Während die Musikkapelle des Khalifen von Spanisch-Marokko – in karmesinrote Uniformhemden, blaue Pluderhosen und weiße Turbane gekleidet – die Nationalhymnen und erregend rhythmisierte arabische Märsche anstimmte, trafen sich in der spanischen Hafenstadt La Corona zwei Männer, die manches miteinander gemein haben. Beide, der Staatschef über das Land der Sierras und Hochebenen und der König über Sand und Steppe, herrschen über Völker, die dem Staatsgedanken nur lose verbunden sind – Franco über "40 Millionen Könige" und Abdallah über eine halbe Million Beduinen. Beide regieren fast in den gleichen Formen und werden darob gleicherweise vom Ausland kritisiert. Und beide haben eine seltene staatsmännische Eigenschaft von höchster Bedeutung: Geduld. Die Geduld, Pläne reifen zu lassen und Stürme einfach durch Abwarten zu überstehen. Und schließlich – sie sind beide schlaue Füchse, die ihrer Umwelt schon manche Nuß zu knacken gaben und ihren Vorteil bedingungslos zu wahren wissen.

Bei aller Gemeinsamkeit der Formen und des Fühlens ist sich jeder sachkundige Beobachter Im klaren darüber, daß der Staatsbesuch König Abdullahs in Spanien nicht aus sentimentalen Gründen erfolgte. Der so laut herausgestellte gemeinsame Widerstand gegen den Kommunismus dürfte auch kaum die Ursache des Treffens gewesen sein, denn die kommunistischen Probleme liegen in beiden Ländern ganz verschieden, und einem etwaigen sowjetischen Angriff könnten die beiden durch 3000 Kilometer und ein Meer getrennten Staaten ohnehin nicht gemeinsam begegnen.

Ein wesentlicher Grund für Abdullahs Besuch könnte nach Ansicht arabischer Zeitungen die Rolle sein, die Spanien innerhalb der spanischsprechenden und der katholischen Welt spielt. Die bevorstehende UN-Vollversammlung hat für die Araber wichtige Punkte auf der Tagesordnung: Das Schicksal Jerusalems, Grenz- und Flüchtlingsfragen in Palästina, und die Zukunft der italienischen Kolonien. Nach den Erfahrungen der letzten Tagung kommt es dabei auf jede Stimme an, und die südamerikanischen Staaten haben nicht immer so mitgezogen, wie die Araber das erwartet hatten, ja, in der Frage der italienischen Kolonien haben sie die arabischen Pläne scheitern lassen. Hier könnte Franco, wenn er auch selbst nicht Mitglied der UNO ist, einen Kontakt herstellen. Die nordarabischen, heute Abdullahs Einfluß zugänglichen Staaten würden dafür den südamerikanischen Standpunkt in der Spanienfrage unterstützen, falls diese noch einmal zur Diskussion gelangen sollte. Auch kommt Abdullah ein kleiner Schreckschuß gegen England, das diesen Besuch nicht übermäßig gern sieht, ganz gelegen. Er ist zwar Seiner Britischen Majestät allergetreuester Alliierter, aber man soll seine Verbündeten nicht zu sehr verwöhnen, sonst verlieren sie das Interesse. Nicht zuletzt könnte Abdullah sein Aufsehen in der arabischen Welt erheblich stärken, wenn es ihm gelingen würde, Franco zu einer liberalen Politik in Marokko zu bewegen, die dann automatisch auch von den französischen Behörden in Nordafrika übernommen werden müßte.

Hier wird zweifellos auch Francos Interesse geweckt, für den dieser Besuch ohnehin ein wichtiger Schritt aus der Isolierung ist und eine erhebliche Erhöhung seines Wertes bei allen Verhandlungen mit Dritten. Ein Druck auf Frankreich auf dem Umweg über Marokko könnte vielleicht den Quai d’Orsay veranlassen, im europäischen Feld Spanien etwas mehr entgegenzukommen.

Der Besuch des arabischen Herrschers in Spanien liegt aber auch im Interesse Gesamteuropas. Europa und der Orient sind in politischer, wirtschaftlichen und strategischer Hinsicht so sehr aufeinander angewiesen, daß jede neue Bindung der arabischen Welt an den Westen zu begrüßen ist, ganz gleich, an welchem Punkt des Kontinents und zwischen welchen Partnern sie erfolgt.

Peter Schulze