendeine Reichsanleihe herauszugeben, für die jeder Angestellte oder Arbeiter in der Sowjetunion jährlich mindestens ein Monatsgehalt opfern muß. Unddabei leben die Arbeiter im Elend und wissen nicht, wie sie ihre Familie durchbringen sollen. Wenn Stalin eine Rede hält, so beginnt im ganzen Land ein Begeisterungstaumel. Auf allen Plätzen werden nach solch einer Rede Versammlungen veranstaltet und vorgeschriebene Telegramme mit hysterischen Begeisterungsergüssen abgeschickt. Die Rede wird als einmaliges geschichtliches und noch niemals erreichtes Meisterwerk bezeichnet. Kaum hat Stalin irgendwo eine Bemerkung gemacht oder einen Gedanken geäußert, zum Beispiel, daß die Bolschewistische Partei die Absicht habe, den Lebensstandard zu heben – sofort klingt und rauscht es in ganz Rußland und wie in einem Papageienkäfig hört man überall: "Stalin ist groß – er ist der gütige Vater und geniale Führer aller Völker der Erde – er ist weise und allwissend – er sorgt für alle und liebt alle und er wird von allen geliebt – unter seiner Führung ist das hungrige, bettelarme Rußland in ein Land der Fülle, Liebe und Freiheit verwandelt worden ..." Und dieser Unsinn wird pausen- und schamlos Tag für Tag, Jahr für Jahr wiederholt und eingehämmert.

Wie man weiß, sind, die Angaben über die Anzahl der Häftlinge in den sowjetischen Konzentrationslagern sehr widerspruchsvoll, ihre Verschiedenartigkeit erzeugt sogar Mißtrauen. Darüber können vielleicht diejenigen am besten urteilen, die selbst jahrelang zu den Lagerinsassen gehörten. Jedenfalls gibt die Statistik der UdSSR keine Auskunft. Während der Volkszählung 1939 befand im mich selbst im Lager. Dort wurden alle Insassen, darunter auch ich, einfach als "Arbeiter" registriert, als Holzfäller, Eisenbahnarbeiter und so weiter. Auf diese Art wurde amtlich festgelegt, daß der Stützpunkt Erzeff des Konzentrationslagers Kargopol überhaupt keine Häftlinge beherbergte. In Wirklichkeit gab es also gar kein Konzentrationslager. Irgendwo zwischen Wolodga und Archangelsk bestand lediglich eine Siedlung, in der 30 000 fleißige und zufriedene Arbeiter Holz fällten, Sägewerke errichteten und Feldeisenbahnen bauten.

Um die Gesamtzahl der Arbeitssklaven festzustellen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. In jedem Lager existiert eine Stelle, die aus mancherlei Gründen genau über die Anzahl der Häftlinge unterrichtet sein muß. Man kann zum Beispiel keine Verpflegung bestellen, ohne zu wissen, wieviel Menschen ernährt werden müssen. Auch die Planungsabteilung kann nicht planen, ohne die Zahl der Arbeitskräfte zu kennen. In diesen Abteilungen wie in allen anderen arbeiteten unsere Leidensgenossen, von denen man sehr bündige und genaue Angaben über die gesamte Belegschaft erlangen konnte. Analoge Angaben konnte man ohne Schwierigkeiten auch über die Zahlen anderer Lager bekommen. Denn aus irgendwelchen Gründen hat die NKWD das Bestreben, die Insassen der einzelnen Lager fortwährend zu wechseln. Vielleicht soll ein engerer Kontakt unter den Lagerinsassen verhindert werden. Jedenfalls erzeugt diese Methode bei allen Häftlingen ein Gefühl der Unsicherheit und Unruhe. Diesem Wechsel waren nicht nur die Häftlinge, sondern auch die sogenannten freiwilligen Arbeiter unterworfen. Von den Neuankömmlingen konnte man ohne Schwierigkeiten erfahren, wie die Zustände in anderen Lagern waren und wieviel Häftlinge sich dort befanden.

