Als die Wogen der Politik stürmisch gingen, wurden sogar die Frösche politisch, und einer von ihnen schrieb "an den Redakteur des Tageblattes in Leipzig". Das geschah – wie in dem "Anekdotenjäger", einer "Zeitschrift für das lustige Deutschland", zu lesen war – im Jahre 1848. So lang ist’s her und noch immer aktuell...

Verehrter Herr! – Sie werden, sich vielleicht wundern, einen Korrespondenz-Artikel aus dem Reich der Frösche zu erhalten. Das Schreiben ist allerdings bei uns Fröschen im allgemeinen noch nicht im Gebrauch, doch bin ich ausnahmsweise in dem glücklichen Fall, da ich zwölf Jahre lang bei einem alten Professor in Leipzig als Wetterfrosch gedient habe, wo ich denn durch fortwährendes Zusehen endlich hinter das Lesen und Schreiben gekommen bin. Als der Mann gestorben war, warfen mich seine dankbaren Erben mitsamt dem Glas zum Fenster hinaus, und ich mußte mir nun auf eigene Faust mein Fortkommen suchen.

Ich liebe Ihr Tageblatt ungemein und studiere es fleißig, wenn auch nur fragmentarisch, insoweit es durch Vorübergehende auf unserer Wiese weggeworfen wird. Die interessantesten Nummern sind mir jederzeit diejenigen, in denen noch etwas Wurst oder Käse hängengeblieben ist, außerdem interessiere ich mich für alle Artikel, in denen der Anlegung von Schleusen das Wort geredet wird.

Von Ihren politischen Verhältnissen kann ich mir kein klares Bild machen; es scheint mir dermalen bei Ihnen alles drunter und drüber zu gehen und mit den Köpfen gegeneinanderzurennen. Nur so viel sehe ich, daß ein Teil Republik haben will, der andere nicht. Da möchte ich denn uns Fröschen beinahe mehr politischen Verstand zutrauen als den Menschen; denn bei uns ist diese Frage schon seit Jahrtausenden zugunsten – der Republik entschieden. Seit wir mit unserem König Storch, dem bösen Nachfolger des guten Königs Klotz, so üble Erfahrungen gemacht haben, sind wir aufrichtige Republikaner geworden und befinden uns wohl dabei. Unser Staatsleben geht seinen geordneten Gang, und wenn es auf unseren Landtagen, die wir jedes Frühjahr abhalten, auch lebhaft genug hergeht, so sind es doch keine Prinzipienfragen, die da zur Verhandlung kommen, sondern meist Gegenstände des praktischen Staatshaushalts, der Kindererziehung, Kultur der Wasserlinsen, Mästung der Regenwürmer, der Wetterprognose usw....

Nun kamen aber die Brekekeks und brachten ganz neue, bisher unerhörte Dinge zum Vorschein, die sie Kommunismus nannten und die ihnen ein von Paris eigens zu diesem Zweck hergesdiwommener Frosch in die Köpfe gesetzt hatte. Sie verlangten, daß die vollständigste Gleichheit unter allen Fröschen eingeführt werde, daß es durchaus keine armen und reichen Frösche mehr geben dürfe. Bis jetzt hatten wir uns alle für gleichgestellt angesehen, und die Worte "arm" und "reich" schienen für uns gar keinen Sinn zu haben, da jeder Frosch gleiches Jagdrecht genießt und nur die Faulen manchmal hungern oder mit schlechter Pflanzenkost vorliebnehmen müssen; denn die Lieblingsspeise der Frösche sind bekanntlich Fliegen und Schnaken, welche allerdings erst gefangen sein wollen. Nun bewiesen aber die Radikalen, daß eben in der Fähigkeit, Fliegen zu fangen, die allergrößte Ungleichheit herrsche, indem einzelne Frösche oft eine weit längere Zunge hätten als die große Mehrzahl und mithin eine viel größere Anzahl Fliegen wegfangen könnten als die anderen; dies seien also die Bevorzugten oder Reichen, welche sich auf Unkosten ihrer ärmeren (Brüder mästeten Zur Beseitigung dieser großen Ungerechtigkeit müsse also eine ganz gleiche Zungenlänge eingeführt und alle Zungen, welche länger seien, bis auf das Normalmaß abgebissen werden.

Sie können sich denken, welchen Sturm dieser revolutionäre Antrag hervorrief. Acht Tage dauerten die Debatten; es steht aber leider zu fürchten, daß die radikale Partei nächstes Jahr mit verstärkten Kräften sich auf ihr Lieblingsthema werfen wird, und wenn sie vielleicht siegen sollte, so steht das tausendjährige friedliche Froschreich an der Schwelle der Anarchie und vielleicht des völligen Untergangs.

Hans Quack

Senator zu Froschburg