Unter dem Titel "Außenwirtschaft" erschien soeben im Verlag Vandenhoek & Ruprecht in Göttingen ein neues Werk von Professor Dr. A. Predöhl (Kiel), das hier durch einen Praktiker der Außenwirtschaft, einem Hamburger Kaufmann, ausführlicher gewürdigt werden soll.

Dieser Grundriß der Außenwirtschaft bezeichnet sich selbst als "Lehrbuch". In meinem Leben habe ich viele Lehrbücher studieren müssen, wüßte aber keines zu nennen, das über den Kreis der Fachwelt hinaus von interessierten Laien mit solcher Spannung gelesen werden wird wie das neue Werk von Predöhl. Dies beruht ebenso sehr auf der Form wie auf dem Inhalt. Die Lebendigkeit und Anschaulichkeit des Vortrages ist ungewöhnlich. Den Wert für die Wissenschaft zu beurteilen, muß ich den Fachgelehrten überlassen – mag auch für den Laien ersichtlich sein, daß er jedenfalls den eines Lehrbuches im üblichen Sinn übersteigt.

Die herkömmliche Vorstellung von der Außenwirtschaft geht von den Staatsräumen aus, und die Vorgänge an deren Grenzen sind die willkommene Beute der Statistiker. Der Verfasser weist an dem Beispiel USA und USA/Kanada überzeugend nach, daß die innerwirtschaftlichen Vorgänge in großräumigen Volkswirtschaften in diesem Zusammenhang nicht übergangen werden können, und daß die Staatsgrenzen ökonomische Zusammenhänge willkürlich zerschneiden. Er nimmt deshalb die"Kraftfelder der industriellen Gravitationszentren "zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. "Kein einziges Land Europas kann von sich aus, geschweige denn auf Kosten eines anderen, seine Stellung in der Weltwirtschaft behaupten", und: "es gibt überhaupt nicht so etwas wie eine deutsche Wirtschaft abseits der holländischen oder der dänischen oder der englischen Wirtschaft, so wenig wie es eine Wirtschaft von Iowa oder von Missouri abseits der Wirtschaft von Illinois gibt" – das sind zwei Beispiele für die Folgerungen des Verfassers. Er erklärt an einer Stelle, daß die dieser Art zur "Raumwirtschaftstheorie" erweiterte Standortstheorie nicht grundsätzlich neu sei, spricht jedoch in anderer Stelle von wissenschaftlichem Neuland. Dem sei, wie ihm wolle. Für den Laien ist mein wichtig, daß der Verfasser auf diesem Unterbau einen überaus eindrucksvollen Überblick über die historische Entwicklung bis in die Gegenwart hinein bietet, abschließend mit der Darlegung der Probleme für die Gestaltung der Zukunft, die nach seiner Meinung, über eine Wiederbesinnung auf die Notwendigkeit der wirtschaftlichen Integration der europäischen Länder – dieses einen Kernraumes der Weltwirtschaft –, zu einer Multilateralität höherer Ordnung in der handelspolitischen Verflechtung aller Länder führen muß.

In straffem Aufbau zerfällt das Buch in die drei großen Abschnitte: "Die räumliche Ordnung der Wirtschaft" (Weltwirtschaft), "Staatsraum und Wirtschaftsraum" (Handelspolitik) und "Der internationale Austausch" (Währungspolitik), Jeder dieser drei Abschnitte beginnt mit den theoretischen Grundlagen, die ich flüchtiger und nicht ganz frei von der Skepsis gelesen habe, daß hier versucht wird, die ganze Wirklichkeit in einem System einzufangen. Gegenüber den "Vätern" der Nationalökonomie scheint ja diese Skepsis nicht ganz unberechtigt zu sein ... Der Verfasser denkt nüchterner und läßt immer wieder Raum für die irrationalen Kräfte, von denen die Politik nur die robusteste sein mag. Über den weiteren Aufbau, der sich korrespondierend in den beiden anderen großen Abschnitten wiederholt, geben die Kapitelüberschriften des ersten Abschnittes ein gutes Bild: "Integration" (Frühkapitalismus), die Periode der uni-konzentrischen Weltwirtschaft mit der englischen und westdeutschen Industrie als Kernraum, "Expansion" (Hochkapitalismus), die Periode der bi-konzentrischen Weltwirtschaft mit der westeuropäischen und nordamerikanischen Industrie als Kernräumen und endlich "Intensivierung" (Spätkapitalismus), die Periode der tri-konzentrischen Weltwirschaft mit den Industrien in Westeuropa, Nordamerika und Rußland als Kernräumen.

Einzelne Gedanken herauszugreifen, die den Praktiker besonders fesseln werden, ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Aus dem ersten Anschnitt dürften jedenfalls die Ausführungen über die Industrialisierung Rußlands und Japans dazugehören, aus dem zweiten Abschnitt das Kapitel über "Bilateralismus", der heute die autonome Handelspolitik beherrscht, und aus dem dritten Abschnitt das Schlußkapitel. über "Clearing und Regionalismus", das von den Problemen handelt, die uns auf dem Gebiet der Währungspolitik am stärksten berühren.

Ungeachtet der schweren Gedankenfracht der Theorien ist dies also ein Buch, das auch der interessierte Laie nicht ohne Nutzen für die eigene Meinung wieder aus der Hand legen wird.

H. S. Edye