Da kam zum Beispiel ein Mann aus dem Konzentrationslager Kolyma, das ist ein riesiges Gebiet am gleichnamigen Fluß im Nordosten Sibiriens. Er hatte seine Frist abgesessen und sich danach freiwillig zur Arbeit in der Hauptverwaltung der Konzentrationslager gemeldet, um nicht über kurz oder lang doch wieder verhaftet zu werden! Dieser Mann, der auch im Kolymagebiet in der Verwaltung gearbeitet hatte, wußte ganz genau, daß dort im Jahre 1939 etwa 1500 000 Häftlinge waren. Er war übrigens durchaus keine Ausnahme. Eine große Anzahl der Beamten in der Verwaltung der Konzentrationslager sind solche ehemaligen Häftlinge. Sie fühlen sich auf diesen Posten vor den Zugriffen der NKWD am sichersten.

Also dieser Freiheitsverweigerer aus dem Kolymagebiet nannte eine Zahl von 1 500 000. Ein anderer aus dem Gebiet von Ust-Petschorsk hatte festgestellt, daß sich dort annähernd 1000 000 befände. Ein Ankömmling aus Zentralasien teilte mit, daß dort ebenfalls mindestens 1000000 Häftlinge arbeiteten. Aus diesen Zahlen errechneten wir eine Gesamtsumme von etwa 15 bis 20 Millionen.

15 bis 20 Millionen Menschen, die der Freiheit beraubt sind: in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Das war der Stand der Jahre 1937 bis 1939.

Es wurde schon gesagt, daß die Häftlinge in den UdSSR Furcht vor dem Wechsel ihres Aufenthaltsortes haben. Diese Transporte werden Etappen genannt ... Selbstverständlich lebten wir auf dem Stützpunkt Erzeff alles andere als angenehm. Die Lebensbedingungen waren im Gegenteil so schrecklich, daß mitunter selbst der Tod als Erlösung erschien. Trotzdem wollte niemand seinen Platz wechseln. Die Leute hatten sich an die Umgebung gewöhnt, jeder hatte sich den Verhältnissen angepaßt, hatte seine Freunde und Bekannten, und jedermann besaß gewissermaßen seinen "Winkel". Ich persönlich fürchtete diese Etappen jedenfalls sehr. Besonders fürchtete ich aber, daß man mir irgendeinen verantwortlichen Posten in einer chemischen Fabrik andrehen könnte. Das hätte bedeutet, daß ich wiederum die Verantwortung für die Produktion übernehmen mußte, und bei der geringsten Panne hätte die NKWD neuen Grund gehabt, mich als "Schädling" zu diffamieren. Die Folge wäre eine neue langfristige Verurteilung, vielleicht sogar ein Todesurteil gewesen. Auf dem Stützpunkt Erzeff war ich dagegen in einer gewissen Weise gut dran. Ich mußte zwar schwer arbeiten und hatte weder am Tage noch in der Nacht Ruhe. Dafür besaß ich aber einen eigenen Wohnraum, der zwar unscheinbar und elend war, mich jedoch vor Ungeziefer, Parasiten und den anderen Peinlichkeiten schützte, die in den Massenquartieren unvermeidlich sind. Außerdem war meine Arbeit als Heilgehilfe ohne Verantwortung und ungefährlich, denn es spielte absolut keine Rolle, ob im Lager täglich 10 oder 20 Menschen starben, ob einige Hundert aus Erschöpfung oder infolge anderer Krankheit bewegunslos in den Baracken lagen.

Kein Mensch kann jedoch seinem Schicksal entgehen. Am Nachmittag des 28. November 1939 teilte mir einer meiner Freunde mit, er habe ein Telefongespräch mitgehört, worin mein Name im Zusammenhang mit einem Transport zum chemischen Kombinat Wandysch erwähnt worden sei.