Von H. Paustian

Druckmaschinen und Gipsformen haben sein Bild ausgespien. In jede Schule, in jedes Haus das gute Goethebild! So wollte es die eifrige Reproduktionstechnik. Aber sah er wirklich so aus. wie man ihn uns nahebrachte? Die beiden allgemein bekannten Darstellungen: das Bild des Neunundsiebzigjährigen von Stieler und die Büste von Rauch sind nach dem Leben geschaffen; die Zeitgenossen lobten die Ähnlichkeit, und Goethe selbst fand sie gelungen. Dennoch bemängelten manche, die es wissen mußten, schon damals, daß die Kopfwendung und Blickrichtung beider Bildnisse Goethe nicht eigentümlich seien. Es sei vielmehr bezeichnend für ihn, daß er sein Gegenüber stets offen und fest ansähe. Rauch hatte nämlich, um die Asymmetrie in Goethes Antlitz zu verbergen, dem Kopf eine lebhafte Wendung zur Seite gegeben, so daß der Dargestellte den Beschauer nicht anblickt. Stieler war darin dem Bildhauer aus wahrscheinlich gleichen Gründen gefolgt.

Wie sah Goethe wirklich aus? Vorhanden sind mehr als 150 Goethebildnisse. Sie spiegeln als Zeichnungen, Schattenrisse, Medaillen, Ölgemälde und Büsten alle Stadien seines Lebens – von der Frankfurter Knabenzeit bis zum Tod in Weimar. Aber leider ist Goethe in diesen sieben Jahrzehnten keinem Künstler von kongenialem Können begegnet. Die meisten Darstellungen sind glatt, bürgerlich, manche sogar ausgesprochen dilettantisch, ohne den genialen Zug, der das wahre Wesen des Dichters hätte ausdrücken können. Man sah nur den Minister und Geheimrat, nicht den Dichter.

Goethe selbst urteilte sehr nachsichtig über alle diese Versuche und ließ sich immer wieder zum Sitzen überreden. In hohem Alter verlor er allerdings die Geduld: "Ich habe so oft Künstlern gesesssen, man hat mich damit gemartert und geplagt, und von den vielen in der Welt kursierenden Abbildungen sind die allerwenigsten mir zu Danke. Ich bin darüber verdrießlich geworden und habe mir zum Gesetze gemacht, mich niemandem mehr dazu herzugeben."

Über Goethes Aussehen sind zahlreiche Äußerungen überliefert. Wer sie flüchtig durchblättert, wird meinen, daß man aus dieser Fülle oft recht treffend erscheinender Bemerkungen das richtige Goethebild gewinnen könne. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die einzelnen Äußerungen widersprechen sich. Da reden die einen von "schwarzen", die anderen von "hellbraunen" Augen; einige meinen, seine Stimme sei "leise" gewesen, andere behaupten, sie habe einen "ungeheuren Klang" gehabt. Genau so wenig ist man sich über seine Haarfarbe im späteren Alter einig. Die Angaben schwanken zwischen "schlohweiß" und "nur leicht ergraut". Und wem soll man mehr glauben, dem Hausarzt, der behauptet, Goethe habe sich bis ins hohe Alter fast alle Zähne bewahrt, oder zwei Verehrern, die Goethe im Jahre 1827 besuchten und bekundeten, daß der Greis sämtliche Zähne eingebüßt habe?

Ebenso widersprechen sich die Aussagen über Goethes Gesamterscheinung.

"Das erste, was mir an ihm auffiel und Sie zu wissen verlangen werden... war seine Figur. Er ist von weit mehr als gewöhnlicher Größe schreibt David Veit an Rahel Levin im Jahre 1793. Schiller dagegen kennzeichnet ihn in einem Brief an Körner: "Er ist von mittlerer Größe, trägt sich steif und geht auch so .."