Von unserem südamerikanischen Sonderkorrespondenten Ernst Samhaber

In China macht der Bolschewismus täglich Fortschritte, und aus den übrigen asiatischen Ländern kommen bedrohliche Nachrichten über wachsende kommunistische Propaganda. Demgegenüber scheint Südamerika von dieser Gefahr nur wenig bedroht – wenn wir den amtlichen Mitteilungen glauben wollten. Die kommunistische Partei ist fast überall verboten. Für die Wahlen darf sie entweder gar keine Kandidaten aufstellen oder die Zahl der Stimmen, die sie erhält, ist verschwindend gering. Aber hin und wieder erhellen unerwartete Ereignisse wie ein Wetterleuchten die politische Bühne. Dann zeigt es sich, daß der Bolschewismus unter der Oberfläche eine beträchtliche Macht besitzt.

In der zweiten Augustwoche lag der Schatten des Aufruhrs über Chile. Der Anlaß, war geringfügig: Die Verkehrsmittel erhöhten ihre Tarife, und das war der Tropfen, der die herrschende Unzufriedenheit mit der wachsenden Teuerung zum Überlaufen brachte. Die Studenten zogen durch die Stadt und protestierten mit Sprechchören gegen die neuerliche Belastung. Diese Gelegenheit ergriffen die Kommunisten, um ihre Anhänger auf die Straße zu werfen und Zwischenfälle hervorzurufen. Straßenbahnen wurden angehalten, Fensterscheiben eingeschlagen, Omnibusse umgestürzt und beschädigt. Auf einmal waren die dunklen Gestalten da, die bei jeder Unruhe aus dem Boden zu wachsen scheinen. Sie gehorchen den Befehlen einer unsichtbaren Organisation und stehen bereit, sobald sich die Möglichkeit ergibt, zu rauben und zu plündern.

Die Regierung griff energisch ein. Sie zog ein großes Aufgebot von Polizei in Santiago zusammen, übernahm den Schutz der Verkehrsmittel, indem sie jeden Straßenbahnwagen und jeden Omnibus von bewaffneter Polizei begleiten ließ, und sorgte dafür, daß alle strategischen Punkte der Stadt stark besetzt waren. Die Kommunisten ließen sich jedoch dadurch nicht einschüchtern. Ihre Anhänger waren bewaffnet, und so kam es auf den Straßen nicht nur zu Steinwürfen, sondern auch zu Feuergefechten. Drei Personen wurden getötet, an die 300 verwundet. Am nächsten Tage machte der Stadtkern von Santiago den Eindruck einer besetzten Stadt. Die Polizei rückte mit Karabinern aus, berittene Schwadronen mit Lanzen und Fähnchen hielten auf der Hauptstraße, vor den Regierungsgebäuden lagerten die Truppen des Heeres mit Stahlhelmen und Gewehren.

Statt dessen schlugen die Kommunisten aber im Kohlengebiet los. Sie veranlaßten die Arbeiter einer Kohlenmine bei Concepción, in das Bergwerk einzufahren und sich dort zu verschanzen. Erst als am nächsten Tage reguläres Militär erschien und zur Übergabe aufforderte, ergaben sich die Bergarbeiter. Kommunistische Agitatoren hätten sie mit der Nachricht getäuscht, in Santiago sei die Revolution ausgebrochen, der Generalstreik erklärt und die Regierung abgesetzt worden. Es ist die gleiche Taktik, die die Kommunisten in Südamerika immer anwenden: In einem Augenblick allgemeiner Verwirrung vollendete Tatsachen zu schaffen, die unteren Volksmassen aufzuwiegeln und die Macht an sich zu reißen. Kurz vorher war in Brasilien ein Komplott aufgedeckt worden, daß anscheinend ähnliche Ziele verfolgte.

Auch nach der-Wiederherstellung geordneter Verhältnisse in Santiago wollen die Gerüchte nicht verstummen, die von einem bevorstehenden Generalstreik sprechen. Zahlreiche Gruppen sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung unzufrieden, leiden unter der ungeheuren Teuerung, die zum großer Teil eine Folge der maßlosen Papiergeldausgaben der letzten Jahre ist. Hinter diesen Gruppen verstecken sich die Kommunisten. Sie überlassen es ihnen, die Forderungen zu stellen, haben dann aber selbst die geschulten Kämpfer, die sich auf die Straße werfen lassen, den Generalstab, der aus den Unruhen die Revolution gestalten könnte. Sie warten nur auf ihre Stunde.